Politik
"Baut Schulen, nicht Moscheen", sagt Fethullah Gülen. Ob er wirklich so liberal ist, wie er wirkt, ist allerdings umstritten.
"Baut Schulen, nicht Moscheen", sagt Fethullah Gülen. Ob er wirklich so liberal ist, wie er wirkt, ist allerdings umstritten.(Foto: REUTERS)

Gülens Rache am türkischen Ministerpräsidenten: Erdogans Nemesis

Von Issio Ehrich

Jahrelang war er Erdogans Verbündeter. Jetzt ist der islamische Prediger Fethullah Gülen der mächtigste Widersacher des türkischen Ministerpräsidenten.

Nemesis ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Rache. Und sie ist eine Göttin, die vornehmlich die menschliche Hybris bestraft. Dieser Tage nimmt der islamische Prediger Fethullah Gülen ihre Rolle ein. Er ist die Nemesis des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, er ist sein größter Widersacher.

Türkische Kommentatoren sind sich einig: Gülen steckt hinter den Korruptionsermittlungen gegen Erdogans Regierung. Und tatsächlich spricht vieles für diese These. Gülen hat nicht nur gute Gründe für Rachegelüste. Neben ihm gibt es wohl nur sehr wenige Türken, die einflussreich genug wären, um den übermächtigen Erdogan in ein derartiges Dilemma zu stürzen.

Die fromme Stimme aus dem Exil

Video

Gülen kam 1941 in der Provinz Erzurum in Ostanatolien zur Welt. Nach einiger Zeit in der Grundschule verließ er den Pfad der konventionellen Bildung. Als Sohn eines Imams ging er bei seinem Vater in die Lehre. Noch als Teenager erhielt er seine staatliche Predigerlizenz. Er veröffentlichte mehr als 60 Bücher. Heute betreibt Gülen mit seiner Hizmet-Bewegung Schulen, Kliniken und Medienhäuser in mehr als 100 Staaten auf der Welt. Darunter sind auch einige in Deutschland. Der 72-Jährige ist heute zweifelsohne einer der bedeutendsten Köpfe der Türkei – obwohl er dort schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr lebt.

Gülen musste die Türkei 1999 verlassen, weil er sich dem Vorwurf ausgesetzt sah, die traditionell säkular-kemalistische Türkei in einen islamischen Staat verwandeln zu wollen. Und Gülen ist noch immer umstritten, jedoch bedeutsamer denn je.

Das "Time Magazin" preist ihn als einen der 100 einflussreichsten Menschen auf dem Planeten. "Als mächtigster Befürworter der Mäßigung in der islamischen Welt führt Gülen eine dringend nötige Kampagne", heißt es in dem Blatt. Gülen war der erste islamische Gelehrte, der die Anschläge des 11. September verurteilte. Er traf sich schon mit Papst Johannes Paul II., setzt auf Dialog und sagt Sätze wie: "Baut Schulen, nicht Moscheen." Auch in Europa gilt er vielen als liberaler, weltoffener Muslim. Doch es gibt auch Kritiker. Die deutsch-türkische Islamkritikerin Necla Kelek schreibt: "Nach außen hin vertritt er eine Art Islam light, nach innen propagiert er einen machtbewussten islamischen Chauvinismus."

In seiner früheren Heimat gehen die Meinungen über ihn ähnlich weit auseinander. Viele werfen ihm vor, allzu sehr an der "glorreichen osmanischen Vergangenheit" seines Landes zu hängen. Doch es gibt mindestens genauso viele, die ihm folgen.

Gülen lebt heute im Exil in Pennsylvania, seinen Anhänger widmet er sich in wöchentlichen Videoansprachen im Internet, in denen er versucht, den Menschen bei religiösen Fragen, aber auch bei ihren alltäglichen Problemen zu helfen.

Eine zerbrochen Allianz

Mit Ministerpräsident Erdogan bildete Gülen einst eine Allianz. Zusammen etablierten sie eine islamische Partei an der Spitze des türkischen Staates, und zusammen brachen sie die Macht des einflussreichen Militärs. Gülen agierte dabei stets aus der Ferne mit Hilfe seiner Anhänger. Dank der Ausbildungsstätten der Hizmet-Bewegung konnten viele von ihnen prominenten Posten in der Gesellschaft einnehmen, aber auch im Justiz- und Beamtenapparat Karriere machen.

Als sie ihre gemeinsamen Gegner, die übermächtigen Generäle und die Kemalisten bezwungen hatten, fehlte Erdogan und Gülen allerdings der gemeinsame Feind. Plötzlich traten die Unterschiede mehr denn je zu Tage. Vor allem Gülens liberales Auftreten deckt sich nicht mit Erdogans etwas konservativeren Weltsicht. Entscheidender mag aber gewesen sein, dass Gülen Erdogan schlicht zu einflussreich geworden war. Seine Bewegung war nach den Prozessen gegen die Generäle schließlich eine der wenigen verbliebenen Instanzen, die ihm gefährlich werden konnten.  Und wahrscheinlich war es in den Tagen, als Erdogan dies bewusst wurde, dass der Ministerpräsident seiner Hybris erlag.

Nachdem es ihm nach Generälen und Säkuralisten auch gelang, die Jugend bei den Gezi-Protesten im Sommer zu übertönen - er überhörte Kritik oder ließ die Stimmen seiner Kritiker im Tränengas ersticken - entschied Erdogan sich, noch mehr Macht an sich zu reißen. Dabei nahm er auf seinen alten Verbündeten Gülen keine Rücksicht.

Im November drang an die Öffentlichkeit, dass Erdogan Gülens Dershane schließen lassen wolle. Dass sind jene Schulen der Hizmet-Bewegung, die in der Türkei auf die Zugangsprüfung für Universitäten vorbereiten. Sie sind nicht nur eine bedeutende Einnahmequelle für Gülen, sondern auch entscheidende Rekrutierungsstätten. Oft werden sie als Herz der Bewegung beschrieben. Ein Angriff auf die Dershane bot für Gülen mehr als genug Anlass, zurückzuschlagen.

Der Prediger ließ durch einen seiner Anwälte zwar beteuern, dass er nichts mit den Ermittlungen gegen das Kabinett Erdogan zu tun habe. Glaubwürdig ist die Beteuerung aber nur bedingt. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass die Regierung nach den Enthüllungen Medienberichten zufolge dafür sorgte, dass Hunderte hochrangige Istanbuler Polizeibeamte, von denen viele an den Ermittlungen beteiligt gewesen sind, versetzt wurden. Es handelte sich dabei vermutlich um Gülen-Anhänger. Sie führen für ihren Prediger in Pennsylvanie den Gegenschlag aus, einen Angriff auf einen Mann, der glaubte, die Türkei ganz allein regieren zu können.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen