Politik
Putin hat 2001 die Akropolis in Athen besucht.
Putin hat 2001 die Akropolis in Athen besucht.(Foto: REUTERS)

EU gegen Russland: Ist Griechenland Putins Trojanisches Pferd?

Von Issio Ehrich

Die EU-Außenminister wollen neue Russland-Sanktionen beraten. Griechenlands neue Regierung könnte das Treffen sprengen. Überraschend wäre das nicht. Moskau und Athen, Putin und Tsipras pflegen seit eh und je spezielle Beziehungen.

Tunne Kelam macht sich Sorgen. Dem Europaabgeordneten aus Estland gefällt überhaupt nicht, dass die griechische Partei Syriza jetzt maßgeblich die europäische Außenpolitik mitbestimmen kann: "Griechenland könnte sowohl in der EU als auch in der Nato zum Trojanischen Pferd Russlands werden", warnt er.

Video

Griechenland? Trojanisches Pferd Russlands? Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen? Tatsächlich sprechen viele Gründe dafür, dass Athen künftig eine Sonderrolle in der EU einnehmen könnte, wenn es um das Verhältnis zu Moskau geht.

Griechenland verbindet schon lange viel mit Russland. Mit Syriza als Regierungspartei und den Rechtspopulisten von Anel als Koalitionspartner könnte nun die historisch gewachsene, durch Wirtschaftsbeziehungen ohnehin starke Beziehung zweier Länder eine ganz neue Ebene erreichen.

Ein erster Prüfstein ist das Treffen der EU-Außenminister in Brüssel an diesem Nachmittag. Die Chefdiplomaten wollen dort neue Sanktionen gegen Russland beraten und vor allem eines: Einigkeit demonstrieren. Griechenland könnte dieses Vorhaben stören. Kaum im Amt kritisierte die neue Regierung schließlich schon eine Erklärung der EU, die Russland für Angriffe auf die ukrainische Staat Mariupol am vergangenen Wochenende mitverantwortlich macht. Und jetzt ist aus der Partei zu hören, dass sie sich auch gegen neue Sanktionen wehren würde. Was hat es auf sich mit dem speziellen Draht Moskaus zu Athen?

Orthodoxe Brüder

Bindungsglied der beiden Länder ist seit Jahrhunderten die Religion. Von Beginn der Neuzeit an verstand sich das orthodox-christliche Russland als Schutzpatron der orthodoxen Griechen. Es galt, sie gegen das übermächtige Osmanische Reich zu verteidigen. Auch bei der Gründung der ersten Regierung des unabhängigen Griechenlands 1827 mischte Russland mit. Der neue Präsident Ioannis Kapodistrias war vor Amtsantritt Staatssekretär im Dienste des Zaren. Schon während des Griechischen Bürgerkriegs, 1946 bis 1949, wäre das Land beinahe Teil des Ostblocks geworden. Moskau unterstützte eine der griechischen Kriegsparteien, Großbritannien und die USA die andere. Der Westen setzte sich durch, Griechenland kam in die Nato.

Erhalten blieb eine starke Solidarität, die sich stets vor allem in ausgesprochen engen Wirtschaftsbeziehungen äußerte. Als Griechenland drohte, an der Eurokrise zu zerbrechen, wandten sich vor allem russische Oligarchen dem krankenden Land zu. Sie kritisierten das "Spardiktat" aus Brüssel und steckten Geld in millionenschwere Hotelanlagen an den Stränden Chalkidikis. Magnat Dmitry Rybolowlew kaufte als Geschenk für seine Tochter gleich die ganze Insel Skorpios. Zu den prominentesten jener Oligarchen zählt auch Iwan Sawidis, weil er 2012 den Fußballverein Paok Thessaloniki übernahm. Russland wolle Griechenland schützen, sagte er damals.

Die guten wirtschaftlichen Beziehungen äußerten sich aber nicht nur in derartigen Großinvestitionen. Auf dem Energiesektor gibt es Partnerschaften. Vor allem für griechische Landwirte ist Russland zudem ein wichtiger Absatzmarkt. Insgesamt exportierte das Land im Jahr 2013 Waren im Wert von 400 Millionen Euro nach Russland.

Freunde mit viel Verständnis füreinander

Die ohnehin große Nähe Russlands und Griechenlands ist bei den neuen Regierungsparteien besonders stark ausgeprägt, was auch daran liegt, dass Moskau dazu neigt, um links- und rechtsradikale sowie links- und rechtspopulistische Parteien in Europa zu buhlen.

Wenn das russische Staatsfernsehen über die Griechenland-Krise berichtete, lud sie nicht den damaligen Ministerpräsidenten des Landes zum Interview, sondern den damaligen Oppositionspolitiker Alexis Tsipras. Und der Mann, der mit seiner Partei Syriza jetzt Griechenland regiert, wurde schon damals mit viel Verständnis empfangen.

Als Moskau im vergangenen Frühjahr nach der Annexion der Krim für die EU zum Schmuddelkind wurde, war es dann Tsipras, der sich für dieses Verständnis revanchierte. Er traf sich im Mai unter anderem mit Walentina Matwijenko, der Vorsitzenden des russischen Föderationsrates, die damals schon auf der EU-Sanktionsliste stand. Der russischen Tageszeitung "Rossisjskaja Gaseta" sagte Tsipras bei diesem Besuch: "Die Sanktionen schaden Europa." Er versprach, dass sich die griechische Politik bald ändern werde.

Auch Tsipras' Außenminister Nikos Kotzias, der nun für Griechenland am Sanktions-Sondertreffen in Brüssel teilnimmt, reiste im Mai nach Russland. Der Ex-Kommunist ist für enge Beziehungen zum Kreml bekannt. Er lobbyiert seit Langem für eine stärkere Kooperation der EU mit Russland auf dem Energie- und Sicherheitssektor und hat wiederholt vorgeschlagen, dass Griechenland hier eine Brücke darstellen könnte.

Widerstand gegen einen russlandfreundlichen Kurs Tsipras ist auch vom Koalitionspartner nicht zu erwarten. Anel-Chef und Verteidigungsminister Panos Kammenos setzte sich bereits im vergangenen Jahr dafür ein, eine Arbeitsgruppe im Europäischen Parlament zu gründen, die sich gegen die Sanktionen wehrt. Bezeichnend wirkt angesichts dieser ohnehin offensichtlichen Nähe, dass der erste Diplomat, den Ministerpräsident Tsipras in seinem neuen Amt empfing, der russische Botschafter in Athen war.

Das Bild Griechenlands als Trojanisches Pferd Moskaus dürfte dennoch überzeichnet sein. Bisher ließ Tsipras wenig Zweifel daran, dass er sehr wohl eigene Interessen hat. Die Griechen haben sein Bündnis Syriza nicht für ihre Russland-Politik gewählt. Es ging ihnen um eine Rebellion gegen das griechische Establishment und die schmerzhafte Euro-Rettungspolitik. Mit einem kompromisslosen Putin-Kurs dürfte Tsipras dabei wenig erreichen. Vielversprechender ist eine andere Strategie: Tsipras könnte seinen besonderen Draht zu Moskau als Druckmittel in der Rettungspolitik nutzen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen