Politik
Anonymous-Aktivisten an der Wall Street.
Anonymous-Aktivisten an der Wall Street.(Foto: dpa)

"Anonymous" macht Kampfansage : "Game over, Wall Street!"

von Sebastian Schöbel

Das wohl mächtigste Hacker-Netzwerk der Welt, "Anonymous", schließt sich offiziell der Bewegung "Occupy Wall Street" an. Sie könnte den Demonstranten als digitale Eingreiftruppe mit extrem großer Schlagkraft zur Seite stehen.

Es dürfte der meistgefürchtete Satz im Internet sein: "Wir sind Anonymous." Wenn das schwarze Logo mit dem kopflosen Anzugträger plötzlich eine Internetseite überdeckt, dann haben sie wieder zugeschlagen, die Hacker von Anonymous. Scientology, Konzerne wie Sony und Visa und selbst Regierungsbehörden wie die NATO und Ministerien im Iran sind vor den gesichtslosen Online-Aktivisten nicht sicher. Gut möglich, dass die Botschaften der Hacker-Gruppe bald auch über die Bildschirme US-amerikanischer Banken flimmern werden. Denn Anonymous hat sich der Bewegung "Occupy Wall Street" angeschlossen.

In zwei Videos auf YouTube stellte sich Anonymous in dieser Woche hinter die Tausenden Demonstranten in New York. Ihre "Botschaft an den Amerikanischen Herbst" ist eine Mischung aus Solidaritätsbekundung und Kampfansage. Anonymous wirft darin zunächst den Massenmedien und Eliten der USA vor, die Demonstranten erst ignoriert, dann verspottet und zuletzt brutal bekämpft zu haben - letzteres eine Anspielung auf das harte Durchgreifen der New Yorker Polizei. "Wir werden uns nicht von bloßen Beleidigungen und Propaganda unterkriegen lassen", erklärt eine künstliche Stimme im Video.

"Wir Meister der Kommunikation"

Dann folgt die Drohung an die Wall Street, überbracht in der für Anonymous typischen Revolutions-Prosa: "Schach-Matt, das Spiel ist aus," so die monotone Stimme im Off, "ihr habt die Saat des zivilen Ungehorsams gepflanzt - nun seht zu, wie das ganze Land erblüht und euch auffrisst". Das Video endet abrupt mit einem Testbild.

Ein zweites Video mit direktem Bezug auf "Occupy Wall Street" greift dieselbe Botschaft auf und erklärt mit Blick auf US-Medien und Finanzsektor: "Sie haben keine Ahnung, wozu wir fähig sind, wir Meister der Kommunikation, wir Dirigenten der Gedanken."

An der Wall Street ist Bewegung.
An der Wall Street ist Bewegung.(Foto: REUTERS)

Besonders bemerkenswert ist der Sprechertext des kleinen Films: Wird am Anfang von den "Occupy"-Protestlern noch in der dritten Person gesprochen, verschmilzt Anonymous schon kurz darauf mit der Bewegung zu einem "wir" - als ob Hacker und Demonstranten eine Einheit darstellen. "Wir sind das Volk und so sieht Demokratie aus."

Konkrete Angriffsziele nennt Anonymous nicht. Doch die Androhung konzertierter Aktionen auf der Straße und im Netz sollten Bankiers und Politikern zu denken geben. Denn wozu Anonymous fähig ist hat die Gruppe schon mehrfach unter Beweise gestellt: Sie kann in Windeseile ganze Internetseiten lahmlegen, vor allem durch sogenannte "Denial-of-Service"-Attacken, oder in komplexe Computersysteme eindringen und Daten stehlen.Vor allem aber weiß Anonymous, wie man sich im Web 2.0 Gehör verschafft. Das Netzwerk ist besonders gut darin, Botschaften unter das netz-affine, globalisierungs- und regierungskritische Volk zu bringen. Dabei bedient sich Anonymous einer Ästhetik und Bildsprache, die besonders die "Digital Natives", also die mit dem Internet aufgewachsene, ständig vernetzte Jugend, anspricht. Nicht umsonst wählte die Gruppe als universelles Erkennungszeichen die "Guy Fawkes"-Maske, in Anspielung auf den Anarcho-Revoluzzer der Comicbuch-Verfilmung "V for Vendetta".

Bereits Anfang der Woche hatte Anonymous der New Yorker Börse einen ersten "Besuch" abgestattet. Wie zur Vorwarnung legten die Hacker kurzzeitig die Internetseite der New York Stock Exchange lahm. Auf den Handel hatte die Aktion jedoch keine Auswirkung.

Nicht jeder bei "Occupy Wall Street" ist Anonymous-Fan

Es war nicht der erste Warnschuss der maskierten Internet-Anarchisten. Zuvor hatte Anonymous bereits auf die überzogene Gewalt der New Yorker Polizei reagiert, bei der mehrere demonstrierende Frauen verletzt wurden. Ein besonders schwerer Fall war die Pfefferspray-Attacke eines hochrangigen Beamten gegen unbewaffnete Aktivisten. Anonymous ermittelte die Identität des Polizisten und veröffentlichte die Informationen im Netz. "Du wusstest, wer die Frauen waren", schreibt Anonymous in einer Nachricht an den Polizisten, "jetzt dürfen sie erfahren, wer du bist." Gegen den betroffenen Beamten wird inzwischen ermittelt.

Doch die Aktion stieß bei den Demonstranten von "Occupy Wall Street" nicht nur auf Gegenliebe - vor allem nicht bei einem der Opfer der Pfefferspray-Attacke selbst. "Ich will nicht, dass ihm und seinen Kindern etwas passiert", sagte Chelsea Elliott dem Magazin Village Voice. Auch ein Sprecher der Bewegung distanzierte sich von Anonymous. "Ich bin sauer, dass die Informationen auf diese Weise veröffentlicht wurden. Wir sind keine Fans solcher Selbstjustiz."

Manchmal ist Anonymous sogar selbst überrascht vom Aktionismus seiner Mitglieder. Für den Mini-Angriff auf die New Yorker Börse, der mit großspuriger Weltuntergangs-Rhetorik angekündigt wurde, schien offenbar nur eine kleine Gruppe unerfahrener Anonymous-Hacker verantwortlich zu sein. Die Gruppe selbst distanzierte sich in einer weiteren Video-Botschaft von dem Übergriff - vor allem, weil die Methode untauglich war, den Börsenhandel zu beeinträchtigen. Da es jedoch keine zentrale Führung gibt, konnte die Aktion offenbar auch nicht unterbunden werden.

Es ist eine der Schwächen von Anonymous: So gezielt ihre Aktionen oft sein mögen, so unberechenbar sind die einzelnen, unabhängigen Mitglieder. Diese Strategie hat jedoch auch Vorteile: Dass zum Beispiel in den letzten Monaten mehrere Anonymous-Hacker verhaftet wurden, scheint das Netzwerk nicht wirklich zu schwächen.

Wie stark Anonmyous und "Occupy Wall Street" kooperieren, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. In ihrem Video rufen die Hacker die Demonstranten jedenfalls auf, die Proteste "durch den Winter" ins nächste Jahr zu tragen. Anonymous jedenfalls muss die Kälte nicht fürchten - sie drehen einfach die Heizung neben dem Computer auf.

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Quelle: n-tv.de

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