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"Straight Outta Würselen": SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz.
"Straight Outta Würselen": SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz.(Foto: dpa)

Das Schulz-Rezept: Erfolg macht sexy

Von Judith Görs

Mit einem historischen Ergebnis wird Martin Schulz zum SPD-Chef und Kanzlerkandidaten gewählt: Das überrascht selbst Mitglieder der Partei. Die Frage ist: Wie hat "100-Prozent-Schulz" das eigentlich geschafft? Der Parteitag gibt Antworten.

"Die Prozente spielen ernsthaft keine Rolle", sagt Martin Schulz vor seiner Wahl zum SPD-Chef. Er wolle die Partei hinter sich versammeln - und nicht über Nachkommastellen grübeln. Muss er auch nicht. Hundert Prozent. Mit diesem Ergebnis hat er Parteigeschichte geschrieben. Kein anderer Parteivorsitzender in der Nachkriegsgeschichte hat ein derart eindeutiges Ergebnis erreichen können. Schulz - der Hundert-Prozent-Mann. Selbst innerhalb der SPD ist das nicht jedem geheuer.

"Das erinnert schon an die Volkskammer-Ergebnisse in der DDR", erklärt der Stuttgarter Rolf Gaßmann kurz nach der Abstimmung. Er ist vor 46 Jahren in die SPD eingetreten, hat noch Wahlkampf für Willy Brandt gemacht. Selbst der konnte in seiner gesamten Amtszeit von hundert Prozent nur träumen. Um Schulz hat sich unter den Genossen innerhalb kürzester Zeit ein nie dagewesener Kult entwickelt. 

Und es ist schwer zu sagen, was zuerst da war: der Schulz-Hype oder die Höhenflüge in den Umfragen. Michael Roth, SPD-Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, gibt eine recht eindeutige Antwort. Martin Schulz habe wieder deutlicher gemacht, "dass die SPD viel stärker und viel besser ist, als es die Umfragen in den vergangenen Jahren haben erscheinen lassen". Dennoch ist auch Roth überrascht worden von der Begeisterungswelle, die Schulz losgetreten hat - nicht nur innerhalb der Partei. Mit 13.000 Neueintritten habe niemand gerechnet. Die Frage ist, wie "der Mann aus Würselen" das geschafft hat. Und darauf gibt es mehrere Antworten.

Die Verzweiflung war groß

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Schulz' Erfolgsgeschichte ist von außen kaum nachzuvollziehen, liest man sie nicht auch als Schlusskapitel eines langen sozialdemokratischen Dramas. Noch vor einem Jahr musste die Partei mit 19 Prozent den schlechtesten Umfragewert seit Anfang der 90er Jahre verkraften. Manch einer unkte bereits, die Tage als Volkspartei seien endgültig gezählt, der Niedergang nicht mehr aufzuhalten. Stattdessen gewann ausgerechnet die AfD an Zustimmung. "Man muss sich fragen, wer inzwischen die größere Volkspartei ist - die SPD oder die AfD", hatte AfD-Chefin Frauke Petry nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr gestichelt. Diese Demütigung schmerzte.

Hinzu kam, dass der Kurswechsel der Partei während der Schröder-Jahre - Stichwort: Agenda 2010 - und die Kompromisse, die anschließend als Juniorpartner in der Großen Koalition geschlossen wurden, vielen Genossen kaum mehr vermittelbar waren. An der Basis setzte sich das ungute Gefühl fest, die SPD habe ihre Werte vergessen - und das wurde zuletzt auch dem ehemaligen Parteivorsitzenden angelastet. "Unter Sigmar Gabriel hatten Rentner und Hartz-IV-Empfänger über sieben Jahre keine Stimme", schimpft Annegret Hansen aus Berlin beim Parteitag. Das Selbstbewusstsein vieler Genossen war ramponiert.

Schulz macht positiven Wahlkampf

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Gleichzeitig wuchs die Sehnsucht nach einem, der die sozialdemokratischen Stärken wieder glaubwürdig verkörpert. Martin Schulz bedient dieses Bild. Er hat die lange innerparteiliche Identitätskrise der SPD größtenteils aus der Ferne beobachtet und sich im EU-Parlament als kompromissloser Kämpfer gegen Rechtspopulisten verkauft, während Gabriel in Berlin das unliebsame Freihandelsabkommen TTIP verteidigen musste. Auf Inhalte kommt es vielen Genossen im Moment ohnehin gar nicht so sehr an. Vor allem junge Parteimitglieder äußern sich froh darüber, dass sich die SPD dank Schulz "wieder traut, emotional zu sein". Wenn das mit Auftritten im Stile eines Rockstars einhergeht - umso besser.

Sympathiepunkte kann Schulz aber auch dadurch sammeln, dass er sich klar gegen einen Wahlkampf à la Donald Trump ausspricht. Er wolle sich dem politischen Gegner in einer fairen Auseinandersetzung stellen, sagt er. "Mit mir wird es keine Herabwürdigung des politischen Wettbewerbs geben. Wenn andere einen anderen Weg wählen, wird es am Ende die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler sein, darüber ein Urteil zu fällen." Von dieser Marschrichtung ist die AfD, die "gezielte Provokationen" während des Wahlkampfes befürwortet, scheinbar ausgenommen. Schulz bezeichnet die Partei wenig später als "Schande für die Bundesrepublik". Diesen Widerspruch nimmt ihm aber keiner übel.

"Würselen"-Spirit zum Mitnehmen

Schließlich ist da noch der Mensch Schulz, von dem Sigmar Gabriel sagt, er habe einen "klugen Kopf und ein heißes Herz". In seinen Reden betont der 61-Jährige immer wieder seine einfache Herkunft. Fast nie lässt er seine Heimat Würselen unerwähnt. Auf dem SPD-Parteitag werden von den Jusos sogar Jutebeutel mit der Aufschrift "Straight Outta Würselen" verteilt - offenbar, um den "Würselen-Spirit" auch unter jenen Genossen zu verteilen, die den 50.000-Einwohner-Ort bei Aachen noch nie aus der Nähe gesehen haben. Auch das verbindet. Irgendwie.

Tatsächlich begann die politische Karriere von Schulz in Würselen. Mit 31 Jahren wurde er dort Bürgermeister. Dass er der Stadt noch immer die Treue hält, werten viele Genossen als Zeichen für Bodenständigkeit. Und Schulz legt noch eine Schippe drauf, als er sagt: "Nun stehe ich hier vor Euch: ein Mann aus Würselen". Der Prophet und sein Mekka.

Quelle: n-tv.de

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