Politik
Zwei der vier Moderatoren des TV-Duells: Anne Will und Stefan Raab.
Zwei der vier Moderatoren des TV-Duells: Anne Will und Stefan Raab.(Foto: picture alliance / dpa)

Wie Raab Steinbrück austrickste: Große Koalition oder "King of Kotelett"?

Ein Kommentar von Christian Rothenberg

Ketten, Koteletts, Koalitionen: Ganz am Ende des TV-Duells landet Stefan Raab noch einen Treffer. Mit einer Frage erwischt er genau jenen wunden Punkt, den Peer Steinbrück und die SPD seit Wochen durch den Wahlkampf schleppen: das Schreckgespenst der Großen Koalition.

90 Minuten TV-Duell können lang sein. Und doch wird es am Sonntagabend um 21.50 Uhr noch einmal kurz spannend. Eine der besten Fragen richtet Stefan Raab direkt an Peer Steinbrück. "Nehmen wir an, ich finde Sie gut", sagt er. Was er denn wählen müsse, wenn er sich eine Große Koalition mit einem Vize-Kanzler Steinbrück wünsche? Der SPD-Kandidat, der bisher einen ordentlichen Auftritt hingelegt hat, wird knurrig. "Das will ich ja nicht werden."

Peer Steinbrück machte beim TV-Duell meistens einen souveränen Eindruck, aber entscheidend absetzen von der Kanzlerin konnte er sich nur selten.
Peer Steinbrück machte beim TV-Duell meistens einen souveränen Eindruck, aber entscheidend absetzen von der Kanzlerin konnte er sich nur selten.(Foto: picture alliance / dpa)

Doch Raab lässt nicht locker. Das sei doch keine Haltung, beklagt er. "Ich möchte nur gestalten, wenn ich King of Kotelett bin." Gelächter im Zuschauerraum des TV-Studios in Berlin-Adlershof. Diese Runde geht an den Moderator. Zwar entlockt er Steinbrück nichts Neues. Und doch entwaffnet er ihn an seiner empfindlichsten Stelle.

Die SPD hat drei Wochen vor der Wahl keine Regierungsperspektive. So sehr die sozialdemokratischen Wahlkämpfer sich auch ins Zeug legen. Rot-Grün ist weit davon entfernt, auch nur annähernd aussichtsreiche Chancen zu haben. Die einzigen Möglichkeiten, die die Genossen im Willy-Brandt-Haus haben, nehmen sie sich selbst. Indem sie beharrlich alles ausschließen.

Nicht mit Steinbrück

Keine Große Koalition, keine Ampel, kein Linksbündnis: Steinbrück hat das in den vergangenen Monaten oft genug erklärt. Mit ihm ist das nicht drin. Das ist verständlich. Er will Merkel ja ablösen und nicht erneut ihren Finanzminister machen. Und doch bringt er die SPD damit in die Zwickmühle. Denn: Wie viel sind diese Versprechen wert, wenn Sigmar Gabriel und Hannelore Kraft eine der genannten Koalition schließlich, ohne ihn, doch noch eingehen?

Video

Aus Sicht der Wähler ist das nicht nachvollziehbar: Die Große Koalition zwischen 2005 und 2009 war die beliebteste deutsche Bundesregierung der letzten Jahrzehnte. Konsens und Durchsetzungskraft, weitgehend frei von parteipolitischem Geplänkel. Das hat den Wählern gefallen. Könnten sie sich eine Koalition aussuchen, sie würden sich wieder für Schwarz-Rot entscheiden. Aber man lässt sie nicht.

Koalitionen kann man nicht wählen. Bekanntlich stehen auf den Stimmzetteln nur die Parteien. Und doch ist die Ausschließeritis, die vor allem die Sozialdemokraten betreiben, Wasser auf die Mühlen der Politikverdrossenheit. Dass sich über 50 Prozent der Wähler eine Große Koalition wünschen, hilft am Ende gar nichts. Klug ist das nicht, wenn man, wie die SPD, vor allem Nichtwähler am 22. September an die Urnen zurückholen will. Beim Wähler drängt sich nicht erst durch Raabs Vorstoß mal wieder die Frage auf: Ja, wen vertreten denn diese Volksvertreter eigentlich wirklich?

Nichts gelernt

Bei den Genossen hat man die historische Wahlklatsche vor vier Jahren nicht vergessen. Mit 23 Prozent schickten die Deutschen die SPD auf den Ringboden. Seitdem heißt es in der Partei: Die Große Koalition hat uns nicht gut getan. Wir waren der Steigbügelhalter der Union. Doch aus 2009 gelernt hat man bis heute nicht. Die Steilvorlage nimmt die Kanzlerin gerne auf. Die Begründung, das sei schlecht für die Partei, findet sie komisch. "Es geht immer zuerst um das Land, dann die Partei und dann um die Person." Eine Koalition müsse dem Land dienen.

Und genau das ist das größte Dilemma der Sozialdemokraten. Während der Wähler bei ihnen unsicher zurückbleibt ob der möglichen Koalitionen, kann er bei Merkel fast sicher sein: Sie würde es wohl noch einmal machen mit der SPD. Für das Land versteht sich, nicht für sich selbst. Aus dem Kanzleramt müsste sie dafür natürlich nicht ausziehen. Hier serviert sie ihren Gästen übrigens am liebsten Kartoffelsuppe und nicht Kotelett.

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen