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Alpha-Tiere gänzlich verschiedener Gattungen: Jürgen Trittin (l.) und Guido Westerwelle.
Alpha-Tiere gänzlich verschiedener Gattungen: Jürgen Trittin (l.) und Guido Westerwelle.(Foto: picture alliance / dpa)

Von Öko-Nazis und raffgierigen Schweinehunden: Grüne und FDP - die allerschlimmsten Feinde

Von Issio Ehrich

Die Forderung nach einem fleischlosen Tag und die maßlose Reaktion darauf zeigen es wieder einmal: Im Bundestag gibt es keine Parteien, die sich derart heftig angehen wie Grüne und FDP - Nazi-Vergleich inklusive. Aber warum eigentlich? Was hat es mit ihrer Fehde auf sich?

Sie sind das Yin und Yang in der deutschen Politik. Das Alpha und das Omega. Oder, um im Jargon der beiden Parteien zu bleiben, Öko-Nazis und raffgierige Schweinehunde. Grüne und FDP - gegensätzlicher geht es kaum. Das zeigt auch dieser Wahlkampf. Die Parteien bekämpfen sich auf brutalste Weise. Was hat es auf sich mit dem erbitterten Streit?

Die Parteien kennen offenbar kaum Grenzen, wenn es darum geht, ihren Erzfeind zu beleidigen. Vor Andeutungen zu angeblichen Parallelen von NSDAP und Grünen schreckte die FDP noch nie zurück. Die Liberalen machen bei ihrem Erzfeind immer wieder jene kulturdiktatorischen Züge aus, die sie auch bei der Partei von Adolf Hitler erkennen. Erst vor ein paar Tagen sorgte ein FDP-Politiker für Aufsehen, weil er es jetzt sogar wagte, die Sphäre der Andeutungen zu verlassen.

Die Vollkorn-Diktatur

FDP-Politiker Lars Lindemann veröffentlichte ein manipuliertes Nazi-Propaganda-Plakat auf seiner Facebook-Seite.
FDP-Politiker Lars Lindemann veröffentlichte ein manipuliertes Nazi-Propaganda-Plakat auf seiner Facebook-Seite.

Kurz nachdem sich die prominente Grünen-Abgeordnete Renate Künast in der "Bild"-Zeitung für einen fleischlosen Tag pro Woche, einen Veggie-Day, aussprach, veröffentlichte ihr Parlamentskollege Lars Lindemann ein Bild auf seiner Facebook-Seite. Zu sehen war ein altes Plakat, auf dem eine gesunde, blonde Mutter in braunen Kleidern ihren ebenso gesunden blonden Kindern Stullen reichte. Ein Motiv der Nazi-Propaganda. "Esst Vollkornbrot - denn es ist besser und gesünder", stand ursprünglich darauf. Doch Lindemann manipulierte das Bild. In der oberen Ecke des Plakats platzierte er das Logo der Grünen. Das Wort "Vollkornbrot" überschrieb er mit "Bio".

Der Spitzenkandidat der FDP, Rainer Brüderle, hat es dagegen nicht so sehr mit Nazi-Vergleichen. Er hebt lieber die vermeintlichen Parallelen zu linken Diktaturen hervor, spricht von der grünen "Vermögenssteuer-Stasi".

Ob linke oder rechte Diktaturen, die Anfeindungen der FDP haben System. Die Grünen haben eine Ideologie. Sie haben ein Bild von einer besseren Welt verinnerlicht und wollen es mit ihrer Politik verwirklichen. Dazu gehören Regeln, Verbote und Normen - wie der Veggie-Day oder Vorschriften zum Umgang mit Müll. Die Liberalen unterstellen den Grünen darum, die Deutschen zu bevormunden, ihnen ihre Kultur aufzuzwingen.

