Politik
Heiner Bremer (M.) diskutiert mit Günter Verheugen (r.) und Hans-Werner Sinn (l.).
Heiner Bremer (M.) diskutiert mit Günter Verheugen (r.) und Hans-Werner Sinn (l.).

Verheugen in "Das Duell bei n-tv": "Ich schäme mich als Deutscher"

Von Timo Kather

Wie geht es in der Griechenkrise weiter? Der ehemalige EU-Kommissar Verheugen rechnet mit einem dritten Hilfspaket – und findet in der Debatte um Reparationen klare Worte.

Günter Verheugen, früherer EU-Kommissar für Wirtschaft und Industrie, hat den Umgang der Bundesrepublik mit den Reparationsforderungen Griechenlands hart kritisiert. "Ich schäme mich als Deutscher für das, was wir hier seit Jahrzehnten tun", sagte Verheugen in "Das Duell bei n-tv". "Wir haben diese Länder an der Nase herumgeführt und uns in Wirklichkeit vor unserer Verantwortung gedrückt", bemängelte Verheugen, "wir setzen darauf, dass das Problem sich biologisch löst."

Verheugen räumte ein, dass die Verknüpfung von Reparations- und Schuldendebatte unklug sei - in der Sache aber gab er Griechenland Recht: "Das Wenigste, das wir hätten tun müssen, ist eine Stiftungslösung, die es erlaubt, den direkten Opfern in ihren schweren Lebensumständen zu helfen", so der ehemalige EU-Spitzenpolitiker.

Grexit als "Hospitalsaufenthalt"

Verheugens Gesprächspartner Hans-Werner Sinn, Chef des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, forderte in der hitzigen, von Heiner Bremer moderierten Debatte erneut den Austritt des Krisenlands aus der Eurozone – den sogenannten Grexit –, die Rückkehr zur Drachme und deren umgehende Abwertung. Befürchtungen, wonach das Krisenland bei einem Euro-Austritt endgültig in Elend und Chaos versinken könnte, wollte Sinn nicht gelten lassen: "Für mich ist das mehr so ein Hospitalsaufenthalt, wo man sich wieder gesunden kann, um später zurückzukehren – statt das Unmögliche zu probieren: Die Lösung dieses Problems in der Eurozone."

"Tsipras hat Streit mit Deutschen vom Zaun gebrochen"

Sinn warf dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras vor, den Grexit möglicherweise sogar zu provozieren: "Er sagt: Wenn ich im Euro bleibe, dann brauche ich ganz viel Geld – und zwar unrealistisch viel Geld. Und wenn ich das nicht kriege, dann habt ihr uns rausgeschmissen. Dann kann er zur Bevölkerung gehen und sagen: Wir wollten zwar nicht raus, aber es bleibt uns jetzt nichts anderes übrig. Er muss ja für einen Austritt die Bevölkerung auch emotionalisieren. Und diese Emotionalisierung gelingt nur über einen Streit mit Deutschland, und diesen Streit hat er bewusst vom Zaun gebrochen."

Verheugen hingegen schloss einen Grexit kategorisch aus – dies lasse der Vertrag von Lissabon schlichtweg nicht zu. "Sie können aus dem Euro nicht austreten, sie können auch aus dem Euro nicht rausgeschmissen werden", sagte Verheugen. Möglich sei lediglich ein Austritt aus der Europäischen Union, was Jahre in Anspruch nehmen würde. Griechenland würde auch bei einem Grexit weiter das Sorgenkind Europas bleiben, so Verheugen: "Die Vorstellung, man wäre das Problem los durch einen Austritt, ist eine vollkommen falsche Vorstellung."

Einig waren sich die Gesprächspartner hingegen, dass die Troika-Politik zur Sanierung der griechischen Finanzen gescheitert sei. "Wenn der Schuldner Pleite ist, dann nutzt es dem Gläubiger nichts, hier Ansprüche zu erheben: er greift einem nackten Mann in die Tasche", konstatierte Sinn. Die bisherigen Rettungspläne der Troika, die eine Sanierung Griechenlands in wenigen Jahren zum Ziel hatten, seien "vollkommen unrealistisch", pflichtete Verheugen bei: "Die Gesundung Griechenlands ist ein Projekt für mindestens eine ganze Generation."

Drittes Hilfspaket kommt

Einen Schuldenschnitt halte er für politisch nicht durchsetzbar, sagte Verheugen: "Ich kenne keinen Politiker, der bereit ist, vor die Wähler zu treten und zu sagen: So, das Geld ist perdu." Stattdessen werde man wohl mit der bisherigen Politik fortfahren, mutmaßte Verheugen: "Ich wage eine Vorhersage: Wir werden im Herbst diesen Jahres das dritte Rettungspaket für Griechenland im Bundestag haben."

Quelle: n-tv.de

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