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Dem Kindeswohl kann jede Konstellation dienen.
Dem Kindeswohl kann jede Konstellation dienen.(Foto: picture alliance / dpa)

Vorurteile gegen homosexuelle Eltern: Gleichstellung ist für die Kinder gut

Das Bundesverfassungsgericht stärkt durch das jüngste Adoptionsurteil erneut die Rechte von homosexuellen Paaren. Nach Ansicht der Soziologin Marina Rupp wird es trotzdem noch Jahre dauern, bis alle Familienformen gleichberechtigt sind. Im Gespräch mit n-tv.de beklagt sie ideologische Grabenkämpfe, die von der Forschung längst widerlegt sind.

n-tv.de: Warum tun wir uns so schwer mit Familienbildern, die vom Schema Vater-Mutter-Kind abweichen?

Marina Rupp: Das sind sehr stark verankerte Vorstellungen, die uns über eine sehr lange Zeit geprägt haben. Vater–Mutter–Kind – das ist für viele eine Einheit, die zusammengehört. Da kann man sich nur schwer vorstellen, dass es ein Kind auch bei zwei Vätern oder zwei Müttern sehr gut haben kann. Da sind sicher auch biologistische Vorstellungen dabei, beispielweise die, dass es immer ein weibliches und ein männliches Wesen braucht.

Nun sehen Familien in Deutschland aber längst ganz anders aus. Es gibt Alleinerziehende, es gibt Patchworkfamilien, warum werden diese Konstellationen toleranter aufgenommen?

Zum Einen, weil man es ihnen von außen gar nicht ansieht, dass es Patchwork- oder Stief-Familien sind. Sie passen rein optisch in das Schema, ein Mann und eine Frau und der Nachwuchs. Dass die Elternschaft zum Teil anders verlaufen ist, nehmen wir gar nicht wahr. Zum anderen haben wir Rollenvorstellungen: Was ist männlich, was ist weiblich? Mit diesen Vorstellungen ist auch die Identitätsfindung verbunden. Wir brauchen für unsere Entwicklung Rollenvorbilder für die männlichen und für die weiblichen Elemente. Unterstellt wird nun, dass Kindern von zweigeschlechtlichen Partnern da etwas fehlen könnte, weil sie diese andere Rolle nicht direkt verkörpern.

Ist das so?

Nein, aus der Forschung wissen wir, dass die gleichgeschlechtlichen Paare, die mit Kindern leben, sich dessen sehr wohl bewusst sind. Sie versuchen dafür einen Ausgleich zu schaffen.

Wie sieht das beispielsweise aus?

Bei männlichen Paaren ist es so, dass Kleinkinder in der institutionellen Betreuung sowieso überwiegend  von Frauen betreut werden. In den Kindergärten und Schulen ist ja bis hin zum Gymnasium überwiegend weibliches Personal. Bei Frauenpaaren ist es häufig so, dass die Mütter Männer suchen, die als Bezugsperson geeignet sind, wie der Opa oder der Onkel. Außerdem stammt ungefähr die Hälfte der Kinder, die in homosexuellen Partnerschaften leben, aus früheren heterosexuellen Verbindungen. Die haben also die Mama oder den Papa noch in petto, weil sie noch Kontakt zu ihrem leiblichen heterosexuellen Elternteil haben. Dann gibt es Paare, die gemeinsam ein Kind adoptieren oder per Insemination bekommen. Da beobachten wir verschiedene Konstellationen, beispielsweise, dass der Samenspender sich um das Kind mit kümmert oder dass sich ein Männer- und ein Frauenpaar die Elternschaft teilen. 

Was sagen denn die Untersuchungsergebnisse, stellt das für die Kinder ein Problem dar?

Nein. Wir haben von den Eltern das Geschlechtsrollenverhalten der Kinder einschätzen lassen. Auf dieser  Basis können wir sagen, dass die Jungen jungenhaft sind und die Mädchen mädchenhaft. Die genannten  Vermutungen lassen sich nicht bestätigen, zu diesem Ergebnis sind auch schon andere Studien gekommen. Auch wenn man in einer homosexuellen Paarbeziehung groß wird, bilden sich ganz normale Geschlechterstereotype aus. Es ist auch nicht so, dass die Kinder häufiger homosexuell würden.

