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Jochen Paulus ist einer von insgesamt fast 600 FDP-Mitgliedern, die zur AfD wechselten.
Jochen Paulus ist einer von insgesamt fast 600 FDP-Mitgliedern, die zur AfD wechselten.(Foto: picture alliance / dpa)

FDP-Abgeordneter tritt in die AfD ein: "Ich wurde als Verräter beschimpft"

Tausende Mitglieder verlassen die etablierten Parteien in Richtung AfD. Darunter befindet sich auch Jochen Paulus. Der hessische Landtagsabgeordnete wechselt von der FDP zu den Euro-Rebellen. Im Interview mit n-tv.de erklärt "der Überläufer" die Gründe für seine Entscheidung. "Es ging einfach nicht mehr", sagt Paulus.

n-tv.de: Am Wochenende sind Sie der AfD beigetreten. Sie wollen also die D-Mark zurück?

Jochen Paulus: Nicht unbedingt. Ich will eine bessere Organisation und eine bessere Kontrolle darüber, was mit unseren Steuergeldern passiert. Die Auflösung der Währungsunion mit der Rückkehr zu eigenen Währungen kann nur der letzte Schritt sein.

Gibt es weitere Gründe für Ihren Wechsel?

Es ging einfach nicht mehr. Die FDP ist eine Partei geworden, die zu sehr dem Mainstream hinterherläuft und eine gewisse Beliebigkeit erreicht hat. Es gibt Themen, mit denen ich nicht mehr übereinstimme, insbesondere auch die Familienpolitik. Für mich ist ein konservatives Familienbild ausschlaggebend. Ich will nicht sagen, dass es Kindern, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsen, schlechter geht oder sie dort weniger Liebe erfahren. Ich halte das traditionelle Familienbild allerdings für ansprechender und vom Grundgesetz aus für schützenswerter. Deswegen bin ich strikt gegen die vollkommene Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.

Jochen Paulus sitzt seit Februar 2009 im hessischen Landtag. Seitdem er von der FDP in die AfD wechselte, ist er dort ein fraktionsloser Abgeordneter.
Jochen Paulus sitzt seit Februar 2009 im hessischen Landtag. Seitdem er von der FDP in die AfD wechselte, ist er dort ein fraktionsloser Abgeordneter.(Foto: picture alliance / dpa)

Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der Sie gemerkt haben: "Ich bin in der falschen Partei"?

Das ging Ende 2011 los beim Mitgliederentscheid zum Thema ESM und Eurorettungsschirm. Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass von Seiten der Fraktionsführung keinerlei Diskussionskultur mehr gewünscht war. Brigitte Susanne Pöpel, die mit mir gemeinsam am Wochenende in die AfD eingetreten ist, war eine der heftigsten Kritikerinnen des Rettungsschirms. Auf dem Bundesparteitag hat sie damals eine Rede gehalten, die ihr sehr übel genommen wurde. Sie entsprach einfach nicht dem Mainstream.

Und dann haben Sie es nicht mehr ausgehalten in der FDP?

Ich hatte einen inneren Zwiespalt, wie ich das handhabe. Im November hatte ich schon entschieden, nicht wieder für den hessischen Landtag zu kandidieren. Irgendwann habe ich Kontakt aufgenommen zu den hessischen AfD-Vertretern. Im Gespräch mit ihnen habe ich gemerkt, dass es nicht nur inhaltlich, sondern auch menschlich stimmte.

Was macht die AfD so attraktiv für FDP-Wähler?

Die wirtschaftliche Kompetenz der handelnden Personen in der AfD macht die Partei sehr attraktiv. Ich denke da zum Beispiel an Albrecht Glaser (Anm.d.Red.: früher CDU, heute AfD). Als Kämmerer der Stadt Frankfurt hat er seinerzeit einen ausgeglichenen Haushalt auf die Beine gestellt, der vom Volumen her größer ist als der von manchen Bundesländern. Offensichtlich trauen auch viele ehemalige FDP-Wähler der AfD einen größeren Sachverstand zu.

Im Vergleich zu Ihrer alten Partei hat die AfD bisher ein eher dünnes Programm. Stört Sie das nicht?

Ich will dabei mithelfen, dass es besser und breiter wird.

Die derzeitigen Sprecher der Partei Alternative für Deutschland: Konrad Adam (l.) und Bernd Lucke.
Die derzeitigen Sprecher der Partei Alternative für Deutschland: Konrad Adam (l.) und Bernd Lucke.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Wahlprogramm wurde beim Gründungsparteitag ja nicht gerade basisdemokratisch beschlossen.

Wie es beim Bundesparteitag war, weiß ich nicht. Da war ich nicht anwesend. In Frankfurt bei der hessischen AfD war es jedenfalls anders. Da wurde die Satzung sehr intensiv diskutiert.

Ihr neuer Parteikollege, das AfD-Gründungsmitglied Konrad Adam, will Arbeitslosen das Wahlrecht entziehen. Finden Sie das gut?

Das ist seine persönliche Meinung, ich glaube nicht, dass so etwas mal im Parteiprogramm stehen wird.

Viele warnen auch davor, die AfD habe eine große Anziehungskraft auf das rechte Wählerspektrum.

Das ist nicht der Fall, es sind ja alles honorige Leute in der AfD, die einen gewissen beruflichen Hintergrund haben und mitten im Leben stehen. Pauschal kann ich das also nicht bestätigen. Gestern hat mich die "Junge Freiheit" angerufen, weil sie ein Interview mit mir machen wollte. Das habe ich natürlich abgelehnt.

Was für Reaktionen gab es in Ihrer alten Partei auf Ihre Entscheidung?

Es war zu erwarten, dass es einen großen Knall auslöst. Ich wurde als Kameradenschwein und Verräter beschimpft. Das habe ich einkalkuliert. Trotzdem war ich enttäuscht. Von Wolfgang Greilich (Anm.d.Red.: der hessische FDP-Fraktionschef) wurde mir unterstellt, ich hätte eine Krankheit simuliert und mich daher in den letzten Monaten von meinen Abgeordnetenpflichten gedrückt. Dabei wusste man genau Bescheid, dass ich einen Bandscheibenvorfall hatte, der behandelt werden musste.

Was wird aus Ihrem Mandat im hessischen Landtag? Greilich fordert, dass Sie es zurückgeben.

Ich werde das Mandat künftig als ein fraktionsloser Abgeordneter begreifen, der Mitglied der AfD ist. Zurückgeben werde ich es nicht. Ich bin gewählt und mein Austritt aus der Fraktion ändert nichts an den Mehrheitsverhältnissen. Die Regierung ist weiterhin handlungsfähig.

Mal angenommen, die AfD würde im Herbst mit einem starken Wahlergebnis dazu beitragen, dass die FDP nicht mehr in den Bundestag käme. Wäre das eine Genugtuung für Sie?

Nein, absolut nicht. Ich will auch nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Deshalb schaue ich nur noch nach vorne, nicht zurück.

Mit Jochen Paulus sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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