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In einer Leichenhalle in Gaza-Stadt: Diese jungen Männer haben gerade einen Angehörigen identifiziert.
In einer Leichenhalle in Gaza-Stadt: Diese jungen Männer haben gerade einen Angehörigen identifiziert.(Foto: AP)

Krieg im Gazastreifen: "Hier sind Tod und Leben das Gleiche"

Die Menschen im Gazastreifen haben die Hoffnung verloren, sagt der palästinensische Politologe Usama Antar. Mit dieser Hoffnungslosigkeit erklärt er auch, warum viele Palästinenser die Raketen auf Israel gutheißen.

n-tv.de: Sie leben mit Ihrer Familie in Gaza-Stadt - wie erleben Sie den Krieg, die Angriffe?

Der Politikwissenschaftler Usama Antar hat an der Universität Münster promoviert. Seit 2004 lebt er in Gaza-Stadt.
Der Politikwissenschaftler Usama Antar hat an der Universität Münster promoviert. Seit 2004 lebt er in Gaza-Stadt.(Foto: privat)

Usama Antar: Die letzten drei Wochen waren schrecklich, täglich gab es Bombardierungen. Zwei Dinge machen das Leben hier so furchtbar: Es gibt keine Bunker und keine Schutzräume. Und zweitens weiß man nie, wann und wo die nächste Rakete einschlägt. Das macht uns sehr ängstlich. Mehr als 3000 Häuser wurden komplett zerstört, 210.000 Flüchtlinge schlafen auf der Straße, in Parks, in Schulen. Es gab mehr als 1000 Tote und tausende Verletzte. Was wir hier jeden Tag erleben, ist unmenschlich.

Die israelische Armee sagt, sie warne die Bewohner vor Angriffen über Flugblätter oder SMS.

Teilweise machen sie das, teilweise wird einfach bombardiert. Unter den Toten und Verletzten sind mehr als 85 bis 90 Prozent Zivilisten. In der vergangenen Woche wurde eine deutsch-palästinensische Familie getötet. Das waren einfache Bauern, die nichts mit Politik zu tun hatten. Die deutsche Familie war aus dem Norden des Gazastreifens nach Gaza-Stadt geflüchtet. Die israelische Armee hatte die Bewohner des Norden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Das hat die Familie gemacht. Fünf Tage später wurde das Haus bombardiert, in dem sie Zuflucht gesucht hatte. Hier im Gazastreifen ist niemand sicher - wir sind unserem Schicksal überlassen.

Der israelischen Armee zufolge versteckt die Hamas ihre Raketen in zivilen Gebäuden, in Wohnhäusern oder Kindergärten.

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Das ist eine Ausrede der israelischen Armee, mit der sie die hohe Zahl der getöteten Zivilisten rechtfertigen will. Die israelische Armee weiß sehr genau, dass solche Raketen in den Tunneln verborgen werden, in zwanzig Metern Tiefe unter den Feldern - nicht in Häusern, nicht in Krankenhäusern. Auch die Abschussrampen der Raketen befinden sich auf Feldern, nicht auf Wohnhäusern. Und die israelische Luftwaffe vernichtet diese Rampen auch, wie es in den israelischen Videoausschnitten gezeigt wird. Die Rechtfertigung, die Raketen seien in zivilen Gebäuden versteckt, ist einfach Unsinn. Eine andere Sache: Der Gazastreifen ist dicht besiedelt. Selbst wenn Israel eine Stelle gezielt bombardiert, werden die Häuser im Umkreis von zweihundert Metern ebenfalls beschädigt.

Wäre es für die israelische Armee möglich, die Tunnel zu zerstören, ohne Zivilisten zu gefährden?

Erstens: Die Tunnel befinden sich an der Pufferzone entlang der Grenze zu Israel, wo sich keine Zivilisten befinden. Also sollten dabei auch keine Zivilisten getötet werden. Die israelische Armee greift aber Zivilisten in den benachbarten Wohnorten und sogar in der Stadtmitte von Gaza an. Zweitens: Für den palästinensisch-israelischen Konflikt gibt es keine militärische Lösung. Es gibt nur eine politische Lösung. Die israelische Regierung versucht die ganze Zeit, Frieden zu verhindern. Wissen Sie, dass die Israelis immer noch Land enteignen, um im Westjordanland Siedlungen zu bauen? Wissen Sie, dass der Gazastreifen schon seit über sieben Jahren unter einer harten Blockade lebt? Alle Grenzen sind dicht, es gibt so gut wie keine Bewegungsfreiheit für die Palästinenser. Der Gazastreifen ist immer noch besetzt. Das wird immer wieder vergessen, auch von den westlichen Medien. Bei Ihnen wird immer so getan, als würde ein Land gegen ein anderes Land kämpfen. Aber das stimmt nicht! Wir leben in einer miserablen Situation. Alle Leute hier wünschen sich, dass es endlich die ganz normalen Rechte gibt. Zum Beispiel Bewegungsfreiheit. In den Gazastreifen wird nicht einmal Baumaterial geliefert, damit wir die zerstörten Häuser wiederaufbauen können. Deshalb gab es ja auch den Tunnelschmuggel aus Ägypten.

Warum schießt die Hamas Raketen auf Israel? Den Kampf gegen Israel kann sie nicht gewinnen, sie sorgt damit nur für weitere Zerstörungen im Gazastreifen. Das ist doch verrückt.

Ja, natürlich. Das militärische Gewicht der Palästinenser zu Israel entspricht dem Verhältnis von eins zu einer Million. Aber die palästinensische Gesellschaft betrachtet den Beschuss Israels als Widerstand. Die Palästinenser leben unter Besatzung und sie sind die Opfer. Es gibt hier einen Spruch, der die westliche Kritik am palästinensischen Widerstand beschreiben soll: Ein vergewaltigtes Mädchen wird angeklagt, weil sie ihrem Vergewaltiger eine Ohrfeige gegeben hat. Die israelische Regierung betreibt eine Diktat-Politik gegenüber den Palästinensern. Wir dürfen nichts verlangen und müssen wie Tiere im Gefängnis leben. Weltweit ist es so, dass im Kriegsfall die Grenzen geöffnet werden, um den Menschen wenigstens die Flucht zu ermöglichen. In Gaza? Im Norden macht Israel die Grenze zu, im Süden Ägypten.

Der Beschuss Israels ändert an dieser Situation nicht nur nichts, er macht sie sogar schlimmer.

Ich bin persönlich absolut gegen die Politik und die Ideologie der Hamas, und ich bin auf jeden Fall gegen die Raketen. Aber für die Menschen im Gazastreifen sind Tod und Leben mittlerweile das Gleiche geworden. Sie haben die Hoffnung verloren. Hier gibt es keine Perspektive, und zwar weder politisch noch gesellschaftlich. Nach Ansicht vieler Teile der Gesellschaft sind diese Raketen das Einzige, das der Weltgemeinschaft zeigt, dass es ein Problem im Gazastreifen gibt. Wenn der Gazastreifen keine Perspektive bekommt, werden weiter Raketen auf Israel abgefeuert - auch nach diesem Krieg. Daher appelliere ich an die Europäer, sich positiv einzumischen und faire Vorschläge für die Lösung des Konflikt vorzutragen. Ich bin ganz sicher, dass die Palästinenser den Frieden suchen. Und letztendlich muss die Vernunft siegen.

Mit Usama Antar sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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