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"Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes": Die Teilnehmer der Pegida-Kundgebung müssen auf dem Dresdner Terrassenufer umkehren.
"Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes": Die Teilnehmer der Pegida-Kundgebung müssen auf dem Dresdner Terrassenufer umkehren.(Foto: picture alliance / dpa)

"Pegida" stößt auf Widerstand: Islam-Gegner ziehen durch Dresden

Von Michael Bartsch, Dresden

Die Stimmung ist angespannt, die Polizei befürchtet die Eskalation: Bei der siebten Montagsdemo "Patriotischer Europäer" in Dresden äußern rund 7500 Demonstranten ihre Angst vor Islam und Ausländern. Doch der "Abendspaziergang" endet auf halber Strecke.

Die sogenannten Pegida-Demonstrationen in Dresden stoßen auf wachsenden öffentlichen Widerstand. Zur siebenten Montagsdemo gegen eine angeblich drohende Islamisierung der Bundesrepublik kamen am Abend nach Angaben der Polizei etwa 7500 Teilnehmer. Sollte die Zahl zutreffen, wären dies etwas mehr als zuletzt. Mehrere Beobachter vor Ort haben am Abend jedoch weniger Teilnehmer gesehen als bei den vergangenen Demonstrationen.

Viel Schwarz-Rot-Gold und ein Schuss Revolutionsromantik von 1989: Pegida vereint eine bunte Mischung.
Viel Schwarz-Rot-Gold und ein Schuss Revolutionsromantik von 1989: Pegida vereint eine bunte Mischung.(Foto: picture alliance / dpa)

Mehr als 1000 Gegendemonstranten vorwiegend aus der linken Szene störten diesmal den Pegida-Zug lautstark. Etwa 400 von ihnen gelang es, das Terrassenufer zu blockieren und den Aufmarsch zur Umkehr zu zwingen. Die Pegida-Teilnehmer wollten eigentlich bis zur Semperoper ziehen.

Beobachter hatten zuvor befürchtet, die Kundgebung könnte sich zu einem Aufmarsch rechtsextremer oder gewaltbereiter Kräfte entwickeln, ähnlich wie bei den islamfeindlichen Hogesa-Demonstrationen. Das Kürzel "Pegida" steht für "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes".

Schon in den sechs Wochen zuvor war die Zahl der Pegida-Unterstützer von Montagsdemo zu Montagsdemo bis auf knapp 6000 stetig gewachsen. "Gewaltfrei vereint gegen Glaubenskrieg auf deutschem Boden" steht auf ihrem immer wieder verwendeten Fronttransparent zu lesen.

Wer sind die "Patriotischen Europäer"?

Der Kreis der Organisatoren fand über eine Facebook-Gruppe zusammen. Wortführer und Versammlungsleiter ist der 41-jährige Lutz Bachmann. Der gebürtige Dresdner ist gelernter Koch und arbeitete nach dem Abitur in der elterlichen Fleischerei, machte sich 1994 als Werbegrafiker selbständig. Bachmann ist mehrfach vorbestraft, entzog sich einer Strafe wegen Delikten im Rotlichtmilieu durch Flucht nach Südafrika, bevor er sich im Jahr 2000 der deutschen Justiz stellte. 2009 wurde er wegen Drogenbesitzes auf Bewährung verurteilt.

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"Ich stehe über der Schmutzkampagne", rief Bachmann mit Blick auf Medienveröffentlichungen an diesem Montagabend in die Menge. Zugleich deutete er aber seinen Rückzug "von der Rampe" an. Es gäbe noch andere "fähige Köpfe". In seinen Reden und Äußerungen war der Frontmann bislang stets bemüht, sich nach rechts abzugrenzen.

Er sei nicht gegen den Islam, nur gegen militanten Islamismus, habe sogar muslimische Freunde wie seinen Trauzeugen, einen türkischen Diskothekenbesitzer. Man wende sich auch nicht gegen das Asylrecht, politische Flüchtlinge sollten sogar schneller integriert werden. Wirtschaftsflüchtlinge hätten in Deutschland hingegen nichts zu suchen.

Fremdenangst in Sachsen

Sachsens Innenminister Markus Ulbig hatte zuvor in einem Zeitungsinterview gemahnt, man solle genau hinsehen, ob unter den Organisatoren Rattenfänger seien. Bachmann attackierte den CDU-Politiker daraufhin heftig.

Pegida-Teilnehmer beschweren sich, wenn sie auf eine Stufe mit Nazis gestellt werden. Unzweifelhaft aber ziehen beispielsweise Tiraden gegen "Asylanten mit Vollausstattung in dezentraler Unterbringung" oder die geschürte Angst vor "Vergewaltigung und Abschaffung der deutschen Sprache" ein sehr heterogenes Publikum an.

Bachmann kann nicht verhindern, dass sich die halbe ehemalige sächsische NPD-Landtagsfraktion unter die Demonstranten mischt. Jacken mit der Fraktur-Aufschrift "Ostdeutschland" und entsprechendes Benehmen lassen auf freie Kameradschaften schließen. Nach Polizeierkenntnissen sind auch etwa 120 Hooligans dabei. Die Ordner kommen aus der Security-Szene.

"Weg mit dem Dreck"

Die Teilnehmer, auffallend wenige im Alter zwischen 30 und 60 Jahren, reisen inzwischen aus ganz Sachsen an. Wer sich nicht an das Verbot hält, mit Journalisten zu reden, erweist sich als unzugänglich für rationale Argumente. Viele befürchten, dass ihre Enkeltöchter eine Burka tragen müssen und die Rufe des Muezzins bald die Kirchenglocken übertönen werden. Jeder erzählt Schauergeschichten von kriminellen Ausländern, die er gehört, aber nicht selbst erfahren hat. Das Statistische Landesamt lüge, wenn es einen Ausländeranteil von lediglich 2,5 Prozent in Sachsen feststellt.

Neben den Ängsten herrscht allgemeiner Systemfrust vor. Politiker seien grundsätzlich Volksverräter, die Medien linke, gleichgeschaltete Lügner. Revolutionsromantik von 1989 wird mit dem Ruf "Wir sind das Volk" heraufbeschworen. Welches Aggressionspotenzial in dem als "andächtiger Abendspaziergang" deklarierten Zug steckt, zeigte die Blockadesituation am Abend. Ein Böller krachte, "weg mit dem Dreck" wurde in Richtung Blockierer gerufen, trotz der Umkehraufforderung der Veranstalter drohte ein Durchbruch durch die Polizeikette.

Nach eigenen Angaben findet Pegida inzwischen in mehreren Städten der Bundesrepublik Nachahmer. Mit den Demos wolle man erst aufhören, "wenn die Politik sich ändert", erklärte Lutz Bachmann erst kürzlich in einem "Bild"-Interview.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels aus Dresden war von einer geringeren Teilnehmerzahl die Rede. Diese basierte auf den ersten Schätzungen der Polizei. Der Text wurde mit den neuen Zahlen aktualisiert.

Quelle: n-tv.de

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