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Zygiers Grab in Australien.
Zygiers Grab in Australien.(Foto: REUTERS)

Ermittlungen nach Selbstmord: Israel entschädigt Zygiers Familie

Israel schließt offenbar eine Mitschuld am Tod eines australisch- israelischen Häftlings nicht mehr aus. Medien berichten von einem möglichen Prozess gegen Wachen und von einer Entschädigung. Auch über die Gründe, warum Ben Zygier gestorben sein könnte, gibt es neue Spekulationen. Möglicherweise wollte er über die Mossad-Praxis aussagen, die Pässe unverdächtiger Drittstaaten für Geheimdienstoperationen zu verwenden.

Im Fall des in israelischer Isolationshaft gestorbenen "Gefangenen X" ist eine Anklage gegen Vollzugsbeamte wegen Verletzung der Aufsichtspflichten wahrscheinlich. Ein Vertreter des Justizministeriums in Jerusalem sagte laut Medienberichten, eine entsprechende Untersuchung sei eingeleitet worden und werde zu Anklagen wegen fahrlässigen Verhaltens führen, wenn sich herausstelle, dass der Häftling, der die israelische und die australische Staatsbürgerschaft hatte, ungenügend überwacht worden sei.

Der im Dezember 2010 erhängt aufgefundene Mann wurde von australischen Medien diese Woche als der gebürtige jüdische Australier Ben Zygier identifiziert, der nach seiner Rekrutierung durch den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad 2001 nach Israel auswanderte. Eine Untersuchungsrichterin hatte vor einigen Wochen einen Bericht vorgelegt, der eindeutig Selbstmord als Todesursache angab. "Aber wenn sie nichts Verdächtiges gefunden hätte, wäre der Fall nicht an uns weitergereicht worden", begründete der Ministeriumsvertreter die eingeleiteten weiteren Untersuchungen.

Die linksliberale Tageszeitung "Haaretz" meldete unterdessen, mit der Familie Zygiers, der mit einer Israelin verheiratet war und zwei kleine Kinder hatte, sei eine Entschädigung in Höhe von mehreren Millionen Schekel schriftlich vereinbart worden (ein Schekel ist etwa 20 Eurocent wert). Die Vereinbarung sei vor sechs Wochen in Folge des damals vorgelegten Untersuchungsbericht getroffen worden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf eine nicht näher benannte Quelle, die eng mit dem Fall befasst sei.

Missbrauch ausländischer Pässe

Im Zusammenhang mit dem Fall Zygier ist auch die Praxis des Mossad, Reisepässe "sauberer" Drittstaaten zu benutzen, international wieder ins Schlaglicht geraten. So wird das Schicksal des aus Australien eingewanderten Anwalts mit der Ermordung eines Militärchefs der radikalen Palästinenserorganisation Hamas am 20. Januar 2010 in Dubai in Verbindung gebracht.

Die Ermittlungsbehörden des Emirats hatten kurz darauf den Mossad beschuldigt, zur Vorbereitung und Ausführung des Mordplans mehr als ein Dutzend ausländischer Pässe verwendet zu haben, darunter vier australische und einen deutschen Reisepass. In Canberra wurde daraufhin der israelische Botschafter ins australische Außenministerium einbestellt. Australische Medien veröffentlichen nun Indizien für die These, dass der tote Häftling bereit war, gegenüber den australischen Ermittlern die Praktiken des Mossad offenzulegen. Zygier wurde nur eine Woche nach den Anschuldigungen aus Dubai festgenommen und danach unter falscher Identität in einem Hochsicherheitsgefängnis festgehalten.

"Es ist gut möglich, dass Zygier Bereitschaft signalisiert hatte, in der Sache auszusagen, was so aber verhindert wurde", zitiert der "Sydney Morning Herald" den früheren australischen Staatsschützer Warren Reed. Nach Recherchen der Zeitung war Zygier einer von drei nach Israel Ausgewanderten, die weiter auch die australische Nationalität hatten und gegen die der australische Auslandsgeheimdienst ASIS Ermittlungen führte. Alle drei hätten die Pässe ihres Geburtslandes genutzt, um nach Iran, Syrien und Libanon zu reisen, die Inhaber israelischer Reisedokumente nicht ins Land lassen.

Operationen unter falscher Flagge

"Australien ist ein sauberes Land, das wie Neuseeland und nur wenige andere Staaten in diesen Ländern einen guten Ruf genießt. Deshalb kann unsere Nationalität für Geheimdienste sehr interessant sein", sagte Reed dem Sender Sky News und fügte hinzu: Das macht nicht nur Israel, aber der Mossad ist auf diese Praktiken sicherlich weitaus mehr angewiesen als andere Dienste."

Und als die Dubai-Affäre 2010 hochkochte, sagte der frühere Mossad-Offizier Viktor Ostrowski der australischen Presse freimütig: "Mit einem israelischen Pass kommen wir nicht überall hin. Deshalb müssen wir bei Operationen unter falscher Flagge einreisen, also als Bürger von Staaten, die nicht als Feinde der Zielländer gelten."

Als in diesem Sinne "sauberes" Land gilt offenbar auch die Bundesrepublik. So wurde bei dem Mordanschlag in Dubai auch ein deutscher Reisepass genutzt. Diesen hatte ein mutmaßlicher Mossad-Agent mit dem Aliasnamen Uri B. im Frühjahr 2009 zusammen mit einem weiteren Agenten aus Köln besorgt. Uri B. wurde im Juni 2010 in Polen verhaftet, zwei Monate später nach Deutschland ausgeliefert - von wo er am Folgetag ungehindert nach Israel ausreisen konnte. Da gegen ihn nicht wegen Spionage sondern wegen Beurkundungsvergehen ermittelt wurde, reichte dafür die Zahlung einer Kaution.

Australien will nun aber den mutmaßlichen Passmissbrauch durch den Mossad vollständig aufklären. Außenminister Bob Carr hat nach den Enthüllungen dieser Woche einen Untersuchungsbericht angefordert. Stephen Smith, sein Amtsvorgänger im Jahr 2010 und aktuell Verteidigungsminister, hatte schon 2010 gesagt: "Dies ist nicht das erste Mal, dass australische Pässe von israelischen Diensten missbraucht werden."

Quelle: n-tv.de

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