Politik
Bürger der Interessengemeinschaft "Schönes Lünne" demonstrieren vor der Baustelle zur Erdgasprobebohrung des Energieerzeugers ExxonMobil.
Bürger der Interessengemeinschaft "Schönes Lünne" demonstrieren vor der Baustelle zur Erdgasprobebohrung des Energieerzeugers ExxonMobil.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Run auf unkonventionelles Erdgas: Experten warnen vor Risiko

Die großen Energiekonzerne stehen schon in den Startlöchern: Für Millionen Euro erforschen sie Lagerstätten von unkonventionellem Erdgas in Deutschland. Nun kritisieren Fachleute im Umweltausschuss des Bundestags die Ausbeutung der Gasvorkommen als riskant.

Mit dem Atomausstieg und immer knapper werdenden Rohstoffen setzen die großen Energiekonzerne in Deutschland verstärkt auf die Ausbeutung von Die Gier nach dem Gas . Doch Experten warnen nun bei einer Anhörung des Umweltausschusses des Bundestags. Ihr Tenor: Die Ausbeutung deutscher Gasvorkommen in tiefen Gesteinsschichten kann wegen des Einsatzes von Chemikalien zu Risiken für das Trinkwasser führen.

Eine Erdgasförderanlage in Lünne.
Eine Erdgasförderanlage in Lünne.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Zusatzstoffe könnten wassergefährdend und toxisch sein, sagte Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Es gehe darum, wie das Trink- und Grundwasser davor geschützt werden könnte.

Kritik kommt auch vom früheren Gelsenwasser-Chef Manfred Scholle. Er sieht die Gas-Förderung durch die Methode des sogenannten Fracking gerade in Ballungsgebieten als hohes Risiko. "Die 20 in NRW bereits zugelassenen Aufsuchungsfelder erstrecken sich etwa über die halbe Landesfläche und überlagern die Wasserschutzgebiete der Wasserwerke im Münsterland und an der Ruhr", betont er in seiner Stellungnahme. "Wenn dort etwas passiert, wären fünf Millionen Menschen betroffen." Zudem verweist er auf Berichte über Bodenverunreinigungen mit Quecksilber und Benzol. Es gebe weltweit genug andere Erdgasvorkommen, sagt Scholle.

Wirtschaftsverband sieht Chance

Hartmut Pick vom Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung, warb dagegen für die Methode: "Erdgas ist als CO2-armer Energieträger für die Energiewende unverzichtbar." Der weltweite Gasbedarf werde um 40 Prozent steigen. "Wir produzieren hier in Deutschland seit Jahren sicher und umweltschonend." In den vergangenen zehn Jahren hätten die Förderunternehmen in Deutschland zudem sieben Milliarden Euro an Förderabgaben gezahlt.

Mit den unkonventionellen Vorkommen könne eine Verlängerung der deutschen Erdgasförderung um 18 Jahre beim jetzigen Förderniveau erreicht werden. Pick forderte, schnell Rechtssicherheit zu schaffen und die Förderung von unkonventionellem Erdgas in Deutschland nicht zu stark zu beeinträchtigen.

Wasser oft chemisch verseucht

Nach Bohrungen verschmutztes Trinkwasser in Pennsylvania.
Nach Bohrungen verschmutztes Trinkwasser in Pennsylvania.(Foto: REUTERS)

Im Gegensatz zu konventionellem Erdgas, das in großen Blasen unter der Erde lagert und leicht zu fördern ist, ist unkonventionelles Gas nur schwer zugänglich, da es dicht gebunden im Gestein lagert. Zur Förderung verwenden die Firmen deshalb die Methode des Fracking: Dabei bohren sie erst ein Loch hunderte Meter tief in die Erde, dann pressen sie horizontal hunderte Kubikmeter Wasser, vermengt mit Sand und einem Chemikaliencocktail, durch die Gesteinsschichten. Der Sand und die Chemikalien sorgen dafür, dass die Risse offen bleiben und das Gas zum Bohrloch und an die Erdoberfläche wandern kann. Ein Teil des chemisch belasteten Fracking-Wassers wird nach dem Pressen zurück an die Erdoberfläche gepumpt, ein Teil versickert im Boden.

Studien zeigen, dass oftmals das Grundwasser nach dem Fracking chemisch verseucht ist. So wurden 2009 nach Bohrungen in den USA 40 Wasserquellen untersucht, in 11 von ihnen fand man Chemikalien, die beim Bohren verwendet wurden. "Eine Trefferquote von immerhin 25 Prozent", warnte der Experte "Ein totaler Humbug" vom kritischen Think Tank "Energy Watch Group" schon vor Monaten im Gespräch mit n-tv.de. Für ihn ist die Förderung ein "totaler Humbug".

In den USA, wo die Fracking-Methode schon weit verbreitet ist, wurden nahe den Gasfeldern außerdem Gasrückstände im Grundwasser entdeckt. Kritiker berichten von Wasserhähnen, die Feuer speien, und einem Haus, das aus diesem Grund in Ohio explodierte. Ärzte klagen über Atemwegserkrankungen, die vermehrt nach Gasbohrungen in der Umgebung aufgetreten sein sollen. Zudem ist die Klimabilanz schlechter als bei herkömmlichem Erdgas, da weit mehr Methan entweicht.

Widerstand in Deutschland wächst

Besonders in Niedersachsen ist die Erkundung von Schiefergas schon weit fortgeschritten.
Besonders in Niedersachsen ist die Erkundung von Schiefergas schon weit fortgeschritten.(Foto: picture alliance / dpa)

Bundesweit wächst inzwischen der Widerstand gegen Fracking, zumal das Abstecken der Gebiete oft intransparent abläuft. "Wir haben in Nordrhein-Westfalen so etwas wie ein flächendeckendes Stuttgart 21", sagt Volker Milk von der Bezirksregierung Arnsberg. Es sei ein Unding, wenn Bürgermeister aus der Presse erfahren, dass es bei ihnen Erkundungsgenehmigungen gibt.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) lässt mit einer Studie nun klären, wie groß das Risiko sein könnte. Die Grünen dringen darauf, Fracking solange nicht zu erlauben, bis die Risiken besser erforscht sind. Die SPD fordert, Genehmigungen nur unter strengsten Auflagen zu erteilen. Die Konzessionsflächen zur Erkundung des deutschen Untergrundes nach nicht-konventionellen Erdgaslagerstätten waren zuletzt auf 97.000 Quadratkilometer angewachsen - eine Fläche größer als Österreich.

Experte Borchardt betont, jetzige Bestimmungen seien nicht ausreichend. So seien bisherige Anträge auf Grundlage des Bergrechts genehmigt worden. "Danach sind zwar Umweltbelange zu prüfen, die Wasserbehörden jedoch nur zu informieren, nicht aber zu beteiligen." Für Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland ist der Fall klar: Gas komme bei der Energiewende eine Schlüsselrolle zu, aber nicht um jeden Preis. Fracking müsse wie in Frankreich verboten werden.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen