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Der Rechner identfiziert einen "Critical Threat": Abfangraketen steigen auf.
Der Rechner identfiziert einen "Critical Threat": Abfangraketen steigen auf.(Foto: REUTERS)

Hightech-Schutzschirm für Israel: "Eisenkuppel" fängt Raketen ab

Ein mobiler Schutzschirm aus elektronisch gesteuerten Abfangraketen soll Israel vor tödlichen Überfällen aus der Luft schützen. Jedes Geschoss, das durchkommt, stellt ein millionenteures Rüstungsprojekt in Frage. Wie funktioniert der "Iron Dome" und wo liegen seine Schwächen?

Projekt "Eiserne Kuppel": Mit einem elektronisch vernetzten Schutzschirm versucht sich Israel vor Überfällen aus dem Gazastreifen zu schützen.
Projekt "Eiserne Kuppel": Mit einem elektronisch vernetzten Schutzschirm versucht sich Israel vor Überfällen aus dem Gazastreifen zu schützen.(Foto: REUTERS)

Mit dem Abschuss ungelenkter Raketen aus dem Gazastreifen fordert die Palästinenserorganisation Hamas die hochgerüstete Militärmacht Israel heraus. Um die Bevölkerung vor solchen Attacken zu schützen, vertrauen die israelischen Streitkräfte unter anderem auf das neuartige Raketenabwehrsystem "Iron Dome". Die neue Technik steht dem israelischen Militär seit Juli 2010 zur Verfügung.

Mit der jüngsten Zuspitzung erlebt die "eiserne Kuppel" ihre erste große Bewährungsprobe. Der "Iron Dome" basiert auf der Idee eines radargestützten Luftabwehrnetzwerks, bei dem mobile Raketenbatterien elektronisch gesteuert zusammenwirken, um anfliegende Geschosse weit vor ihrem Zielgebiet noch in der Luft abzuschießen.

Der martialische Name "Iron Dome" bezieht sich auf die erhoffte Schutzwirkung gegen Bedrohungen aus der Luft. An der "eisernen Kuppel" sollen - bildhaft gesprochen - alle feindlichen Geschosse abprallen. Das System soll dabei nicht nur anfliegende Raketen, sondern auch Artilleriegranaten rechtzeitig erkennen und ausschalten können. Ein wichtiges Vorbild sind die "Patriot"-Abwehrraketen aus den USA, die unter anderem in den beiden Irak-Kriegen 1991 und 2003 zum Einsatz kamen. Die Bedrohung durch einfliegende "Scud"-Raketen konnte das US-Sytem damals nur zum Teil ausschalten.

Der "Iron Dome" ist dagegen im Wesentlichen eine Eigenentwicklung der israelischen Rüstungsindustrie. Im Gegensatz zu den Patriots ist die gesamte Anlage auf kürzere Distanzen ausgelegt. Hersteller ist die staatliche Waffenschmiede Rafael Advanced Defense Systems mit Sitz in Haifa. In Unterlagen des Unternehmens wird das System als "effektive und innovative Lösung für die mobile Verteidigung gegen die Bedrohung durch Kurzstreckenraketen und Artilleriegranaten vom Kaliber 155 Millimeter in einer Entfernung von bis zu 70 Kilometern" beschrieben.

Nur Millisekunden für jede Entscheidung

Hightech im 'heiligen Land': Von der Steinschleuder bis zur Abwehrrakete war es ein langer Weg.
Hightech im 'heiligen Land': Von der Steinschleuder bis zur Abwehrrakete war es ein langer Weg.(Foto: REUTERS)

Das Funktionsprinzip klingt simpel, stellt jedoch Rüstungsingenieure und Programmierer aufgrund der hohen Geschossgeschwindigkeiten, der kurzen Zeiträume und den mitunter tödlichen Konsequenzen möglicher Fehleinschätzungen vor enorme Herausforderungen. "Der Radar erfasst und identifiziert die Rakete oder die Granate und überwacht ihre Flugbahn", heißt es in der Systembeschreibung des Herstellers Rafael.

Die Zieldaten der Radarerfassung werden demnach an eine Art Gefechtsfeld- und Waffenkontrolleinheit weitergeleitet und dort ausgewertet. Aus den Daten errechnet der Computer den wahrscheinlichen Einschlagspunkt. "Wenn die Flugbahn (des angreifenden Geschosses) eine ernste Bedrohung darstellt, geht binnen Sekunden ein Feuerbefehl an die Batterien und eine Abfangrakete wird gestartet", heißt es weiter.

