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Eine syrische Familie sitzt vor ihrer Flüchtlingsunterkunft im brandenburgischen Eisenhüttenstadt.
Eine syrische Familie sitzt vor ihrer Flüchtlingsunterkunft im brandenburgischen Eisenhüttenstadt.(Foto: picture alliance / Patrick Pleul)
Donnerstag, 19. Oktober 2017

Zahlen geringer als behauptet: Familiennachzug wird laut Studie überschätzt

Der Familiennachzug von Flüchtlingen ist politisch umstritten und auch in den Jamaika-Verhandlungen ein Knackpunkt. Doch anscheinend gibt es weit weniger Betroffene als bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommen Experten in einer neuen Untersuchung.

Die Debatte über den Familiennachzug von Flüchtlingen in Deutschland wird nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit viel zu hohen Zahlen geführt. "Die Zahl der im Ausland lebenden nachzugsberechtigten Angehörigen von Geflüchteten ist deutlich geringer als in der Öffentlichkeit angenommen wird", sagte der Zuwanderungsexperte Herbert Brücker. Auf jeden Geflüchteten kämen im Schnitt 0,28 nachzugsberechtigte Ehegatten oder Kinder, die im Ausland lebten - also etwa eine nachzugsberechtigte Person auf vier Flüchtlinge. In absoluten Zahlen wären das bis Ende 2017 150.000 bis 180.000 Personen.

Brücker widerspricht damit auch in der politischen Debatte genannten weitaus höheren Zahlen. Auf der Höhe der Flüchtlingszuwanderung 2015 war zeitweise von drei bis vier nachzugsberechtigten Familienangehörigen die Rede. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach noch Ende August von "gewaltigen" Zahlen, mit denen beim Familiennachzug von Syrern zu rechnen sei. "Wir schätzen auf jeden Flüchtling einen, der über Familiennachzug kommen wird", sagte der Minister.

Zwei Gründe für niedrige Zahlen

Der Studie zufolge ist das Nachzugspotenzial tatsächlich um zwei Drittel geringer, obwohl dieses bei Syrern in Deutschland besonders hoch ist und über dem Durchschnitt liegt: Auf drei syrische Geflüchtete kommt ein Nachzugsberechtigter. Selbst wenn über die Nachzugsberechtigten hinaus auch unverheiratete Lebenspartner oder erwachsene Kinder den Familiennachzug beantragen, fällt die Zahl mit 0,45 Nachzugsberechtigten pro Flüchtling nur halb so hoch aus wie von de Maizière in den Raum gestellt.

Brücker führte die niedrigeren Zahlen vor allem auf zwei Gründe zurück. Die Geflüchteten seien häufig ledig, nicht einmal jeder Zweite sei verheiratet und nur 43 Prozent hätten Kinder. Die Mehrheit der verheirateten Geflüchteten sei zudem gemeinsam mit dem Ehepartner nach Deutschland gekommen, nur 27 Prozent hätten Ehepartner in Herkunfts- und Transitländern zurückgelassen. Auch die Mehrheit der Kinder sei mitgekommen.

Grundlage für Jamaika-Gespräche

Die Studie liefert eine Zahlengrundlage für einen der Streitpunkte zwischen Union, FDP und Grünen für eine mögliche Jamaika-Koalition. CDU und CSU wollen den Familiennachzug für Geflüchtete mit subsidiärem Schutzstatus über März 2018 hinaus aussetzen. Die Grünen wollen auch für sie den Nachzug von Ehegatten und minderjährigen Kindern erlauben. Darauf haben nach geltendem Recht derzeit nur anerkannte Asylbewerber und Flüchtlinge nach der Genfer Konvention einen Anspruch. Auf sie entfallen der Studie zufolge zum Jahresende 2017 100.000 bis 120.000 Ehegatten und minderjährige Kinder im Ausland. Bei Flüchtlingen mit subsidiärem Schutzstatus seien es 50.000 bis 60.000.

Brückers Studie beruht auf einer repräsentativen Befragung von über 4800 erwachsenen Flüchtlingen. Der Forscher zog dazu auch Daten des Ausländerzentralregisters und der Visa-Statistik des Auswärtigen Amtes heran. Die Zahl der nachzugsberechtigten Familienangehörigen lasse sich so recht präzise bestimmen, sagte Brücker. Der tatsächliche Familiennachzug könne die Zahl der Nachzugsberechtigten möglicherweise erheblich unterschreiten. Dabei müsse aber auch berücksichtigt werden, dass auch Familienangehörige ohne Nachzugsanspruch in einem gewissen Umfang nach Deutschland nachziehen würden.

Was ist "subsidiärer Schutz"?

Einen eingeschränkten Status - "subsidiären Schutz" - erhalten Menschen, die nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention oder das deutsche Grundrecht auf Asyl fallen. Sie müssen zwar nicht in die Heimat zurück, etwa weil ihnen dort Todesstrafe oder Folter drohen oder Bürgerkrieg herrscht. Anders als Menschen mit Asyl- oder Flüchtlingsstatus bekommen sie aber zunächst nur eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr, die verlängert werden kann. Die schwarz-rote Koalition hatte unter anderem beschlossen, das Recht auf Familiennachzug für Menschen mit "subsidiärem Schutz" für zwei Jahre komplett auszusetzen.

 

Quelle: n-tv.de

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