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"Putsch? Welcher Putsch?" In der Nähe des Taksim-Platzes geht das Leben wieder seinen normalen Gang.
"Putsch? Welcher Putsch?" In der Nähe des Taksim-Platzes geht das Leben wieder seinen normalen Gang.(Foto: dpa)
Montag, 18. Juli 2016

Was war das bloß für ein Putsch?: In der Türkei blühen Verschwörungstheorien

Von Issio Ehrich, Istanbul

Gibt es wirklich so dilettantische Putschisten? War das nicht alles inszeniert? Sind die USA ein geheimer Spieler? Der gescheiterte Putsch in der Türkei provoziert etliche, teils recht unwahrscheinliche Theorien. Dabei gibt es längst plausible Erklärungen für das Chaos.

Für Erol ist die Sache klar: "Die Menschen hier sind so dumm, ich bin mir sicher, dass sie Eselhirn zum Frühstück essen", sagt der Taxifahrer, während er durch Kasimpaşa brettert, das Viertel, in dem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan aufgewachsen ist. Eine Hochburg der regierenden AKP.

"Putsch? Welcher Putsch?", fragt Erol. "Das ist doch alles inszeniert." Erol, der seinen echten Namen nicht preisgeben will, ist Nationalist, ein Anhänger der Partei MHP. Und er ist fest davon überzeugt, dass Erdogan den Aufstand von Teilen des Militärs selbst angezettelt hat, um die Notwendigkeit für einen starken Mann im Lande zu demonstrieren, um für seinen Traum zu werben – ein Präsidialsystem mit ihm als allmächtigen Präsidenten.

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Noch in der Nacht des Putsches in den sozialen Netzwerken, mittlerweile überall auf den Straßen: Seit dem gescheiterten Staatsstreich stellen viele Türken infrage, ob in jenen Stunden zwischen dem 15. und dem 16. Juli wirklich alles so gewesen ist, wie es schien.

Ein gewisser Hang zu Verschwörungstheorien existierte schon immer in der türkischen Republik. Mal mehr, mal weniger begründet. Da ist immer wieder vom "Tiefen Staat" die Rede, einem geheimen Netzwerk aus Militärs, Rechtsextremen und nationalistischen Gruppen, dann von "parallelen Strukturen", womit die Hizmet-Bewegung des Exil-Predigers Fethullah Gülen gemeint ist. Der Präsident hat sich all dieser Theorien zum eigenen Machterhalt stets großzügig bedient. Jetzt wird ihm vorgeworfen, dem Volk etwas vorzuspielen.

Düstere Mächte hinter Erdogan?

Die beliebteste Theorie ist die, der auch Taxi-Fahrer Erol anhängt. Doch es gibt noch diverse andere. Einige vermuten, dass hinter Erdogan in Wirklich düstere Mächte stehen – je nach eigenem Standpunkt wahlweise die USA oder ein islamistisches Netzwerk, das den gesamten Nahen Osten neu ordnen will.

Natürlich lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur wenig ausschließen, doch sonderlich wahrscheinlich sind all diese Theorien nicht. Aus mehreren Gründen. Erstens: Erdogan fehlt bisher zwar die notwendige Parlamentsmehrheit für eine Verfassungsänderung, die Voraussetzung für sein Präsidialsystem ist. Es kann aber kaum die Rede davon sein, dass er geschwächt dastand und diesen Putsch dringend benötigt hätte. Erdogan hat seit einer gefühlten Ewigkeit alle Wahlen gewonnen. Durch die Flüchtlingskrise und das Erstarken des sogenannten Islamischen Staates (IS) ist er international zudem so bedeutend wie nie.

Zweitens ist fraglich, ob es bei einem inszenierten Coup so gewaltvoll zugegangen wäre. Das Parlament wurde bombardiert. Mindestens 290 Menschen verloren in dieser Nacht ihr Leben, mehr als 1400 wurden verletzt. Man mag Erdogan viel zutrauen, aber auch das?

