Politik
Eigentlich taucht "Germany" in philippinischen Zeitungen selten auf. Derzeit ist das anders.
Eigentlich taucht "Germany" in philippinischen Zeitungen selten auf. Derzeit ist das anders.

Flüchtlingsdebatte am Westpazifik: "Eure Nation ist jetzt im Krieg"

Von Benjamin Konietzny, Dumaguete

In Südostasien ist Deutschland weit weg - nicht bloß geographisch. Deutsche Politik spielt kaum eine Rolle. Die Flüchtlingsdebatte hat es jedoch auch bis hierher geschafft - mit überraschenden Einschätzungen.

Überraschenderweise lässt das Thema nicht lange auf sich warten: "Where are you from? Ah, Germany? Don't you take all the refugees?", fragt der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen Manila zum Hotel. Der Wagen überquert die Elendsviertel der drittgrößten Stadt der Welt auf einer Hochstraße und der Fahrer interessiert sich brennend dafür, warum Deutschland das alles tut und ob wir denn keine Angst hätten. Die Aussicht, die hysterische und ermüdende Debatte in Deutschland und Europa eine Weile hinter mir zu lassen, hat mir ganz gut gefallen. Doch daraus wird nichts.

"Überraschenderweise", weil Deutschland in der Wahrnehmung vieler südostasiatischer Staaten kaum eine Rolle spielt. Die Klischees lauten in der Reihenfolge ihrer Verbreitung: Bier, Wurst, Autobahn, deutsche (Automobil-)Ingenieurskunst. Hitler und Symbole aus dem Dritten Reich sind ebenfalls bekannt, werden jedoch nicht selten für positiv besetzte deutsche Folklore gehalten. Für die Präsidentschaftswahlen tritt ein Kandidat an, der stets ein Hemd mit Hakenkreuz trägt - für ihn ein Symbol militärischer Stärke. Mehr nicht. So viel zum Detailwissen über deutsche Kultur und Geschichte vielerorts.

Dennoch hat sich auch bis hierhin durchgesprochen, dass Deutschland Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Philippinische Zeitungen, in denen Deutschland oder deutsche Politik in der Regel nicht stattfinden, berichten regelmäßig über das Thema - über die politische Debatte, die Zustände in Flüchtlingsunterkünften und über rechte Übergriffe. Und auch die Menschen, die man hier trifft, kommen meist schnell auf das Thema zu sprechen, wenn sie hören, dass ihr Gegenüber aus Deutschland kommt.

"Du bist naiv"

Deutliches Unverständnis äußern viele israelische Touristen, die hier unterwegs sind. Es ist gewissermaßen eine Tradition, dass junge israelische Männer, die in ihrer Heimat den dreijährigen Wehrdienst abgeleistet haben, anschließend auf Weltreise gehen. Südostasien ist dabei ein beliebtes Ziel. Aaron und David etwa haben sich ein halbes Jahr Zeit genommen, um nach drei Jahren Drill in der Ferne durchzuatmen.

Das sei natürlich menschlich wundervoll, was die deutsche Regierung mache. In Israel spreche man viel darüber, auch in der älteren Generation, die teilweise noch vom Trauma des Holocausts geprägt sei, bewundere man das Engagement. Aaron und David sagen, sie würden sich wünschen, in einer Welt zu leben, in der so etwas einfach möglich sei - Menschen, die vor Krieg und Vernichtung fliehen, zu helfen. Doch sie haben es in ihrer Heimat anders gelernt. Sprechen sie von Arabern, sprechen sie in der Regel vom "Feind".

Denn die Realität sehe anders aus: "Wenn 2,7 Millionen Flüchtlinge in euer Land kommen, wie kannst du dann glauben, dass ISIS nicht klug genug ist, Terroristen in diesem Strom zu schicken?", fragt David energisch. "Die meisten Menschen fliehen doch vor dem Terror", "Die Geheimdienste leisten gute Arbeit", "Ich glaube, unser Land setzt damit ein wichtiges Zeichen" - all das zieht bei den beiden nicht. Sie lächeln müde und sagen: "Du bist naiv."

