Politik
Islamistische Attentäter kommen ihrem Ziel näher: Angst und Schrecken verbreiten.
Islamistische Attentäter kommen ihrem Ziel näher: Angst und Schrecken verbreiten.(Foto: AP)

Bomben, Wahrheit und Selbstzensur: "Es herrscht ein Klima der Angst"

Die Fundamentalisten haben Etappensiege errungen. Doch wie reagieren? Mit Zurückhaltung und Verständnis? Nein, meint Wolfram Weimer. "Die laute, offene Kritik der freien Welt ist umso nötiger". Ein Gespräch über die geistigen Folgen des Anschlags.

n-tv.de: Worin liegt das eigentliche Ziel der Attentäter von Paris?

Wolfram Weimer: Der Mord an den Kollegen von "Charlie Hebdo" zielt auf uns alle. Es geht um unsere Meinungs- und Pressefreiheit in Europa. Die Räume dessen, was man kritisieren und worüber man lachen darf, sollen eng gebombt und klein geschossen werden. Radikal-Islamisten suchen mittlerweile viele Anlässe, um gewalttätig zu werden. Sie wollen ein Klima von Bedrohung und Angst verbreiten. Sie wollen die Regeln der freien Gesellschaften nach ihren fundamentalistischen Maßstäben neu definieren. 

Aber damit werden sie kaum Erfolg haben. Die Reaktionen der Europäer und auch der Medien sind eindeutig, oder etwa nicht?

Auf den ersten Blick stellt sich die politische Klasse, die kulturelle und mediale Elite und die breite Bevölkerung natürlich empört gegen den brutalen Terrorakt. Viele reden von einem "Jetzt erst recht!". Man werde die Pressefreiheit unbedingt verteidigen und mit der Kritik am Islamismus nicht leiser. Und doch besteht auf den zweiten Blick die Gefahr, dass wir uns in einen Kreislauf der Selbstzensur drängen lassen. Schon nach den Auseinandersetzungen um die dänischen Mohamed-Karikaturen sind viele Medien stillschweigend dazu über gegangen, manch heißes Eisen lieber nicht mehr anzufassen. Es werden zusehends unangenehme Themen tabuisiert. Es verbreitet sich wie langsam aufsteigender Nebel ein Klima der Angst.

Was meinen Sie damit genau?

Die Fundamentalisten haben Etappensiege in unserer Kultur errungen, weil sie die Koordinaten dessen verschieben, was angeblich religiöse Gefühle verletzen könnte. Nicht nur bei den Medien. Nikolausfeiern in Kindergärten werden abgesagt, Fußballvereine wie Real Madrid entfernen ihre Symbole mit christlichen Bezügen, Stewardessen werden gehalten, ihre Kreuze von den Halsketten abzulegen, islamkritische Kunstwerke oder Theaterstücke werden kaum mehr gezeigt. Ich halte das eher für ein Indiz von Feigheit als für Klugheit.

Was aber ist dagegen zu tun? Umgekehrt kann es ja auch nicht richtig sein, nun besonders aggressiv den islamischen Fundamentalismus anzuprangern und damit das Klima zwischen den Kulturen zu vergiften.

Wolfram Weimer, Verleger und Publizist.  Für n-tv.de verfasst Weimer die jeden Dienstag erscheinende Kolumne "Person der Woche".
Wolfram Weimer, Verleger und Publizist. Für n-tv.de verfasst Weimer die jeden Dienstag erscheinende Kolumne "Person der Woche".

Das stimmt natürlich. Andererseits ist die Wahrheit immer noch die beste Grundlage für Toleranz und Einvernehmen. Und zur Wahrheit gehört nun einmal, dass der Islamismus - wohlgemerkt nicht der Islam und nicht muslimische Minderheiten und schon gar nicht verzweifelte Flüchtlinge - eine gewalttätige Ideologie ist, die uns im 21. Jahrhundert noch ähnliche Probleme bereiten könnte wie Faschismus und Stalinismus im 20. Jahrhundert. Winston Churchill sprach 1945 von einem eisernen Vorhang, der sich zwischen Ost und West über Europa senke. Heute werden wir Zeugen eines neuen niedergehenden Vorhangs zwischen dem Westen und dem islamischen Raum - in unseren Köpfen wird der mit jedem Attentat dichter. Wir müssen zwar aufpassen, dass wir dabei nicht unsere eigenen Werte von Freiheit und Toleranz gefährden und selber Ressentiments befördern. Wenn andererseits unsere eigene Freiheit der Kunst, der Literatur, der Debatte und auch der Satire andere nicht ertragen können, dann dürfen wir sie darum nicht einschränken.

Es ist aber auch die Auffassung zu vernehmen, dass man aus Respekt vor dem Islam und seiner anderen Kultur unterschiedliche Grenzen für Kritik und Satire akzeptieren sollte?

Nein, das sehe ich anders. Das Gegenteil ist eher richtig: Wenn nämlich die Lage in islamistischen Regimen brutaler wird, wenn Millionen Menschen minimale Menschenrechte aberkannt werden, wenn Jugendliche fürs Demonstrieren gefoltert und Andersgläubige verfolgt und umgebracht werden – dann ist die laute, offene Kritik der freien Welt umso nötiger. Geistiger Opportunismus und Meinungsappeasement wären die völlig falsche Reaktion auf den neuen Totalitarismus. Alleine das Faktum, dass sich eine unerträgliche Frauen-Apartheid in vielen islamischen Ländern fest etabliert hat, dass Frauen millionenfach als Menschen zweiter Klasse unterdrückt werden, darf die freie Welt nicht ruhen lassen.

In Ihrem Verlag erschien 2012 das Jubiläumsheft des Satire-Klassikers von "Pardon". Haben Sie denn selber die heiklen Themen angesprochen? Und welche Reaktionen gab es ?

Für die Jubiläumsausgabe - fünfzig Jahre nach der Erstausgabe von "Pardon" - haben sich zahlreiche prominente Satiriker, Comedians, Karikaturisten, Journalisten und Schriftsteller zusammengefunden. Der Titel drehte sich just um die heikle Frage von Religion und Humor. Die Reaktionen reichten - wie immer bei Satire - von vernichtender Kritik bis zu wohlwollendem Applaus. Die meisten Leser werden sich einfach vergnügt und Hintersinn entfaltet haben. Die Redaktion verfasste ein "Geheimes Tagebuch von Gott" mit der zentralen Absicht, den Raum zwischen Religion und Humor auszuloten. Der Chefredakteur des Philosophiemagazins Wolfram Eilenberger schrieb dazu einen klugen, skeptischen, aber freiheitsverteidigenden Artikel: "Humor entsteht gerade aus der Spannung zwischen Endlichem und Unendlichen, dem offenen Abgrund zwischen dem Bedingten und dem Unbedingten". Genau diesen Abgrund sollten wir uns nicht zu bomben lassen.

Mit Wolfram Weimer sprach Tilman Aretz

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Quelle: n-tv.de

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