Für die großen Ungereimtheiten – der Aufstand mit ein paar Panzern und ein paar Flugzeugen wirkte unfassbar schlecht vorbereitet – gibt es plausiblere Erklärungen.

Eine unglaublich schnelle Verhaftungswelle

Schon am frühen Morgen nach der Putschnacht begann eine beispiellose Verhaftungswelle. Seither wurden mehr als 6000 mutmaßliche Putschisten festgenommen und jeder fünfte Richter abgesetzt. Die jüngste Meldung: Das Innenministerium suspendierte fast 9000 Beamte – darunter vor allem Polizisten und mehr als ein Drittel der 81 Provinz-Gouverneure.

Selbst den hoch aufgerüsteten türkischen Sicherheits- und Geheimdienstkräften traut niemand zu, so schnell zu ermitteln. Der Journalist Ahmet Sik ist davon überzeugt, dass es Listen der Verdächtigen schon lange vor dem Coup gegeben haben muss. Der Generalstaatsanwalt von Izmir, Okan Bato, und der stellvertretende Generalstaatsanwalt von Ankara, Necip Iscimen, bestätigten in Medienberichten, dass es solche Listen gegeben habe.

Darauf sollen mutmaßliche Gülen-Anhänger gestanden haben. Ob sie das wirklich alle gewesen sind, ist fraglich. Der Großteil der putschenden Soldaten und auch ihr mutmaßlicher Rädelsführer Akin Öztürk stammen aus der Luftwaffe, einem Hort des Kemalismus. Experten vermuten eine größere Zahl von Gülenisten, wenn überhaupt, dann im Justizsystem und Polizeiapparat. Dort gab es in den vergangenen Jahren aber bereits umfassende "Säuberungsaktionen". Dass noch immer jeder fünfte Richter des Landes ein Anhänger der Hizmet-Bewegung sein soll, ist kaum vorstellbar.

Die Militärs witterten den Machtverlust

Ob nun Gülen-Anhänger oder nicht – laut Sik war unabhängig vom Coup geplant, gegen diese Menschen vorzugehen. Unliebsame Militärs sollten bei der jährlichen Sitzung des Hohen Militärrats Ende August, bei der Beförderungen und Pensionierungen beschlossen werden, abgesetzt oder übergangen werden.

Sik schreibt, dass die Militärs davon wussten. Sie witterten demnach ihren Machtverlust. Die nahende Suspendierung war zwar womöglich nicht der Auslöser für den versuchten Staatsstreich. Trotz einer Art Versöhnung zwischen Regierung und Armee nach den "Säuberungen" rund um den Ergenekon-Prozess und anderen Verfahren gegen angeblich abtrünnige Militärs in den vergangenen Jahren gab es in Teilen des Militärs Unmut. Nicht nur wegen Erdogans Islamisierungskurs, der mit dem Selbstverständnis der Armee als Hüter des kemalistischen Erbes, dem Säkuralismus in der Türkei, kaum vereinbar ist, sondern auch, weil im Osten den Landes etliche Soldaten in einem von vielen als irrsinnig wahrgenommenen Krieg gegen die PKK gestorben sind. Auch mit dem Kampf gegen den IS in Syrien waren einige Generäle und Offiziere nicht einverstanden.

Wenn es nicht der Auslöser war, so bestimmte die nahende Suspendierung womöglich aber den Zeitpunkt des Putsches. Die Militärs spürten laut Sik, dass sie nicht mehr lange Zeit haben würden, wenn sie noch etwas unternehmen wollen. Sie zogen den Aufstand vor, obwohl die Vorbereitungen für einen erfolgreichen Coup offensichtlich noch nicht abgeschlossen waren.

Für Erdogan wurde der miserabel vorbereitete Putsch so, wie er es selbst sagte, ein "Geschenk Gottes". Auch, wenn die Zahl der echten Putschisten klein sein mag, liefert er ihm ein Argument, um etliche in Ungnade gefallene Militärs, Polizisten und Juristen aus dem Weg zu räumen.

 

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Quelle: n-tv.de

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