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Mitglieder des TGB protestieren in Iskenderun gegen die Stationierung der Patriots.
Mitglieder des TGB protestieren in Iskenderun gegen die Stationierung der Patriots.(Foto: REUTERS)

Angriff auf Bundeswehrsoldaten in der Türkei: "Es war ein symbolischer Akt"

Eine Gruppe Jugendlicher überfällt im türkischen Iskenderun deutsche Soldaten, einem von ihnen stülpen sie einen Sack über den Kopf. Die Soldaten hatten den Transport der Patriot-Raketen in die Türkei begleitet. Hinter der Attacke auf die Bundeswehrsoldaten steckt der "Bund Türkischer Jugendlicher" (TGB). Im Interview mit n-tv.de rechtfertigt der deutsche Vorsitzende der Organisation, Beyhan Yıldırım, die Aktion.

n-tv.de: Der TGB hat sich dazu bekannt, am vergangenen Dienstag Bundeswehrsoldaten angegriffen zu haben. Warum diese Attacke?

Beyhan Yıldırım: Wir wollen, dass die Außenpolitik der Türkei unabhängig wird. Nato- und US-Stützpunkte lehnen wir ab. Wie in Deutschland ist auch in der Türkei die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Stationierung der Patriot-Raketen.

Warum wurde einem Soldaten ein Sack über den Kopf gezogen?

Die Sache mit den Säcken

Der sogenannte Sack-Vorfall löste 2003 eine diplomatische Krise zwischen den USA und der Türkei aus: Elf türkische Soldaten in Zivil und 13 türkische Zivilisten waren im Juli 2003 von US-Truppen im Nordirak gefangengenommen. Dabei wurden ihnen Säcke über die Köpfe gezogen - ein Vorgehen, das bei Festnahmen von Terrorverdächtigen im Irak durch die US-Armee üblich war. 2006 wurde in der Türkei ein Film in Anlehnung an den Vorfall gedreht, "Tal der Wölfe: Irak", in dem der Filmheld Rache für die Demütigung nimmt.

2003 haben US-Soldaten im Norden des Irak türkischen Soldaten Säcke über den Kopf gezogen. Der Vorwand war, dass die diese Anschläge geplant haben sollen. Das hat in der Türkei für Empörung gesorgt.

Daraufhin haben Sie das als Protestform übernommen. Es war ja nicht das erste Mal, dass Sie Leuten Säcke über den Kopf gezogen haben.

Es war nicht das erste, sondern das dritte oder vierte Mal. Einmal wurde versehentlich ein Tourist getroffen, bei dem man sich dann aber auch entschuldigt hat. Jedes Mal sagt man auch zu dem Soldaten: "Wir werden dir nichts tun." Man schildert kurz den Hintergrund, warum diese Aktion gemacht wird. Es ist ein symbolischer Akt gegen die USA. Deutschland ist eigentlich nicht das Ziel.

Wie viel Gewalt wurde angewendet?

Das kann ich nicht genau sagen. Aber Angst hat es bestimmt ausgelöst.

Die Täter haben den Soldat also festgehalten, ihm einen Sack übergestülpt, den Sinn der Aktion erklärt und dann wurde er wieder freigelassen?

Zuvor haben sie das gesagt und danach noch einmal. Und sie haben dem Soldaten geholfen, sein Gesicht zu waschen.

Es war von einem "weißen Pulver" die Rede. Was war das?

Ein US-Soldat 2003 mit Gefangenen im Irak.
Ein US-Soldat 2003 mit Gefangenen im Irak.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Das war einfach ein Mehlrest aus dem Sack.

Wie lange ist der Soldat gefangen gehalten worden?

Nur ganz kurz, Sekunden. Der Akt war ja rein symbolisch.

Wie eng stehen Sie mit den Tätern im Kontakt?

Ich kenne nicht alle, die involviert sind, aber die Führenden, den Vorsitzenden zum Beispiel.

Waren Sie an der Planung irgendwie beteiligt?

Nein. Aber wir protestieren hier vor Ort mit dem gleichen Ziel. Zum Beispiel haben wir an dem Tag, an dem der Patriot-Einsatz beschlossen wurde, im Bundestag interveniert.

Interveniert?

Ich habe von der Besuchertribüne aus den letzten Redner kurz vor Schluss unterbrochen und gesagt: "Sie machen hier einen historischen Fehler. Haben wir nichts aus der Geschichte, dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gelernt? Das Ganze wird nur zur weiteren Eskalation der Syrien-Krise führen!" Wir sind der Auffassung, dass die Ideale der Aufklärung in Europa erodieren. Von den USA brauchen wir gar nicht zu sprechen.

Aber was für einen Schaden hat die Türkei durch diesen Einsatz?

