Politik

"Schwarzes Schaf" und Staatsfeind der Nazis: Görings guter Bruder

Von Gudula Hörr

Gemeinhin steht der Name Göring für einen der schlimmsten Verbrecher in der deutschen Geschichte. Dabei gibt es auch noch einen anderen Göring, Albert, den kleinen Bruder des Reichsfeldmarschalls. Und der geht ganz eigene Wege: Er verachtet die Nazis und rettet Dutzenden Verfolgten das Leben.

Albert Göring im Ersten Weltkrieg.
Albert Göring im Ersten Weltkrieg.(Foto: Copyright: © Wolfgeist Limited.)

Der Name ist seine Rettung und auch sein Fluch. Am 9. Mai 1945 stellt sich ein schmächtiger Mann mit dünnem Oberlippenbart der Spionageabwehrabteilung der US-Armee. Wenig später wird er festgenommen und beschuldigt, ein Komplize der Nationalsozialisten zu sein. Schließlich spricht für die Amerikaner alles gegen ihn: Der Mann heißt Albert Göring und ist der kleine Bruder von Reichsfeldmarschall Hermann Göring.

Und dann erzählt Albert Göring, der in Augsburg nur wenige Zellen neben seinem berüchtigten Verwandten sitzt, auch noch eine denkbar unglaubwürdige Geschichte. Von geretteten Juden und Widerstandskämpfern, von gefälschten Papieren und Devisenschmuggel und ständigem Ärger mit der Gestapo. Einer der Vernehmungsoffiziere, Major Paul Kubala, spricht von "einem der plattesten Versuche der Reinwaschung und Ehrenrettung", die die Vernehmer je erlebt hätten. "Albert Görings Mangel an Raffinesse lässt sich allenfalls noch mit der Körpermasse seines fettleibigen Bruders vergleichen."

Doch was hat es mit dieser fantastischen Geschichte auf sich? Was war mit den 34 Menschen, denen Albert Göring angeblich das Leben rettete? Mehr als fünf Jahrzehnte nach Ende des Weltkriegs begibt sich der Australier William Hastings Burke auf Spurensuche und interviewt Augenzeugen und Hinterbliebene. Das Ergebnis fasst er in einem Buch zusammen, das nun auf Deutsch erschienen ist: "Hermanns Bruder. Wer war Albert Göring?"

Staatsfeind der Gestapo

Burkes Bericht zeigt, dass sich Major Kubala - wie so viele andere auch - getäuscht hat: Während Hermann zu einem der berüchtigsten Nazis wird, der die Gründung der Gestapo verantwortet und im Juli 1941 mit der Organisation der "Endlösung der Judenfrage" beauftragt, schlägt sein zwei Jahre jüngerer Bruder tatsächlich einen gänzlich entgegengesetzten Weg ein. Er wird zu einem Judenretter, einem Staatsfeind der Gestapo. Oder, wie es Albert einmal ausdrückt: zum "kleinen schwarzen Schaf".

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Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wohnt Albert schon fernab der Heimat im freiwilligen Exil in Österreich. "Ach, ich habe in Deutschland einen Bruder, der sich mit diesem Mistkerl Hitler eingelassen hat, und mit dem wird es noch böse enden, wenn er so weitermacht", erzählt er hier seinem Freund Albert Benbassat. Aus Protest gegen das Naziregime lässt sich der diplomierte Maschinenbauingenieur und Musikliebhaber in Österreich einbürgern, und hier hilft er schon früh einer in Deutschland unter Druck geratenen Jüdin, der Schauspielerin Henny Porten.

Doch Alberts Exil währt nur wenige Jahre, im März 1938 marschiert die deutsche Wehrmacht in Österreich ein, die Gräuel lassen nicht lange auf sich warten. Besonders an eine Szene erinnert sich ein Augenzeuge, mit dem Burke sprach: Als SA-Männer in Wien Juden zwingen, auf Knien die Straßen zu schrubben, nimmt sich Göring eine der Bürsten, kniet sich hin und fängt ebenfalls an zu schrubben. Ein SS-Mann greift ihn sich daraufhin heraus und fragt nach seinen Papieren – was letztlich Alberts Rettung ist.

