Politik
Mit Steinschleuder, Messer und Brandsatz kämpft die junge Generation der Palästinenser gegen eine top-ausgerüstete Armee der Israelis.
Mit Steinschleuder, Messer und Brandsatz kämpft die junge Generation der Palästinenser gegen eine top-ausgerüstete Armee der Israelis.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 14. Oktober 2015

Gewaltwelle in Nahost: Einsame Wölfe versetzen Israel in Panik

Von Max Borowski

Die Gewalt im Heiligen Land erreicht die Ausmaße vergangener Aufstände. Doch die Strategien der israelischen Sicherheitskräfte von damals erweist sich im Kampf gegen eine neue Generation von Attentätern als wirkungslos.

30 durch Israel getötete Palästinenser - sieben israelisch-jüdische Todesopfer bei mehr als 20 Anschlägen auf der anderen Seite: Das ist die Bilanz des aktuellen Gewaltausbruchs in Israel und den Palästinensergebieten allein seit Anfang dieses Monats. Die Zahl der Opfer und die hohe Frequenz der Attentate erinnern an die Zeiten der ersten und zweiten Intifada. In Israel macht sich Panik breit: Die Innenstadt des jüdisch geprägten Westjerusalems sei nahezu ausgestorben, sagen Bewohner. Die Nachfrage nach Schusswaffen habe sich vervielfacht, ebenso die nach privaten Sicherheitsdiensten für Geschäfte und Restaurants, berichten israelische Medien.

Im gesamten Westjordanland und dem Gazastreifen kommt es seit Tagen zu Demonstrationen und Ausschreitungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften.
Im gesamten Westjordanland und dem Gazastreifen kommt es seit Tagen zu Demonstrationen und Ausschreitungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften.(Foto: REUTERS)

Die Angst der Israelis scheint auch deshalb so groß, weil die Sicherheitskräfte gegen die neue Generation von Attentätern keine Mittel haben. Fast alle mutmaßlichen Täter, die Israel in den vergangenen Wochen verhaften konnte, haben eines gemeinsam: Sie gehören keiner Partei oder militanten Gruppe an, niemand hat sie zu ihren Taten losgeschickt. Mit einfachsten Mitteln wie Messer oder einem Auto töten sie im Vergleich zu den verheerenden Sprengstoffanschlägern der Hamas und anderen Terrorgruppen in der Vergangenheit nur wenige oder manchmal gar keine Opfer. Doch der Terror, den sie verbreiten, hat die gleiche Wirkung.

"Der Unterschied zur ersten oder zweiten Intifada ist, dass man keine Führung und keinerlei Organisation ausmachen kann", sagt Riad Othman, Büroleiter der Organisation Medico International in Ramallah. Die Welle der Selbstmordanschläge während der zweiten Intifada konnte Israel beenden, indem es die Strukturen der Hamas und andere Gruppen im Westjordanland zerschlug - nicht zuletzt mit Hilfe der Sicherheitskräfte der palästinensischen Autonomiebehörde, die von den radikalen Islamisten ebenfalls bedroht waren. Gleichzeitig waren und sind die israelischen Geheimdienste über nahezu alle Aktivitäten dieser Gruppen informiert.

Israel verhaftet "Online-Hetzer"

Doch all das nützt nichts im Kampf gegen die neue Generation einsamer Wölfe, die keinerlei Verbindung zu militanten Organisationen haben. Die Täter - die meisten im Teenager-Alter - entschieden "am Morgen des Messerattentats oder höchstens ein, zwei Tage zuvor" zu handeln, zitiert die "New York Times" einen israelischen Offiziellen. Israel und auch die Autonomiebehörde verhafteten dem Bericht zufolge in den vergangen Wochen "Hunderte Online-Hetzer", um die Ausbreitung von Gewaltaufrufen und Glorifizierung von Attentaten in sozialen Netzwerken einzudämmen - jedoch ohne erkennbaren Erfolg.

"Die Maßnahmen der israelischen Regierung wie die Abriegelung arabischer Stadtteile in Jerusalem, Kollektivstrafen gegen Familien von Attentätern und drakonische Strafen für jugendliche Steinewerfer werden die Gewaltwelle nicht beenden, sondern eher anheizen", sagt Othman. Nicht nur die jüdischen Israelis litten unter der Gewaltwelle. "Die Opferzahlen zeigen, dass die Palästinenser den größten Preis bezahlen." Palästinenserpräsident Mahmud Abbas liege richtig, wenn er zu einem Ende der Attentate aufrufe, da sie der palästinensischen Sache schadeten. Einfluss auf die Täter habe das jedoch keinen.

Quelle: n-tv.de

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