Während des Aufstiegs empfängt die "Interceptor" genannte, überschallschnelle Rakete laufend korrigierte Daten zu den Flugbewegungen des Angreifers. Sobald sie im Zielgebiet eintrifft, schaltet sie zur Zielerfassung um auf das bordeigene Radar und korrigiert gegebenenfalls automatisch ihren Kurs, um sich dem Angreifer mit ihrem Gefechtskopf in den Weg zu legen. Wenn alles funktioniert, wird das angreifende Geschoss in einer genau platzierten Sprengwolke zerfetzt und über unbewohntem Gebiet unschädlich gemacht.

Was kostet der Krieg?

Israelische Abwehrraketen zerstören zwei anfliegende Geschosse.
Israelische Abwehrraketen zerstören zwei anfliegende Geschosse.(Foto: REUTERS)

Die "eiserne Kuppel" ist laut Hersteller "kosteneffizient", kann simultan gegen mehrere Bedrohungen vorgehen und weist eine "sehr hohe" Erfolgsquote in der Abwehr auf. Außerdem soll sie dem Verteidiger unter allen Wetterbedingungen zuverlässig Schutz bieten - bei Regen, Nebel, in Staubstürmen und durch tiefhängende Wolken hindurch.

Amerikaner und Europäer arbeiten längst an ähnlichen Verteidigungssystemen. Auch die Bundeswehr drängt auf die Einführung eines elektronisch gesteuerten Schutzschirms für Militärcamps und Außenposten. Das dazu vorgesehene "Nächstbereichsschutzsystem" namens "Mantis" stammt von Rheinmetall und befindet sich derzeit noch in der Erprobungsphase.

Die Angriffe der vergangenen Tage weiten sich für die israelische Luftverteidigung zu einer harten Belastungsprobe aus: In den vergangenen drei Tagen zählte die israelische Tageszeitung "Haaretz" insgesamt 550 in Richtung Israel abgefeuerte Raketen. Davon seien 26 in bewohntem Gebiet eingeschlagen und explodiert. Die Trefferquote des "Iron Dome" fällt damit unter Gefechtsbedingungen nicht ganz so überzeugend aus wie vom Hersteller versprochen: Bis Freitagmittag habe das Raketenabwehrsystem 109 Raketen erfolgreich abgefangen, hieß es. Der Großteil der von Kräften der Hamas abgeschossenen Projektile ging bislang über unbewohntem Gebiet nieder.

Im gleichen Zeitraum hätten die israelischen Streitkräfte im Rahmen der Operation "Säule der Verteidigung" laut "Haaretz" weit mehr als 500 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Das bringt die Israelis in eine heikle Lage: Die palästinensischen Raketen werden in der Regel aus getarnten, teils eingegrabenen Stellungen heraus abgefeuert. Der Gazastreifen ist dicht besiedelt. Die Bebauung bietet unzählige Möglichkeiten für versteckte Abschussrampen.

Ein weiteres Problem verbirgt sich für das israelische Militär in den ökonomischen Dimensionen der Abwehrmaßnahmen: Der "eiserne Dom" ist eine sehr kostspielige Art der Landesverteidigung. Verschiedenen Quellen zufolge reichen die Ausgaben von 40.000 bis zu 100.000 Dollar pro Start einer Abwehrrakete - Enwicklungs- und Unterhaltskosten nicht mitgerechnet.

Umstrittenes Rüstungsprojekt

Kritiker gehen daher davon aus, dass die Raketenabwehr Israel in jedem Fall sehr viel teurer zu stehen kommt als die schwierigere Suche nach einer friedlichen Lösung mit den Mitteln der Diplomatie. Und selbst in den Reihen der Militärs stößt das radarbasierte Abwehrsystem - unabhängig von der Trefferquote und der erreichten Zielgenauigkeit - weiterhin auf große Skepsis. Hardliner argumentieren, dass es das strategische Ziel der Verteidigung sein müsse, Raketenangriffe auf das Nachbarland generell als nutzlos und kostspielig erscheinen zu lassen.

Die Logik dahinter bewegt sich in ebenso einfachen wie brutalen Bahnen: Wenn sich jede Abschussrampe im Gazastreifen sofort mit tödlicher Wirkung bombardieren ließe und jeder Angreifer damit rechnen müsste, dabei in jedem Fall sein Leben zu verlieren, dann wäre das Risiko eines Raketenstarts womöglich bald auch in den Augen der Hamas-Anhänger inakzeptabel hoch.

Im Kern wäre ein solches Vorgehen allerdings nichts anderes als nackte Vergeltung - und eine Strategie, die aller Voraussicht sehr viel mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung in Kauf nehmen müsste. Einer Lösung des Nahostkonflikts kämen die Menschen in der Region damit auch ohne "Iron Dome" keinen einzigen Millimeter näher.

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Quelle: n-tv.de

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