Durch die Nato haben die USA in vielen Ländern Schattenregierungen installiert. Diese Schattenregierungen haben pro-sowjetische und anti-amerikanische Elemente wie Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, Studentenführer und Intellektuelle beseitigt - Menschen, die die Errungenschaften der Republik vertreten haben.

Braucht die Türkei nicht die Hilfe der Nato, weil sie alleine zu klein wäre, um sich verteidigen zu können?

Die Nato ist kein Verteidigungsbündnis. Sie dient dazu, die Machtpolitik der USA umzusetzen. Deutschland sollte sich nicht instrumentalisieren lassen. Sie müssen das verstehen. In Deutschland gilt aus historischen Gründen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Für Länder wie die Türkei und Syrien sind nationale Unabhängigkeit und Souveränität unantastbar. Das liegt daran, dass diese Länder lange durch Kolonialismus und Imperialismus unterdrückt wurden. Wir sind da viel sensibler. Darum gibt es in der Türkei große Proteste gegen den Einsatz. Die Regierung hat darum auch keinen Parlamentsbeschluss über die Stationierung der Patriot-Raketen herbeiführen können. Ist es nicht kurios, dass das deutsche Parlament gefragt wurde, das türkische aber nicht?

Sie sagen, das syrische Volk solle selbst über das Schicksal Syriens entscheiden. Wer vertritt Ihrer Meinung nach das syrische Volk?

Beyhan Yıldırım ist Vorsitzender des TGB Deutschland.
Beyhan Yıldırım ist Vorsitzender des TGB Deutschland.

Im Vergleich mit anderen arabischen Ländern verfügt Syrien über die demokratischsten Institutionen. Die Beteiligungsrechte dort, etwa für Genossenschaften und Gewerkschaften, sind sehr entwickelt. Ebenso die Rechte von Frauen. In den westlichen Medien wird darüber nicht berichtet. Die syrische Führung bildet eine Achse mit Iran und der Hisbollah im Libanon. Diese Achse wollen die USA brechen. Darum wird über die Medien mobilisiert. Was erfahren wir über die unmenschlichen Verhältnisse in Saudi-Arabien oder Kuwait? Ganz, ganz wenig - weil diese mit den Amerikanern paktieren.

Es gibt einen Unterschied zwischen Saudi-Arabien und Syrien: In Syrien gab es Demonstrationen mit Hunderttausenden, die von der Armee Assads auseinandergeschossen wurden. Glauben Sie wirklich, dass Assad vom syrischen Volk unterstützt wird?

Also, in Syrien herrscht zurzeit ein Bürgerkrieg. Daran besteht kein Zweifel. Aber ich will sagen, warum die Führung den USA ein Dorn im Auge ist ...

... das ist klar geworden. Aber Sie sagen, über Syrien muss das syrische Volk entscheiden. Die Frage ist: Wie kann das syrische Volk entscheiden, solange der Machthaber nicht frei gewählt ist?

Er ist frei gewählt. Es finden Wahlen statt und es gab auch eine Volksabstimmung über die Verfassung.

Unter sehr merkwürdigen Bedingungen.

Es ist doch kaum vorstellbar, dass sich ein Machthaber so lange an der Macht hält, wenn er von der Mehrheit nicht toleriert wird.

Man sieht doch das Gegenteil: Auch Mubarak und Gaddafi haben sich lange an der Macht gehalten. Beide sind vom Volk abgelehnt worden. Warum sollte es bei Assad anders sein?

Ich habe meine Argumente genannt.

Wäre es Ihnen am liebsten, wenn Syrien unter der Herrschaft Assads wieder so wird, wie es vor drei Jahren war?

Es geht nicht um Assad. Es geht um eine Führung, die die territoriale Integrität bewahrt, die keinesfalls - wie in Libyen - das Land ins Chaos stürzt. Die "New York Times" hat geschrieben, dass es vielleicht ein Fehler war, Gaddafi abzusetzen. Unsere Organisation kämpft gegen mittelalterliche Sichtweisen, gegen Menschen wie die Islamisten, die Rationalismus ablehnen. Die Baath-Partei von Assad hat in dieser Hinsicht viel erreicht.

Die Exilregierung besteht nicht aus Islamisten. Wäre das nicht eine Gruppe, die Sie unterstützen könnten?

Wenn diese Regierung sich wie Erdoğan verhält, dann nicht.

Weil sie zu islamisch geprägt ist?

Das muss man genauer sagen: Sie sind gegen Wissenschaft, gegen Beteiligungsrechte für Frauen, gegen Minderheiten und Andersdenkende. Und: Sie entwickeln sich zu Marionetten der USA.

Mit Beyhan Yıldırım sprach Christoph Herwartz

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Quelle: n-tv.de

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