Assad will Europa erobern

Auf Reisen in den Philippinen sind auch viele Briten, Skandinavier und vor allem US-Amerikaner. Nach dem obligatorischen "Where are you from?" ist die Unterhaltung wieder schnell beim Thema Flüchtlingspolitik. Die meisten äußern Respekt und vor allem Briten und US-Amerikaner würden sich von ihren Regierungen mehr Engagement wünschen. Repräsentativ ist das freilich nicht, denn wir sprechen hier von vornehmlich jungen Rucksacktouristen in den Zwanzigern.

Interessant ist die Meinung der Philippiner. Wie gesagt: Deutschland spielt eigentlich keine große Rolle, doch dieses Thema hat es bis an den östlichen Rand Asiens geschafft. Einerseits sind die Philippinen das bisher einzige Land, das sich bereiterklärt hat, manche der Tausenden Bootsflüchtlinge - vornehmlich Rohingya aus Myanmar - aufzunehmen, die zum Teil seit Monaten in diversen asiatischen Gewässern herumschippern und für die sich keine Regierung verantwortlich fühlt. Das erzeugt eine gewisse Solidarität. Man kennt das Problem - wenn auch in anderem Maßstab - aus Asien und viele junge Menschen würden sich wünschen, dass es auch in Asien eine Regierung gäbe, die beginnt, in großem Maßstab Hilfe zu leisten.

Andererseits kursieren die wildesten Vermutungen über die Absichten der Flüchtlinge aus Syrien. Zum Beispiel die hier: Alle Syrer legen selbst Bomben, um ein Motiv zu haben, ihr Land zu verlassen und Europa zu erobern. Gesteuert ist die ganze Aktion freilich von Assad selbst, der zum neuen Herrscher Europas avancieren möchte. Nun gut.

Pegida statt Wahlen

Und dann gibt es noch die älteren Herren aus Deutschland, die es sich auf den Philippinen gutgehen lassen. Mittags ein paar Bier, abends zwei junge Ladys im Arm. Die Philippiner geben ihnen aufgrund ihrer speziellen Vorlieben nicht selten den Spitznamen "Dom" - "Dirty old men". Die meisten sind Frührentner und verbringen ihren Lebensabend mit einem Rentnervisum auf dem Archipel. Was Deutschland angeht, haben viele von ihnen resigniert - oder abgeschlossen. Gerd und Jens, die vor vielen Jahren aus Süddeutschland hergekommen sind, haben eigentlich überhaupt keine Lust auf deutsche Politik. Doch in Anwesenheit eines Journalisten lassen sie sich doch zu der einen oder anderen Einschätzung überreden.

"Wie gesagt, mir ist das eigentlich egal, was da passiert. Meine Heimat ist jetzt hier. Aber meiner Meinung nach haben diese Leute in Deutschland nichts verloren." Jens kann verstehen, dass es Menschen in Not gibt, die vor Krieg fliehen. "Aber warum springt dann zum Beispiel Saudi-Arabien nicht ein? Die haben doch genug Geld." Auch Gerd glaubt, seine alte Heimat "überfremde" gerade. An den nächsten Wahlen werden beide nicht teilnehmen, auch nicht per Briefwahl - wie gesagt, das Thema Deutschland ist abgeschlossen. Zu Pegida würde Gerd aber gehen, wenn er denn in Deutschland wäre. "Aber ist halt verflucht kalt gerade in Dresden, was?" Beide lachen und nehmen einen Schluck aus ihrer San-Miguel-Flasche.

Pegida sorgt sich, dass Terroristen mit den Flüchtlingen ins Land kommen könnten. David und Aaron, die beiden Rucksacktouristen aus Israel, finden diese Bedrohung realistisch und verstehen, dass die Menschen in Deutschland deswegen auf die Straße gehen. Paris beweise, dass dieses Szenario realistisch ist. Ob wir denn in Deutschland keine Angst vor einem Anschlag hätten, will David wissen. "Es ist zumindest verwunderlich, dass so etwas in Deutschland noch nicht passiert ist", antworte ich. "Es wird passieren", sagt er. Deutschland beteiligt sich am Kampf gegen den IS und das werde nicht unbeantwortet bleiben, ist er sich sicher. "Eure Nation ist jetzt im Krieg. Die Terroristen werden zurückschlagen." All das kennt er von zu Hause: Angst, Anschläge, Verdächtigungen. "Jetzt wisst ihr, wie wir uns fühlen", sagt er.

Quelle: n-tv.de

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