Überhaupt bewahrt Albert sein Nachname immer wieder vor dem Schlimmsten. Als er einmal einer alten Frau zu Hilfe kommt, der ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin eine Saujüdin" um den Hals hängt, wird er festgenommen. Doch den Bruder des Reichsmarschalls länger festzuhalten, trauen sich die SS-Mäner nicht  - wie auch bei den folgenden vier Festnahmen in den nächsten Jahren kommt Albert immer wieder schnell frei.

Witze über Hitler

Es war eine beliebte Methode der Demütigung: Nazis zwingen Juden dazu,den Bordstein zu schrubben.
Es war eine beliebte Methode der Demütigung: Nazis zwingen Juden dazu,den Bordstein zu schrubben.(Foto: AP)
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Es sind nicht nur diese kleinen und doch lebensgefährlichen Gesten der Menschlichkeit, die Albert auszeichnen. Schnell erwirbt er sich den Ruf eines Mannes, an den man sich immer wenden kann. In seinem Büro in der Konzernzentrale von Skoda hängt nicht das allgegenwärtige Hitlerfoto, den Hitlergruß verwendet er nicht. Oft genug hält er auch mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, , der sich zum "Größten Feldherrn aller Zeiten" stilisierte, nennt er den "Größten Verbrecher aller Zeiten".

Mit der zunehmenden Verfolgung von Juden und Oppositionellen wird auch Alberts Hilfe immer konkreter. Den einen besorgt er Visa und Devisen, damit sie aus den von den Nazis besetzen Ländern fliehen können. Andere rettet er offenbar direkt aus dem KZ, indem er einen Brief an den Lagerkommandaten schreibt. Einen Teil seines Einkommens schleust er in die Schweiz, wo es Flüchtlingen zugute kommt.

Bisweilen muss Albert sich auch an seinen großen Bruder wenden, um weiterzukommen. Im Fall der von den Nazis verfolgten jüdischen Frau des Komponisten Franz Lehár spricht er direkt bei seinem mächtigen Bruder vor, der sich daraufhin an Joseph Goebbels wendet. Dieser reagiert prompt, empfängt Albert aufs Freundlichste und erklärt: "Mit solch einer Bagatelle hätten Sie sich doch lieber gleich an mich wenden sollen, mein lieber, lieber Freund. Untergeordnete Organe haben unüberlegt gehandelt. Hier haben Sie eine Ehren-Arier-Urkunde für Frau Lehár. Überbringen Sie diese mit meinen herzlichen Grüßen an den Meister."

Mit LKW vor KZ vorgefahren

Sechs Millionen Juden töteten die Deutschen, mehr als eine Million alleine im Vernichtungslager Auschwitz.
Sechs Millionen Juden töteten die Deutschen, mehr als eine Million alleine im Vernichtungslager Auschwitz.(Foto: picture alliance / dpa)

Als der Krieg fortschreitet und die der Nazis immer grausiger zutage tritt, fühlt sich Albert zunehmend hilflos, seine Aktionen werden noch riskanter. Einem Augenzeugenbericht zufolge ist ein Rettungsplan gleichermaßen unverfroren wie erfolgreich. So fährt er offenbar beim KZ Theresienstadt mit acht Lastwagen unangemeldet vor und sagt dem Leiter des Lagers: "Ich bin Albert Göring, Skoda-Werke. Ich brauche Arbeiter." Daraufhin werden die Lastwagen mit Arbeitern gefüllt und diese wenig später im Wald freigelassen.

Es ist Alberts letzte Rettungsaktion. Mehr und mehr wird er, der in dritter Ehe auch noch mit einer tschechischen Schönheitskönigin verheiratet ist, der Gestapo ein Dorn im Auge. In einem ihrer Berichte wirft sie die Frage auf: "Wie lange soll dieser Staatsfeind noch so weitermachen dürfen?"  Ein Bericht des Sicherheitsdienstes zählt Alberts "Vergehen" gegen das Reich auf und nennt ihn einen besonders schweren Fall. Immer öfter muss der große Bruder - allen ideologischen Differenzen zum Trotz - einspringen und rettet Albert vor drohenden Verhaftungen und den Nachstelllungen der SS.

"Er ist kein schlechter Kerl"

Im Mai 1945 allerdings kann die Verwandtschaft mit Hermann nicht mehr helfen, im Gegenteil. Nun erweist sich der Name als Fluch. Der ehemalige Generalfeldmarschall sitzt seit Kriegsende selbst in amerikanischer Gefangenschaft, bei den Nürnberger Prozessen wird er als ranghöchster Nationalsozialist zum Tod durch Erhängen verurteilt. Immerhin entlastet Hermann bei einem Gespräch mit dem Gefängnispsychologen seinen Bruder: "Er war stets das genaue Gegenteil von mir. Er interessierte sich nicht für Politik oder das Militär; ich schon. Er war still, zurückgezogen; ich liebe Menschenansammlungen und die Geselligkeit. Er war schwermütig und pessimistisch, ich bin ein Optimist. Aber er ist kein schlechter Kerl, dieser Albert."

Wegen seiner auffälligen Uniform wurde Hermann Göring auch "Lametta-Heini" genannt.
Wegen seiner auffälligen Uniform wurde Hermann Göring auch "Lametta-Heini" genannt.(Foto: AP)

Dieses Lob aus dem Mund des ehemaligen Top-Nazi hilft nicht viel. Albert bleibt in Haft, zunächst in amerikanischer, später in tschechischer. Massiv setzen sich nun seine alten Freunde und Schützlinge für ihn ein. "Durch seine Hilfstätigkeiten wurden Hunderte von Menschenleben gerettet", erklärt etwa der eheamlige Stummfilmstar Alexandra Otzoup. Als sich dann noch die SS-Akte zu Albert Göring findet, in dem seine Hilfseinsätze für die Bewohner der Tschechoslowakei aufgelistet sind, kommt er schließlich frei - doch da ist er schon ein gebrochener Mann.

Der einstige Frauenliebhaber und Bonvivant kann zwar in seine Heimat zurückkehren, aber eine glückliche Existenz baut er sich nicht mehr auf. Er findet keine Arbeit, fängt an zu trinken, seine Frau trennt sich von ihm. Der Name Göring bleibt ein Stigma. Als er schließlich doch einen Job bekommt und seine Kollegen erfahren, wer er ist, sagen sie nur: "Entweder er oder wir." In ärmlichen Verhältnissen stirbt Albert 1966 im Alter von einundsiebzig Jahren.

Dass Burke mehr als 40 Jahre nach Alberts Tod endlich dessen Geschichte ausgräbt und von seinen Rettungsaktionen berichtet, ist mehr als verdienstvoll. Allzu lange stand Albert  im Schatten seines verbrecherischen Bruders, obwohl es doch eine simple Wahrheit ist: Für seine Verwandtschaft kann man nichts, eine Sippenhaftung gibt es nicht.

So schön es ist, dass Burke Albert vor der Vergessenheit bewahrt: Leider beschränkt sich Burke nicht auf eine Darstellung Alberts, vielmehr schreibt er auch gerne von seiner eigenen Spurensuche, seinen Erfahrungen in Deutschland und anderen Gegenden der Welt. Dies mag für Australier vielleicht spannend sein, für deutsche Leser ist es ärgerlich. Schließlich ist es nicht der Autor, der interessiert, sondern der vergessene Held Albert und das Phänomen der Brüder Göring. Zwei Extreme der deutschen Geschichte, die bis heute eine ungebrochene Faszination ausstrahlen - im Bösen wie im Guten.

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Quelle: n-tv.de

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