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Jede der Palastwachen steht für einen von 16 Staaten, den das türkische Volk in seiner Geschichte geschaffen hat.
Jede der Palastwachen steht für einen von 16 Staaten, den das türkische Volk in seiner Geschichte geschaffen hat.(Foto: REUTERS)

Rückkehr des Osmanischen Reiches: Erdogan erfüllt sich seine Träume

Von Issio Ehrich

Wächter mit Speer und Schild bei Staatsempfängen, die osmanische Sprache als Pflichtfach und ein Palast, von dem die Sultane nur träumen konnten. Der türkische Präsident Erdogan baut sich seine "neue Türkei". Und das nicht nur durch historische Symbole.

Inbrünstig ertönen Bläser und Trommelschläge. Die Palastwächter nehmen Haltung ein und bilden ein Spalier auf der großen Treppe. Sie tragen Helme voller Ornamente, Rüstungen und Umhänge. Als das Oberhaupt ihres Reiches die Szene betritt, recken sie schon ihre Speere in die Höhe. Es ist der 12. Januar und wir schreiben das Jahr 2015. Richtig, 2015, nicht 1315.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat an diesem Tag hohen Besuch: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas erweist ihm die Ehre. Doch das ist nicht der wahre Grund für den Historien-Pomp. Erdogan zelebriert derzeit bei jeder Gelegenheit die türkische Geschichte. Die Zierwachen in historischen Kostümen, die nun zum "regulären Bestandteil" von Empfängen werden sollen, sind nur sein jüngster Streich. Tatsächlich ist der 60-Jährige im Begriff, sich seine kühnsten Träume zu erfüllen. Er baut sich seine "neue Türkei" auf - eine Türkei mit einem sunnitisch-nationalistischen Anstrich und einem Status als Großmacht, der dem des Osmanischen Reiches zu seinen besten Zeiten nahe kommen soll.

Topkapi ist ein Witz dagegen

Am auffälligsten für dieses Vorhaben sind die äußeren Zeichen, die Erdogan nach und nach etabliert. Da ist etwa sein neuer Palast "Ak Saray". Die Deckenhöhe der Räume beträgt fünf Meter. Überall zieren aufwändige osmanische und seldschukische Motive die Wände. Hinzu kommen ein Hubschrauber-Landeplatz und eine atombombensichere Befehlszentrale.

Laut Erdogan mit mehr als 1150 Zimmern: der Palast des Staatspräsidenten.
Laut Erdogan mit mehr als 1150 Zimmern: der Palast des Staatspräsidenten.(Foto: AP)

In europäischen Medien spotteten viele darüber, dass der Palast 1000 Zimmer habe. Erdogan erwidert: "Lassen Sie mich Ihnen sagen, er beherbergt mindestens 1150 Zimmer, nicht nur 1000." Er nennt den Bau angemessen, angesichts des Status seines Landes. Darauf, dass der Topkapi-Palast, in dem über Jahrhunderte die osmanischen Sultane lebten, ziemlich bescheiden gegen seinen Prunkbau wirkt, verweist er nicht.

Zum "Ak Saray" kommt bald wieder ein Staatswappen. Das gibt es in der Türkei eigentlich seit 1923 nicht mehr. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches trennte sich der Gründer der modernen türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, auch ideell von der historischen Linie des Sultanats und wandte sich gen Westen, eine radikale Säkularisierung inklusive. Nun, 90 Jahre später, entsteht wieder ein Wappen. Das Parlament ist gerade im Begriff, eine Kommission aufzubauen, die über das Design entscheidet.

Für unerlässlich hält Erdogan auch eine Sprache, die auf die Geschichte seines Landes verweist. Er setzt sich dafür ein, dass Osmanisch, eine Sprache, gegen die Latein wie das Wort der Straße wirkt, Pflichtfach in der Schule wird. Der Bildungsrat des Landes hat den besonders religiösen Imam-Hatip-Schulen bereits empfohlen, diesem Wunsch zu entsprechen. Geht es nach Erdogan, steht in türkischen Schulbüchern künftig obendrein, dass es Muslime waren, die als erstes den amerikanischen Kontinent entdeckt haben.

Nicht nur Spielereien eines Größenwahnsinnigen

Man kann all das als Spielereien eines Größenwahnsinnigen abtun, der in Wirklichkeit keine Macht hat. Der Staatspräsident in der Türkei hat per Verfassung schließlich nur eine repräsentative Funktion. Wer Erdogans Historien-Pomp auf diese Weise abtut, wird der aktuellen Lage allerdings kaum gerecht.

Es lässt sich nur schwer leugnen, dass die Türkei in den vergangenen Monaten wieder an Bedeutung gewonnen hat, nicht nur in der Region, sondern auch darüber hinaus. Der Hauptgrund dafür ist die Gefahr, die vom Islamischen Staat (IS) ausgeht. Ohne die Hilfe der Türkei fällt es der westlichen Allianz schwer, dieser Bedrohung Herr zu werden.

Die Abhängigkeit des Westens manifestiert sich mehr und mehr auf Erdogans Gästeliste. In den vergangenen Wochen wurde ein hochrangiger Regierungsvertreter nach dem anderen bei ihm vorstellig, darunter die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, auch US-Vizepräsident Joe Biden war da und der britische Ministerpräsident David Cameron. Der Türkei kommt in dem Konflikt eine Schlüsselrolle zu.

Auch der neue Kalte Krieg in Europa erhöht das Gewicht Ankaras. Russlands Präsident Wladimir Putin buhlt offensiv um die Gunst der türkischen Führung. Nachdem das Southstream-Projekt - eine Pipeline, die an der Ukraine vorbei russisches Gas direkt in den Süden Europas leiten sollte - im Dezember am Widerstand der EU gescheitert war, setzte Putin auf Erdogan. In einem beispiellosen Wirtschaftspakt beschlossen die beiden Staatschefs, dass künftig mehr russisches Gas in die Türkei fließen soll. Will die EU etwas davon abhaben, muss sie in Ankara anfragen. Eine Revanche Putins  - ganz nach dem Geschmack Erdogans.

Das geopolitische Gewicht wächst

Bedeutsam ist: Bei allem Gezerre an Erdogans "neuer Türkei" bewahrt sie sich ihre Unabhängigkeit und nutzt ihre Stellung für ihre eigenen Interessen. Die USA hält sie beim Kampf gegen den IS hin. Erst wenn sich die Allianz gegen den Terror auch gegen Syriens Diktator Assad richte, werde Ankara wirklich helfen, so die Devise. Auch von Brüssel lässt sich die Türkei längst nicht mehr einschüchtern. Es ist kaum einen Monat her, da sagte Erdogan nach Kritik an der fehlenden Pressefreiheit in der Türkei: "Brüssel soll sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern." Der Türkei sei "egal, was die EU zu sagen hat, und auch egal, ob die EU uns aufnimmt". Auch Moskau hält Erdogan abgesehen von jedem Gas- und Wirtschaftspakt auf Distanz. Erstens bleibt die Türkei selbstredend Nato-Mitglied. Zweitens gilt der Kreml als einer der letzten Unterstützer Assads. Und den will Erdogan als einen Konkurrenten in der Region auf jeden Fall loswerden.

Kurzum: Der drohende Zerfall des Nahen Ostens und der neue Kalte Krieg zwischen Russland und der EU schaffen eine gänzlich neue Lage. Und so viel erscheint schon jetzt sicher: Das geopolitische Gewicht der Türkei ist dadurch so groß wie seit Jahren nicht.

Die Türkei könnte sich wieder zu einem wirklich großen Spieler in der Region entwickeln. Die Tendenz dorthin lässt sich zumindest erahnen. Wohlwissend lässt Erdogan auch als Staatspräsident keinen Zweifel daran, wer seiner Meinung nach an der Spitze dieser Macht stehen sollte: er selbst und das uneingeschränkt.

Schon als Ministerpräsident (2003 bis 2014) machte er große Teile der freien Presse praktisch mundtot. Die Opposition, seien es nun die Gezi-Bewegung oder die Anhänger des Exil-Predigers Fetullah Gülen, unterdrückte er ohne Skrupel. Zudem vollführte er gegen alle Widerstände im Land eine grundlegende Abkehr vom Säkuralismus. Und daran hat sich auch mit Erdogan als Präsident nichts geändert. Zwar hat er in der Theorie kaum Macht. Seine Netzwerke wirken aber weiter. Seit er Präsident ist, erging ein Haftbefehl gegen Gülen, der seit Jahren in den USA lebt. Etliche kritische Journalisten landeten im Gefängnis. Und selbst Bedienstete des Staates waren nicht sicher - vor allem wenn sie im Zuge von Korruptionsermittlungen  gegen Erdogan und seine politische Heimat, die AK-Partei, vorgingen.

Erdogan hofft nun auf eine starke Mehrheit der AK-Partei bei den Parlamentswahlen im Juni. Die würde eine Verfassungsänderung ermöglichen, für die sich Erdogan schon lange einsetzt. Der Status des Präsidenten würde sich dadurch grundlegend ändern - weg von der repräsentativen Funktion, hin zu direkter Regierungsmacht. Spätestens, wenn Erdogan dieser Streich gelingt, dürfte er sich wohl zu Recht wie ein neuer Sultan fühlen.

Quelle: n-tv.de

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