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"Mit diesem hochgefährdeten Land fühle ich mich unlösbar verbunden", sagt Grass über Israel.
"Mit diesem hochgefährdeten Land fühle ich mich unlösbar verbunden", sagt Grass über Israel.(Foto: picture alliance / dpa)

Schriftsteller attackiert Israel: Grass löst politisches Beben aus

Aus fast allen Lagern hagelt es Kritik an dem Gedicht "Was gesagt werden muss" von Günter Grass. Der Literaturnobelpreisträger geht darin scharf mit Israel ins Gericht. Das Land bringe den Weltfrieden in Gefahr. Der israelische Botschafter in Berlin ist außer sich und beklagt die "europäische Tradition, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmordes anzuklagen".

Auszüge aus Grass' Gedicht

"Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsendes nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist. (…)

Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin zu lenken, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist. (…)

Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre. (…)

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen."

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat mit einer scharfen Attacke gegen Israel heftige Kritik provoziert. Politiker von Union, SPD und Grünen reagierten empört auf ein Gedicht, in dem Grass den jüdischen Staat wegen seines drohenden Militärschlags gegen den Iran eine Gefahr für den Weltfrieden nannte. "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", schrieb der 84-Jährige in dem Gedicht mit dem Titel "Was gesagt werden muss".

Einige Politiker warfen Grass vor, antisemitische Klischees zu bedienen. Außenminister Guido Westerwelle sprach Grass nicht direkt an, warnte aber vor einer Verharmlosung des iranische Atomprogramms: "Eine nukleare Bewaffnung des Iran ist nicht nur eine Bedrohung für Israel und die ganze Region, sondern auch eine Gefahr für die Sicherheitsarchitektur der Welt."           

Regierungssprecher Steffen Seibert äußerte sich zurückhaltend. "Es gilt in Deutschland die Freiheit der Kunst", sagte er. "Und es gibt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen." CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe rügte Grass dagegen scharf. "Ich bin über die Tonlage und die Ausrichtung dieses Gedichtes entsetzt", erklärte er. Grass verkenne völlig die Lage Israels als einzige Demokratie im Nahen Osten, die durch den Atomwaffen strebenden Iran in ihrer Existenz bedroht sei.

Israel reagiert empört

Grass kritisierte Israel in seinem Gedicht, weil es wegen des vermuteten Atombombenbaus im Iran für sich das Recht auf einen Erstschlag beanspruche, der das iranische Volk auslöschen könnte. Wer Israel dafür jedoch kritisiere, setze sich dem Verdacht des Antisemitismus aus. Er sei dieser "Heuchelei des Westens" überdrüssig. Als Konsequenz forderte Grass eine permanente Kontrolle der israelischen wie auch der iranischen Atomanlagen. Das Gedicht erschien unter anderem in der "Süddeutschen Zeitung".

Grass griff auch Deutschland heftig an, weil es ein weiteres U-Boot an Israel liefern will. Experten gehen davon aus, dass die deutschen U-Boote mit israelischen Atomsprengköpfen bestückt werden können. Er selbst habe dazu zu lange geschwiegen: "Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten." Der Schriftsteller spielte damit vermutlich auf seine eigene Vergangenheit und die jahrzehntelang verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS gegen Ende des Zweiten Weltkriegs an. Der seit langem politisch engagierte und Rot-Grün nahestehende Autor räumte die Episode erst in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" 2006 ein. Kritiker zogen danach seine moralische Integrität in Zweifel.           

Zeilen, die viele empören.
Zeilen, die viele empören.(Foto: picture alliance / dpa)

Die israelische Botschaft in Berlin kritisierte Grass scharf. "Wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist", erklärte der Gesandte Emmanuel Nahshon. Es gehöre zur europäischen Tradition, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmordes anzuklagen. "Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will."

Einzig die Linke nimmt Grass in Schutz

Auch von dem Journalisten Henryk M. Broder erntete Grass heftige Kritik. "Grass hat schon immer zu Größenwahn geneigt, nun aber ist er vollkommen durchgeknallt", schrieb der aus einer polnisch-jüdischen Familie stammende "Welt"-Autor unter der Überschrift "Günter Grass - Nicht ganz dicht, aber ein Dichter". Broder beschuldigte Grass, schon immer Probleme mit Juden gehabt zu haben. So deutlich wie in dem Gedicht habe er dies jedoch noch nie artikuliert. Der Publizist Ralph Giordano nannte das Gedicht einen "Anschlag auf Israels Existenz"

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, warf Grass selbstherrliches Moralgezeter sowie eine plumpe, primitive Rhetorik vor. "Grass diskreditiert sich selbst – als Intellektueller wie als Künstler", erklärte der SPD-Politiker. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text "ein aggressives Pamphlet der Agitation".

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles distanzierte sich lediglich von dem Gedicht. "Ich schätze Günter Grass sehr, aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen", sagte sie dem "Spiegel". Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, warf Grass vor, antisemitische Klischees zu bedienen. "Man muss die aktuelle israelische Regierung vor einem unüberlegten Militärschlag gegen den Iran warnen", sagte er der "Welt". "Denunzieren muss man den israelischen Staat dafür nicht."        

Der Links-Politiker Wolfgang Gehrcke nahm Grass dagegen in Schutz. Der Autor habe Recht und beschäme damit die deutsche Politik. "Günter Grass hat den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde", erklärte Gehrcke. Zuletzt hatte SPD-Chef Sigmar Gabriel für einen Eklat gesorgt, als er Israels Politik im besetzten Westjordanland im März mit der eines Apartheid-Regimes verglich.       

Quelle: n-tv.de

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