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Marina Weisband war bis Sonntag in Kiew auf dem Maidan. Sie hat viele Kontakte in die Ukraine.
Marina Weisband war bis Sonntag in Kiew auf dem Maidan. Sie hat viele Kontakte in die Ukraine.(Foto: picture alliance / dpa)

Blutige Kämpfe auf dem Maidan: "Ihre einzige Chance ist, den Platz zu halten"

Wie ist der Konflikt in der Ukraine aufzulösen? Gegen die Anti-Terror-Maßnahmen der Regierung von Präsident Janukowitsch muss die Opposition mit Standhaftigkeit reagieren - "bis zum bitteren Ende", seien viele in Kiew überzeugt. Dies sagt die in der Ukraine geborene Politikerin Marina Weisband im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Frau Weisband, Sie waren bis Sonntag in Kiew und haben ständigen Kontakt zu den Demonstranten auf dem Maidan. Wie sind Ihre Eindrücke?

Marina Weisband: Es ist schrecklich. Aber die Demonstranten auf dem Maidan in Kiew sagen alle: "Hier gibt es niemanden, der Angst hat." Und was auch die ganze letzte Woche bisher der Tenor war: "Wir bleiben bis zum Schluss, denn es gibt keine andere Option mehr für uns. Wir müssen jetzt bis zum bitteren Ende kämpfen. Wir können nicht mehr in die Ukraine zurückkehren, wie sie jetzt ist."

Warum kamen diese Angriffe gerade jetzt?

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Wir haben erwartet, dass es zu einem Sturm kommt. Doch der Zeitpunkt und dass sie so heftig kamen, hat uns alle überrascht. Es gab Besprechungen im Parlament. Die Opposition hatte einen Antrag auf eine Verfassungsänderung eingereicht, den die Regierung abgeschmettert hat. Daraufhin haben sich die Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude versammelt und aus den Reihen der Demonstranten wurden Steine in Richtung Polizei geworfen. Die Steinewerfer wurden aber von den Demonstranten selbst sehr schnell festgesetzt, es war die Rede von gezielter Provokation. Auf jeden Fall hat die Polizei daraufhin sehr scharf und heftig reagiert, mehrere Gebäude in Kiew gewaltsam geräumt und den Demonstranten ein Ultimatum gestellt, dass sie bis 18 Uhr den Platz verlassen müssten. Daran hat natürlich niemand gedacht. Daraufhin ist es zu diesen Anti-Terror-Maßnahmen gekommen.

Doch auch viele Demonstranten zeigten sich in der Nacht äußerst gewaltbereit, warfen Molotowcocktails und attackierten die Polizisten. Wer gehört dazu?

Es gibt mehrere schon immer gewaltbereite Gruppen vor allem am rechten Rand. Allerdings hat sich die Lage inzwischen so gewandelt, dass sogar gewöhnliche Hausfrauen Steine von der Straße sammeln und die Jugend Molotowcocktails im großen Stil anrührt. Weil es der einzige Weg ist, sich zu verteidigen. Die Demonstranten wissen: Wenn sie von dem Maidan-Platz verjagt werden, dann haben sie den Kampf verloren. Dann werden sie in einer Ukraine mit viel, viel schärferen Gesetzen leben und werden weiterhin unterdrückt. Ihre einzige Chance ist, den Platz zu halten. Deshalb sind sie nun vermehrt gewaltbereit, vor allem nach dem rücksichtslosen Vorgehen der Polizei. Die Menge radikalisiert sich.

Haben die Oppositionsführer überhaupt noch einen Einfluss auf die Demonstranten?

Wollen nicht aufgeben: Die Demonstranten auf dem Maidan.
Wollen nicht aufgeben: Die Demonstranten auf dem Maidan.(Foto: AP)

Nein. Die Demonstranten haben aber auch noch nie auf sie gehört. Die Rolle der Oppositionsführer und besonders Klitschkos wird hierzulande sehr überschätzt. Klitschko wird in der Ukraine als sehr schwache Person wahrgenommen. Er ist nicht charismatisch, er spricht nicht gut, er spricht vor allem kaum Ukrainisch. Er taucht nur sehr sporadisch auf dem Maidan auf, spricht dann ein paar Sätze Russisch in die Menge und geht wieder. Das nehmen die Leute nicht so richtig ernst. Er wird nicht als Ukrainer wahrgenommen, sondern als Ausländer. Aber auch die Parteiführung der rechtsextremen Partei Swoboda wird sehr kritisch von den Demonstranten beäugt. Sie wollen nicht, wie sie sich ausdrücken, "die einen Verbrecher loswerden und die anderen Verbrecher einsetzen". Sie sind nicht nur misstrauisch gegenüber der Regierungspartei, sie sind misstrauisch gegenüber der gesamten Politik.

Wie gefestigt ist Janukowitsch noch?

Er hat immer weniger Unterstützer. Selbst im Osten der Ukraine, wo früher kaum jemand mit Demonstranten sympathisierte, weil sie nach Europa wollen, gibt es nur noch wenig Zustimmung für ihn. Schließlich geht es inzwischen nicht mehr um Europa. Nun geht es um Landsleute, die getötet werden durch Polizisten. Das Problem allerdings ist: Janukowitsch hält sich ja noch.

Wie geht es weiter?

Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten, von denen mir keine gefällt: Entweder macht Europa überhaupt keinen Druck und es bleibt nur bei guten Wünschen. Dann wird es Janukowitsch wahrscheinlich schaffen, diese Proteste zu bekämpfen und wird noch sehr viel strengere Regeln und Gesetze einführen. Das wird die Ukraine zu einem weit weniger freien Land machen, als sie es ohnehin schon ist. Oder aber Europa macht Druck und zwingt Janukowitsch zum Rücktritt. Schließlich hat sie die Mittel dazu, zum Beispiel über seine Privatkonten, die alle in der EU sind. Sollte das gelingen, wird es Neuwahlen geben und dann kann man eben hoffen, dass etwas Besseres rauskommt, als das, was wir jetzt haben. Muss es aber nicht.

Mit Marina Weisband sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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