Welche Auswirkungen hätte es für die Kinder, wenn alle Familienmodelle rechtlich gleichgestellt würden?

Marina Rupp hat die Untersuchung "Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften" geleitet und ist stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung in Bamberg.
Marina Rupp hat die Untersuchung "Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften" geleitet und ist stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung in Bamberg.

Die Kinder hätten vor allem eine bessere Absicherung. Das sieht man jetzt bei der Sukzessivadoption ganz deutlich. Die Kinder bekommen die Absicherung durch den zweiten Elternteil. Jede familienpolitische Leistung zieht ja auf das Wohl der Kinder, und wenn ich bestimmten Familienformen bestimmte Leistungen vorenthalte oder bestimmte Vergünstigungen nicht zugänglich mache, dann strafe ich nicht nur die Eltern, sondern vor allem die Kinder. Deshalb würde eine vollkommene Gleichstellung bei den Kindern zu einer positiven Entwicklung führen.

Wie hoch ist denn bei den Gleichstellungsdiskussionen der ideologische Anteil?

Ich denke, da ist noch relativ viel Ideologie dahinter. Wir haben Befunde, dass das Kindeswohl auch in diesen Gemeinschaften gut gesichert werden kann. Aber es wird von einzelnen argumentiert, wir würden unsere Daten so hinbiegen, dass sie passen. Da will man offenbar nicht sehen, dass diese Studien mit Sorgfalt und mit wissenschaftlichem Instrumentarium gemacht werden. Ich denke, da steht noch viel Homophobie im  Raum. Es wird zwar oftmals mit dem Kindeswohl argumentiert, aber die Argumente sind nicht alle stichhaltig.

Ähnliche Argumente wurden ja auch schon bei den "Wilden Ehen" oder bei Alleinerziehenden gebraucht.  Ist das Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung?

Ja, es geht insgesamt in unserer Gesellschaft darum, verschiedene Familienformen im Interesse des Kindeswohls gleichzustellen. Da sind die gleichgeschlechtlichen Elternpaare eine weitere Gruppe. Wenn wir uns erinnern, gab es große Befürchtungen, was in Stief-Familien alles schief gehen kann. Solche Vorurteile haben wir ausgeräumt. Stattdessen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass in allen Familien mal was schief gehen kann. Davor ist niemand gefeit. Aber es gibt keine Familienform, die per se ein Risiko für die Kinder darstellt. Sondern wir gehen erst mal davon aus, dass sich alle Eltern um ihre Kinder bemühen. Bestimmte Familien haben bessere Startbedingungen. Unsere Untersuchen belegen beispielsweise, dass es leichter ist, Kinder großzuziehen, wenn ein Partner vorhanden ist. Aber grundsätzlich finden die Eltern auch im anderen Falle gute Lösungen.

Inwiefern?

Schauen wir uns an, wie es bei den "Wilden Ehen" gegangen ist. Nichteheliche Lebensgemeinschaften sind heute weitestgehend gleichgestellt, gerade in Bezug auf die Kinder. Beim Sorgerecht nichtverheirateter Väter hat sich inzwischen ganz viel getan. Kinder und Eltern haben ein Kontakt- und Unterhaltsrecht. Da hat der Gesetzgeber entschieden, dass diese Form der Elternschaft im Prinzip gleichgesetzt wird mit einer ehelichen Elternschaft.

Wie lange wird es Ihrer Ansicht nach bis zur völligen Gleichstellung dauern?

Ich glaube, die Widerstände sind noch immer zu groß, als dass man es über ein Gesetzgebungsverfahren machen könnte. Aber wir werden immer mehr Urteile bekommen, die in diese Richtung gehen. In den nächsten Jahren werden wir wohl auf diese Weise eine Gleichstellung erreichen.

Mit Marina Rupp sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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