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Täter im Berliner Landesverband: Gab es ein grünes Missbrauchs-Netzwerk?

Von Issio Ehrich

Im Berliner Landesverband der Grünen waren in den 1980er und 1990er Jahren zwei verurteilte Päderasten. Selbst als einer von ihnen eine Arbeitsgruppe "Jung und Alt" gründete und "Hausaufgabenhilfe" anbieten wollte, reagierte die Partei nicht.

Bettina Jarasch spricht von "falsch verstandener Toleranz" und "Blindheit für den Machtmissbrauch" Erwachsener an Kindern. Sie sei deswegen noch immer "fassungslos". Es ist kein angenehmer Termin für die Vorsitzende der Berliner Grünen. Jarasch stellt einen Bericht über pädophile Umtriebe in ihrem Landesverband in den 1980er und 1990er Jahren vor. Der Bericht ist Teil eines großangelegten Aufarbeitungsprozesses der gesamten Partei. Und er macht sehr deutlich: Jaraschs Landesverband stellt einen besonders heftigen Fall dar.

Mitglieder haben nicht nur für die Straffreiheit für Sex mit Kindern plädiert, so wie sie es in anderen Landesverbänden und in der Bundespartei auch getan haben. Zwei Berliner Grüne waren mehrfach verurteilte Sexualstraftäter. Und wahrscheinlich gab es gar ein Päderasten-Netzwerk, dessen Mitglieder sich an dutzenden vielleicht gar hunderten Jungen vergangen haben.

Schon im Aufarbeitungsbericht der Bundespartei, der unter der Federführung des Politikwissenschaftlers Franz Walter entstanden ist, kamen die beiden Berliner Päderasten vor. Allerdings derart abstrakt, dass ihr Wirken keinen größeren Aufschrei in der Öffentlichkeit provozierte. Das dürfte sich mit dem Berliner Bericht ändern.

"Hausaufgabenhilfe" und "Butterfahrten"

Einer der beiden Päderasten unter den Grünen war Dieter F. Ullmann, der während seiner Zeit in der Partei mehrmals wegen sexuellen Missbrauchs in Haft war. Im Mittelpunkt der pädophilen Umtriebe im Landesverband stand aber Fred Karst. Der trat der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz (AL), die später in die Grünen aufging, 1983 bei. Damals war er noch Häftling der Justizvollzugsanstalt Tegel - wie Ullmann wegen sexuellen Missbrauchs. Karst machte sich immer wieder für die Abschaffung der Paragrafen 174 und 176 StGB stark, die Sex mit Kindern verbieten. In der Arbeitsgemeinschaft "Knast" setzte er sich für die Interessen inhaftierter Sexualstraftäter ein.

Die Berliner Grünen-Spitze: Daniel Wesener und Bettina Jarasch.
Die Berliner Grünen-Spitze: Daniel Wesener und Bettina Jarasch.(Foto: picture alliance / dpa)

Karst inszenierte wie alle pädophilen Aktivisten in der Partei die Täter sexueller Gewalt als Opfer, als unterdrückte Minderheit. Dieser Darstellung lag die verschrobene Vorstellung zugrunde, dass es einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen und Kindern geben könnte. Eine Vorstellung, der auch viele Grüne erlagen, die eigentlich nichts mit Pädophilie zu tun haben wollten. Im Bericht heißt es dazu: "Ideologisch herrschte ein Minderheitendogma: Man verstand sich als Sprachrohr und Lobby gesellschaftlich diskriminierter Gruppen." Landeschefin Jarasch sagt deshalb heute. "Wir schämen uns für das institutionelle Versagen unserer Partei." Das Klima der sexuellen Revolution sei keine Entschuldigung.

Die Grünen schauten auch weg, als Karst 1992 eine allzu offensichtliche Arbeitsgemeinschaft gründete: die AG "Jung und Alt", eine Untergruppe im Schwulenbereich der AL. Mit dieser Gruppe organisierte der verurteilte Päderast Campingausflüge unter dem Motto "Sicheres Zelten ist möglich". Auch mit "Butterfahrten" an die Ostsee warb er. 1993 beantragte Karst Projektmittel, um eine Wohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg zu mieten. Er wollte dort "Hausaufgabenhilfe" anbieten.

Als glaubhafte Zeugen bleiben nur noch die Opfer

Die zuständige Bezirksgruppe lehnte Karsts Antrag zwar ab. Erst 1995 allerdings, nachdem Karst ein weiteres Mal verurteilt wurde, weil er einen acht Jahre alten Jungen missbraucht hatte, strebte der Landesverband ein Parteiausschlussverfahren an. Was in den Jahren zuvor in der Gruppe "Jung und Alt" geschehen ist, wie viele Mitglieder sie hatte, ob es durch diese Institution der Grünen zu systematischen Missbrauch von Kindern kam, all das ist heute nicht zweifelsfrei bekannt - auch weil sich die Berliner Grünen damals nicht wirklich darum kümmerten.

Für Daniel Wesener, der wie Jarasch Vorsitzender der Berliner Grünen ist, ist allerdings klar: "Vieles deutet darauf hin, dass hier auch im grünen institutionellen Bereich Kinder Opfer von sexueller Gewalt geworden sind." Wesener befürchtet allerdings, dass dies womöglich nie endgültig zu beweisen sein würde.

Die ernsthafte Aufklärung dieses Kapitels begann womöglich viel zu spät. Im Bericht des Berliner Landesverbands, an dem neben Parteimitgliedern auch Historiker und anderen externe Fachleute mitwirkten, heißt es zur AG "Jung und Alt": "Die Hauptakteure sind alle tot und wir haben niemanden gefunden, die oder der diese Frage über Mutmaßungen hinaus aufklären konnte." Die AG "Jung und Alt" bleibe eine "Black Box".

Die Grünen hoffen darauf, dass sich Opfer durch den Bericht ermutigt fühlen, zur Aufarbeitung beizutragen. Unterstützen könnte das ein Maßnahmekatalog, der von Entschädigungszahlungen bis hin zu Telefonhotlines reicht, und den die Grünen nun umsetzen wollen. Allerdings ist auch Jarasch und Wesener klar, dass die Grünen durch ihren Umgang mit Pädophilen in ihren Reihen das Trauma vieler Opfer vergrößert und sehr viel Vertrauen verspielt haben dürften. Vielleicht zu viel. Seit Ende 2013, seit sich die Grünen verstärkt um die Aufarbeitung dieses Kapitels bemühen, wandten sich nur sieben Opfer an die Partei.

Quelle: n-tv.de

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