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Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich bei Instandsetzungsarbeiten.
Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich bei Instandsetzungsarbeiten.(Foto: dpa)

"Es droht eine nukleare Wolke": Ex-Direktor von Tschernobyl warnt

Schon seit langem gilt der Sarkophag um den Unglücksreaktor von Tschernobyl als extrem einsturzgefährdet. Nun schlägt der ehemalige Direktor des Kernkraftwerks Alarm: Jederzeit drohe eine Kettenreaktion mit Todesgefahr.

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25 Jahre nach der hat der frühere Direktor des Kernkraftwerks vor einem neuen schweren Nuklearunfall an der maroden ukrainischen Anlage gewarnt. Der damals explodierte Reaktor 4 sei in einem extrem unsicheren Zustand, sagte Michail Umanez in Kiew. Nach Angaben von Atomkritikern sind in Europa noch heute mehr als 600 Millionen Menschen gesundheitlich von der Katastrophe betroffen. In Berlin debattierte der Bundestag, welche Folgerungen aus Reaktorunglücken wie in Tschernobyl und zu ziehen sind.

Noch immer ist unklar, wie viele Menschen durch Tschernobyl starben.
Noch immer ist unklar, wie viele Menschen durch Tschernobyl starben.(Foto: dapd)

In Tschernobyl drohe jederzeit eine Kettenreaktion mit Todesgefahr, warnte der 73-jährige ehemalige Kraftwerksdirektor auf einer Greenpeace-Tagung zum Jahrestag der Katastrophe in Kiew. "Wir werden alle zu Verbrechern, wenn wir das nicht verhindern." Der damals notdürftig errichtete Sarkophag um den Reaktor gilt als einsturzgefährdet. Experten hatten eine "Lebensdauer" bis 2016 errechnet.

"Die Gefahr, dass die Metall- und Betonkonstruktion einstürzt, erhöht sich aber mit jedem Tag, weil die Radioaktivität die Materialien zersetzt", sagte Umanez. "Es droht eine neue nukleare Wolke, die auch wieder nach Westeuropa ziehen kann." Das bisher folgenreichste Unglück in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie ereignete sich am 26. April 1986.

Greenpeace auch besorgt

Auch Greenpeace-Experten sehen dringenden Handlungsbedarf. Unter der provisorischen Schutzhülle lagerten 190 Tonnen radioaktives Material, sagte der Atomphysiker Heinz Smital. "Im Fall eines Einsturzes könnten mindestens fünf Tonnen radioaktiver Staub freigesetzt werden, der beim Einatmen tödlich sein kann", sagte Smital.

Am meisten an den gesundheitlichen Folgen leiden die Tschernobyl-Liquidatoren erinnern sich von Tschernobyl, wie aus einer am Freitag in Berlin vorgestellten Veröffentlichung der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und der Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS) hervor geht. Bis 2005 seien von 830 000 der sogenannten Liquidatoren zwischen 112 000 und 125 000 gestorben. Über 90 Prozent seien heute schwer krank. Sie litten nicht nur an Krebs, sondern auch an hirnorganischen Schäden, Bluthochdruck und Magen-Darm-Erkrankungen. IPPNW-Mitglied Angelika Claußen sprach zudem von einem "erheblichen Anstieg" von Tot- und Fehlgeburten infolge der Katastrophe.

Vor allem Kinder erkrankten durch die Ansammlung der radioaktiven Stoffe in einigen Organen an Schilddrüsenkrebs. Viele der bösartigen Tumore würden zudem erst Jahre später entdeckt. Die Organisation bezieht sich hierbei auf eine Untersuchung von 2007, in der berechnet wurde, dass durch Tschernobyl bis 2056 knapp 240 000 zusätzliche Krebsfälle in Europa auftreten werden.

Die damaligen Aufräumarbeiter von Tschernobyl forderten die internationale Gemeinschaft zur Mitfinanzierung des seit langem geplanten "Super-Sarkophags" auf. Die verarmte ehemalige Sowjetrepublik will in diesem Monat auf einer weiteren Tschernobyl-Konferenz an die Vereinten Nationen appellieren, einen Teil der erforderlichen 1,6 Milliarden Euro aufzubringen.

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Quelle: n-tv.de

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