Die Markt-Mätresse

Die Grünen stehen der FDP in ihren Anfeindungen allerdings in nichts nach. Vorlagen bieten Liberale wie Guido Westerwelle. Nachdem der Bundesaußenminister Parteispender mit auf seine Auslandsreisen nahm, sprach die Grüne Künast von einer "unanständigen Raffke-Mentalität". Auch FDP-Spitzenkandidat Brüderle, der sich Anfang des Jahres wegen anzüglicher Bemerkungen zu einer jungen Journalistin des "Stern" in Verruf brachte, ist ein beliebtes Ziel. Und je näher der Wahltag rückt, desto heftiger fallen offenbar die Attacken aus. Grünen-Chef Trittin sagte über Brüderle: "Wir versuchen alle, unseren inneren Schweinehund zu überwinden. Die FDP macht ihn zum Spitzenkandidaten."

Auch in der Kritik der Grünen steckt System. Die FDP beruft sich mehr auf eine Philosophie als auf eine Ideologie. Sie hebt nicht das Streben nach bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen als Mittelpunkt ihrer Politik hervor, sondern das Prinzip, auf dem ihre Politik beruht, den Liberalismus. Und dazu gehört, dass sich der Staat so wenig wie möglich in die Belange von Individuen und Wirtschaft einmischt. Quoten-Regelungen, zum Beispiel für Frauen im Beruf, sind Tabu, genauso wie Regeln, die die freie Entfaltung von Unternehmern allzu sehr einschränken. Die Grünen werfen der FDP Marktradikalismus und Klientelpolitik vor. Sie unterstellen ihr, dass für sie vor allem das Recht des Stärkeren gilt - und sei es im Verhältnis eines gestandenen Spitzenpolitikers zu einer 29-jährigen Journalistin.

Die Klientel der Öko-Schweinehunde

Eine Vision auf der einen, ein Prinzip auf der anderen Seite. Grüne und FDP trennt das Grundsätzliche. Zu allerschlimmsten Feinden macht sie allerdings erst, was sie eint.

Statistisch gesehen kämpfen ausgerechnet Grüne und FDP um dieselbe Wählerschicht. Einer Studie der Universität Leipzig zufolge sind es die gebildeten Besserverdiener. 55 Prozent der FDP- und 45 Prozent der Grünenwähler verfügen über mehr als 2500 Euro im Monat. Die Werte anderer Parteien liegen deutlich darunter. Zudem binden beide Parteien deutlich mehr Menschen mit formal hohem Bildungsabschluss.

Ihre Angriffslust befeuert, dass beide Juniorpartner großer Volksparteien sind, die FDP traditionellerweise der der CDU und die Grünen der der SPD. Doch ganz klar waren diese Fronten nie. Von 1969 bis 1982 regierte eine sozialliberale Koalition Deutschland. Und heute erscheint selbst eine schwarz-grüne Bundesregierung nicht mehr gänzlich abwegig. FDP und Grüne machen sich also auch um ihre Koalitionspartner Konkurrenz.

Nichts spricht dafür, dass Grüne und FDP ihren Zwist in absehbarer Zeit beilegen. Vielleicht ist das auch gut so: Die tiefen Gräben, die Trittin und Künast, Lindemann und Brüderle herbeischimpfen, führen zumindest zu ein wenig Polarisierung in einer Parteienlandschaft, in der viele Wähler kaum noch Unterschiede auszumachen vermögen. Ganz zu schweigen davon, dass manch eine Verbal-Attacke einer gewissen Komik nicht entbehrt. Denn es müsse schließlich nicht immer Nazi-Vergleich und Schläge unter die Gürtellinie sein. Zu den modernen Klassikern zählen schon: Jürgen Trittin als "böser Räuber Hotzenplotz" und Rainer Brüderle als "Dimpfelmoser der Wutreichen". Und dann war da ja noch die Sache mit den Jungen Liberalen. Die Jugendorganisation der FDP veranstaltete eigenen Angaben zufolge kurz nach dem Aufbrausen der Veggie-Day-Debatte ein Protest-Grillen vor der Parteizentrale der Grünen in Berlin. Die Aktivisten hielten Plakate in die Luft. Darauf prangten Sätze wie: "Mein Bauch gehört mir" oder "Kantine ohne Fleisch ist wie K(ü)nast".

Quelle: n-tv.de

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