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Wer sind Sie? Was machen Sie da?: Erdogan schnauzt Diplomaten an

"Dies ist nicht Ihr Land, dies ist die Türkei": Mit wütenden Ausfällen reagiert Präsident Erdogan beim Prozessauftakt gegen zwei Journalisten auf die Anwesenheit ausländischer Diplomaten. Nun findet der Prozess hinter verschlossenen Türen statt.

Mit einem Wutausbruch hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf die Präsenz des deutschen Botschafters und anderer ausländischer Diplomaten als Beobachter im Prozess gegen zwei prominente Journalisten in der Türkei reagiert. "Dies ist nicht Ihr Land, dies ist die Türkei", empörte sich Erdogan in einer vom Fernsehen übertragenen Rede. Die Diplomaten könnten im Rahmen ihrer Vertretungen tätig werden, ansonsten sei eine Erlaubnis nötig.

In Istanbul hatte am Freitag der höchst umstrittene Prozess gegen die beiden regierungskritischen Journalisten der Zeitung "Cumhuriyet", Can Dündar und Erdem Gül, begonnen. Sie müssen sich nach einem Bericht über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Islamisten in Syrien wegen des Vorwurfs der Spionage und des Verrats von Staatsgeheimnissen verantworten.

Erdogan hatte persönlich Strafanzeige gestellt. Zum Prozessauftakt waren etwa 200 Besucher ins Gericht gekommen, darunter Kollegen, Oppositionspolitiker, einfache Bürger und ausländische Diplomaten. Erdogan warf den Diplomaten nun vor, sie hätten "Stärke demonstrieren" wollen. "Wer sind Sie? Was machen Sie da?", rief er wütend in seiner Rede aus.

Nachdem sich Oppositionspolitiker weigerten, den Gerichtssaal zu verlassen, wurde der Prozess auf den 1. April vertagt. Der Prozess findet künftig hinter verschlossenen Türen statt. Die Richter gaben zum Prozessauftakt einem entsprechenden Antrag der Staatsanwaltschaft statt. Die Unterstützer der beiden Angeklagten im Gerichtssaal reagierten empört auf den Ausschluss der Öffentlichkeit.

Fast 92 Tage Einzelhaft

Dündar und Gül haben wegen der Vorwürfe bereits 92 Tage im Gefängnis gesessen, die meiste Zeit in Einzelhaft. Auf Anordnung des obersten Gerichts wurden sie Ende Februar jedoch wieder freigelassen. In einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters kurz vor Prozessbeginn hielt Dündar an seiner Einschätzung fest: "Der Staat wurde bei einer Straftat erwischt und tut nun alles, um es zu vertuschen." Bei ihm und Gül handele es sich nicht um Beschuldigte, sondern um Zeugen.

Gegen den Prozess hatten der Europarat, internationale Journalistenverbände sowie unter anderen mehr als hundert Autoren in einem offenen Brief protestiert, unter ihnen Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Kritiker werfen der türkischen Regierung ein zunehmend repressives Vorgehen gegen oppositionelle Medien vor. Auf einer Rangliste zum Stand der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten. Dutzende Journalisten sind in dem Land inhaftiert.

Quelle: n-tv.de

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