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SPD und Grüne schließen sich an: Experten fordern mehr Heroin

Sieben Modellversuche gibt es in Deutschland, bei denen künstliches Heroin an Abhängige abgegeben wird. Schwerstsüchtige sollen damit aus der Szene geholt, der Schwarzmarkt ausgetrocknet werden. Politiker und Wissenschaftler fordern, die Angebote auszudehnen.

SPD und Grüne fordern mehr künstliches Heroin für Abhängige in Deutschland. Hintergrund ist, dass es fast vier Jahre nach dem entsprechenden Beschluss des Bundestages noch immer nicht mehr Ambulanzen zur Abgabe der Droge gibt als in einer vorangegangenen Modellphase.

Der Hamburger Suchtforscher Uwe Verthein schätzt den Bedarf nach dem entsprechendem Stoff Diamorphin deutlich höher ein. "Heute sind gut 400 Patienten in der Diamorphinbehandlung", sagte Verthein. "Wir gehen von einem Bedarf für rund 1500, höchstens 3000 Patienten aus."

Kassen und Ärzte stellen sich quer

Die SPD-Drogenexpertin Angelika Graf forderte, Schwerstabhängige einen Ausstieg aus der Sucht zu ermöglichen oder sie zu stabilisieren. "Wir brauchen deshalb auch ein bedarfsgerechtes Angebot der diamorphingestützten Behandlung", sagte sie. Diese solle breit angeboten werden. Diamorphin-Ambulanzen gibt es in Bonn, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München.

Der Grünen-Drogenexperte Harald Terpe kritisierte: "Kassen und Kassenärzte haben die Rahmenbedingungen für die Diamorphintherapie in der Vergangenheit unnötig verschlechtert und damit den klaren Willen der überwiegenden Mehrheit des Bundestages ausgehebelt." Er begrüße, dass nun die entsprechende Richtlinie im Gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten, Kassen und Kliniken geändert werden solle. Das Thema steht am kommenden Donnerstag auf der Tagesordnung des Gremiums. Es regelt zentrale Details infolge des Gesetzes. Erwartet wird, dass die Bedingungen für die Ambulanzen erleichtert werden.

Früher helfen

Laut Wissenschaftler Verthein sind nicht nur mehr Ambulanzen notwendig, der Stoff müsse auch früher eingesetzt werden. Verthein hat die Erfahrungen der sieben deutschen Ambulanzen zur Abgabe des Stoffs Diamorphin ausgewertet. Sein Schluss: "Könnte eine Diamorphin-Substitution früher einsetzen, müssten die Abhängigen nicht erst so tief abrutschen." Bisher gilt eine Mindestabhängigkeit von fünf Jahren.

Es gebe nach wie vor Vorbehalte gegen Diamorphin. "Hier wiederholt sich die ideologische Debatte, die in den 80er und 90er Jahre ums Methadon geführt wurde." Dabei seien die Erfolge beeindruckend. "Die Lebensqualität steigt, der Gesundheitszustand verbessert sich, die soziale Situation wird stabiler." Die für Opiatkonsum typischen Angst- und depressiven Störungen könnten besser behandelt werden. Die Arbeitsfähigkeit erhöhe sich.

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Quelle: n-tv.de

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