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ADHS-Patienten werden oft mit Medikamenten behandelt. Über mögliche Langzeitfolgen ist wenig bekannt.
ADHS-Patienten werden oft mit Medikamenten behandelt. Über mögliche Langzeitfolgen ist wenig bekannt.(Foto: dpa)

Chemie hilft beim Lernen: Hunderttausende Kinder gedopt

Der Druck in den Schulen wächst, der Konkurrenzkampf um Noten und gute Abschlüsse bestimmt immer mehr den Alltag deutscher Schüler und Studenten. Im Vorteil ist, wer sich konzentrieren kann. Oft gefördert durch Medikamente. Experten schlagen mal wieder Alarm.

Gesundheitspolitiker von Union und Grünen weisen darauf hin, dass hunderttausende Kinder wegen voreiliger Diagnosen mit Medikamenten behandelt und ruhiggestellt werden. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Stefanie Vogelsang sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", man dürfe nicht länger wegschauen, wenn das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS inflationär zur Erklärung von Schulversagen herangezogen werde.

"Das Streben nach Leistung darf nicht durch Medikamente unterstützt werden", warnte Vogelsang. An Kinder würden Maßstäbe angelegt, die nicht passten. Wenn die Zeit fehle, sich mit unangepassten Kindern zu beschäftigen, werde mit ADHS oft ein "Krankheitsbild zur Schadensbegrenzung" herangezogen.

Kindern mit diagnostiziertem ADHS wird oft das Mittel MPH, Methylphenidad, verabreicht, in der Regel in Form des Medikaments "Ritalin". In höheren Dosen wirkt es ähnlich wie Kokain. Es blendet ablenkende Gedanken aus, verflacht Emotionen und steigert die Merkfähigkeit. Insgesamt kommt es zu einer Fokussierung auf jeweils ein Thema, eine Idee. Müdigkeit wird herausgezögert, Leistungsfähigkeit zumindest kurzzeitig erhöht. Problem: Mediziner diskutieren ein erhebliches Abhängigkeitspotential. Zudem wird vor allem bei Kindern vermutlich eine normale emotionale Entwicklung gestört.

Fast 2 Tonnen

In Deutschland würden Kindern jährlich mit fast 1,8 Tonnen MPH behandelt, so die FAS. Die meisten Patienten seien Jungen. An deutschen Universitäten grassiert das Mittel seit Jahren. Vor allem zu Prüfungszeiten werden die Packungen auf dem Campus herumgereicht.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jens Spahn, bezeichnete die Entwicklung als insgesamt bedenklich. Er forderte, das Thema bei einem Expertengespräch im Gesundheitsausschuss zu diskutieren. Harald Terpe, Obmann der Grünen im Gesundheitsausschuss, sagte der Zeitung: "Der enorme Anstieg von MPH-Verordnungen in den vergangenen Jahren lässt sich rein medizinisch nicht erklären."

Terpe warnte, dass mit der Verschreibung von Ritalin "im Einzelfall auch ein nicht erwünschtes Verhalten wegtherapiert" werden solle. Die pharmazeutische Industrie unterstütze die Bedürfnisse einer Gesellschaft, in der Kinder unter erheblichem Erwartungsdruck stünden, "indem sie MPH als schnelle und einfache Lösung bewirbt und die erheblichen Risiken verschweigt".

Quelle: n-tv.de

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