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Tausende Demonstranten in Stuttgart: Geißler gerät in die Schusslinie

S21-Schlichter Geißler gerät wegen seiner Äußerungen zur "Basta-Politik" in die Kritik - das Bahnvorhaben in Stuttgart sei nicht gegen den Willen der Bürger beschlossen worden, heißt es auf breiter Front. Nur einer stützt den Vermittler. Derweil gehen wieder Tausende Gegner des Projekts auf die Straße. Doch ihre Geschlossenheit bröckelt.

Der Vermittler im Konflikt um Stuttgart 21, Heiner Geißler, hat mit seiner Kritik an "Basta-Entscheidungen" bei dem Milliardenprojekt heftigen Widerspruch geerntet. CDU, FDP und Städtetag wehrten sich gegen den Eindruck, das Bahnvorhaben sei gegen den Willen der Bürger durchgedrückt worden. Der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) stützte aber Geißlers These, dass Großprojekte künftig anders vorbereitet und erklärt werden müssten. Indes empfahl der SPD-Politiker und Städtetagspräsident Ivo Gönner, bei der Landtagswahl entweder für die CDU oder die SPD zu stimmen, um Stuttgart 21 durchzusetzen.

"Dieses Projekt ist nicht durch Basta entschieden worden, sondern durch einen 15-jährigen Prozess", sagte CDU-Generalsekretär Thomas Strobl. Mit Blick auf den Regierungsstil von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) ergänzte er: "Basta war Schröder, nicht Mappus." Er kritisierte die SPD für ihre Forderung nach einem Volksentscheid. "Die SPD ist eine Partei, die zugleich dafür und dagegen ist." Der Generalsekretär der Bundes-CDU, Hermann Gröhe, versprach weiteren Rückenwind für das Projekt aus Berlin. "Das ist für die CDU fundamental: Dass wir uns hinstellen, wenn wir von etwas für dieses Land überzeugt sind."

Tausende Menschen auf der Straße

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Im Schlossgarten neben dem Stuttgarter Hauptbahnhof machten am Abend tausende Demonstranten erneut ihrem Unmut gegen das umstrittene Bahnprojekt Luft. Nach Angaben der Veranstalter versammelten sich rund 23.000 Menschen zu der sogenannten Montagsdemonstration, die Polizei sprach von rund 10.000 Teilnehmern. Der Protestzug verlief friedlich.

Kaum ein deutsches Infrastrukturprojekt sei in den vergangenen Jahren so ausführlich diskutiert worden wie Stuttgart 21, sagte der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Döring. Zudem habe es seit Mitte der 90er Jahre zahlreiche Wahlen im Land gegeben, bei denen die Befürworter von Stuttgart 21 eine deutliche Mehrheit bekommen haben. "Demokratie ist am Ende auch die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit." Städtetagschef Gönner monierte, Geißler erwecke den Eindruck, als sei das Verfahren "höchst undemokratisch und unrechtsstaatlich" erfolgt. "Ich halte die Einschätzung nicht für zukunftsfähig", sagte Gönner.

Mappus: Geißler hat recht

Mappus sagte, Geißler habe recht, wenn er sage, dass mangelnde Kommunikation Hauptursache für den Konflikt sei. "Der Umkehrschluss ist, dass Großprojekte auch nach meiner Meinung, so wie es bisher war, nicht mehr durchsetzbar sind." Stuttgart 21 stehe grundsätzlich nicht infrage. Die Menschen müssten aber in regelmäßigen Etappen einbezogen werden: "Es ist offensichtlich nicht hundertprozentig gelungen, sonst hätten wir das Problem jetzt nicht."

Beide wollen S21: Bahnchef Grube und Ministerpräsident Stefan Mappus.
Beide wollen S21: Bahnchef Grube und Ministerpräsident Stefan Mappus.(Foto: dapd)

Der erfahrene Tarifschlichter Geißler hatte die Entscheidungsprozesse bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Bahnprojekt kritisiert, weil die Bürger nicht eingebunden worden seien. "Die Schlichtung ist ein deutliches Signal dafür, dass in Deutschland die Zeit der Basta-Entscheidungen vorbei ist", hatte er gesagt.

Aus Ärger über den Widerstand gegen Stuttgart 21 und die Neubaustrecke nach Ulm gab Städtetagspräsident Gönner eine doppelte Wahlempfehlung ab: Nur wenn CDU und SPD bei der Landtagswahl am 27. März 2011 vorne lägen, werde das Bahnprojekt auch verwirklicht. "Ich werbe dafür, dass die SPD, die in der Sache dafür ist, stark wird. Und ich werbe dafür, dass die CDU stark wird, weil sie dafür ist", sagte Gönner. Er kritisierte erneut, dass seine Partei einen Volksentscheid über das Projekt fordert. Die Grünen dürften auf keinen Fall gestärkt werden.

Front der Gegner bröckelt

Im Lager der Gegner gibt es indes weitere Risse: Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann sieht die vorübergehende Besetzung des Südflügels des Hauptbahnhofes durch Stuttgart-21-Gegner kritisch. "Denn es herrscht ja Friedenspflicht, und diese Aktion könnte die Gespräche beeinträchtigen", sagte er. Am Samstag hatten etwa 60 Menschen vorübergehend den Südflügel besetzt, der abgerissen werden soll. CDU-Generalsekretär Strobl sprach von "Rechtsbruch und Straftaten", die mit Friedenspflicht sicherlich nichts zu tun hätten. Den Besetzern drohen nach Angaben der Polizei bis zu einem Jahr Haft oder Geldstrafen.

Kreativer Protest in Stuttgart.
Kreativer Protest in Stuttgart.(Foto: REUTERS)

Grünen-Chef Cem Özdemir machte derweil erneut Front gegen das Projekt: "Stuttgart 21 ist kein Bahnprojekt, sondern eines von großmännischen Politikern, die die Bahn zuvor systematisch kaputt gemacht haben. Durch eine Politik, die einseitig auf den Börsengang gesetzt hat und auf einen Rückzug der Bahn aus der Fläche", sagte er der Berliner "tageszeitung".

Mappus, das Krokodil

Kretschmann forderte die SPD-Fraktion auf, den Weg für den Untersuchungsausschuss zu dem harten Polizeieinsatz gegen Stuttgart- 21-Gegner frei zu machen. Sonst werde sich die SPD "immer weiter blamieren". Der SPD-Parteitag in Ulm hatte die Fraktion zu einer härteren Gangart bei der Aufklärung des Einsatzes am 30. September im Schlossgarten mit vielen Verletzten aufgefordert. Eine Entscheidung soll bei der Fraktionssitzung fallen.

Vor dem Landtag protestierten etwa 100 Demonstranten mit einem vier Meter langen Schaumstoffkrokodil - genannt "Mappus-Schnappus" - gegen Stuttgart 21. Sie wollten dem Regierungschef mehr als 90.000 Unterschriften gegen das Projekt übergeben. Dieser hatte sich nach Angaben der Organisatoren aber geweigert, sich mit den Demonstranten zu treffen. Daraufhin skandierten die Protestler "Mappus weg".

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Quelle: n-tv.de

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