Politik
Selbstmordanschlag auf schiitische Pilger in Pakistan.
Selbstmordanschlag auf schiitische Pilger in Pakistan.(Foto: REUTERS)

Terror im Namen Gottes: Ist die Religion an allem schuld?

Von Fabian Maysenhölder

"Gott will es" - das war vor Jahrhunderten die Parole der Kreuzzüge. Und auch heute noch wird im Namen Gottes gemordet und gebombt. Ob Afrika oder der Nahe Osten: Überall scheint die Religion Ursache für Konflikte zu sein. Doch diese Behauptung ist zu pauschal.

Im Irak und in Syrien wüten islamistische Terroristen, in Nigeria die Gläubigen der Boko Haram-Sekte. In der Zentralafrikanischen Republik liefern sich Anti-Balaka-Kämpfer im Namen der Christen blutige Schlachten mit den muslimischen Seleka, in Sri Lanka fliehen Muslime vor radikalen Buddhisten. All das sind nur einige aktuelle Beispiele für vermeintlich religiös motivierte Gewalt. Da ist der Blick in die Geschichte noch nicht getan, der unzählige weitere Gräueltaten im Namen der Religion offenbart.

Vor diesem Hintergrund stellt sich vor allem eine Frage: Ist Religion eine der Hauptursachen für Kriege auf der Erde? Wäre die Welt ohne Religion eine friedlichere? Ohne Zweifel spielt Religion in vielen Konflikten eine zentrale Rolle. Doch das bedeutet nicht, dass sie auch die Ursache dafür ist.

"Religion bietet Zuflucht"

"Es gibt eine helle und eine sehr dunkle Seite der Religiosität", erklärt der Jenaer Religionswissenschaftler Michael Blume im Gespräch mit n-tv.de. Religionen haben ein Friedens-, aber auch ein Konfliktpotenzial - das gilt für alle Religionen gleichermaßen. Welches davon sich entfaltet, hänge von mehreren Faktoren ab - vor allem davon, wie gut oder schlecht es den jeweiligen Menschen geht. "Not lehrt beten", sagt Blume: "Wenn es Menschen über längere Zeit hinweg schlecht geht, dann beginnen viele, in der Religion Zuflucht zu suchen." Religion biete das Potenzial, miteinander zu kooperieren und zusammenzuhalten. "Wenn dann aber zum Beispiel extremistische Auslegungen dazu kommen, dann kann das einen enormen Gewaltausbruch zur Folge haben."

Bilderserie

Für manche Kritiker ist dieses Potenzial Grund genug, sich aktiv gegen die Religion zu engagieren. Einer, der hier an vorderster Front kämpft, ist zum Beispiel Richard Dawkins. Ohne den "Virus der Religion" würde es seiner Ansicht nach das Gros der weltweiten Gewaltausbrüche gar nicht erst geben.

Doch deshalb Religiosität abschaffen zu wollen, wäre nicht zielführend - das könnte ohnehin nur ein totalitärer Staat. Wohin das führt, hat die Vergangenheit gezeigt. "Solange Menschen das Gefühl haben, sie benötigen Religiosität - entweder weil sie so veranlagt sind oder weil sie in Not leben - wird es unmöglich sein, sie zu unterdrücken", führt Blume aus.

Eine "bessere Form der Religion"

Wie also ist das Gewaltpotenzial der Religionen in den Griff zu bekommen, und wie könnte das Friedenspotenzial, wie es sich zum Beispiel in Teilen der Friedensbewegung gezeigt hat, aktiviert werden? "Eine Antwort auf dieses Problem ist nicht die Alternative zwischen Religion und Nicht-Religion. Es muss darum gehen, eine 'bessere' Form der Religion zu entwickeln", so Blume. Das heißt: eine Theologie, die ohne Extremismus auskommt - wie heute zum Beispiel die allermeisten christlichen und islamischen Strömungen. Es muss eine Kultur geschaffen werden, in der es darum geht, miteinander zu reden und zu diskutieren, statt sich mit Gewalt zu begegnen.

Blume ergänzt noch zwei weitere Dinge: "Ganz wichtig ist, die Menschen aus ihrer existenziellen Not herauszunehmen." Denn das entzieht dem Extremismus den Nährboden. Außerdem müsse man "aufhören, mit Extremisten zu paktieren". Wer glaube, man könne solche Gruppierungen für politische Ziele instrumentalisieren, wie zum Beispiel mit den Muhadscheddin in Afghanistan geschehen, brauche sich nicht zu wundern, wenn man diesen Geist nicht mehr in die Flasche bekomme, ist er überzeugt.

Ursachen oder Symptome?

Betrachtet man die derzeitigen Auseinandersetzungen auf dem Globus genauer, so stellt man schnell fest: Kriege und Konflikte brechen nicht primär aufgrund religiöser Fragen auf. Ein Blick nach Afrika: Die Konflikte in Mali, der Zentralafrikanischen Republik oder in Nigeria lassen sich kaum auf Glaubensfragen zurückführen. Jahrzehntelang schwelendes Misstrauen gegen Regierungen, katastrophale humanitäre Zustände, keine funktionierenden Sozial- und Bildungssysteme sind naheliegende Ursachen. "Einen Sieg über den Terrorismus gibt es nur als Sieg über die Armut", hält der Afrika-Experte Robert Kappel deshalb als Fazit in einem Beitrag für das IPG-Journal der Friedrich-Ebert-Stiftung fest.

Auch wer in den Nahen Osten schaut, findet dort eine lange Geschichte der Diskriminierung, ob ethnisch oder religiös. Im Irak etwa wurde die mehrheitlich schiitische Bevölkerung nie entsprechend an der Macht beteiligt. Was vermeintlich ein primär religiöser Konflikt ist, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein vielschichtiges Problem, für das keinesfalls die Religion alleine verantwortlich gemacht werden kann. Freilich: Religion hat, vor allem in ihren extremen Formen, zweifelsohne das Potenzial, Konflikte noch zu verschärfen und weiter anzufeuern.

Religiöse Gewaltausbrüche sind aber in den allermeisten Fällen nur Hinweise für weitaus tiefer liegende Ursachen – die weniger mit Religion an sich als mit den Lebensumständen der Menschen zu tun haben. Ergo gilt: Wer nur die Symptome bekämpft, hat die Ursachen noch lange nicht aus der Welt geschafft.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen