Politik

Drei tote Kinder pro Woche: Kinderhilfe versagt zu oft

Kevin in Bremen, Chantal in Hamburg oder Lea Sophie in Schwerin: Immer wieder werden Kinder Opfer von Gewalt und Verwahrlosung. Kinderschützer kritisieren, die Politik tue zu wenig dagegen oder noch schlimmer, sie habe sich an die toten Kinder gewöhnt.

In dem Mehrfamilienhaus in Aldingen wurde zu Pfingsten ein totes Kind entdeckt.
In dem Mehrfamilienhaus in Aldingen wurde zu Pfingsten ein totes Kind entdeckt.(Foto: dapd)

Jede Woche sterben in Deutschland im Schnitt drei Kinder durch Gewalt oder Vernachlässigung. Insgesamt seien im vergangenen Jahr auf diese Weise 146 Kinder unter 14 Jahren ums Leben gekommen, sagte der Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, in Berlin. Damit sei diese Zahl zwar im Vergleich zu 2010 um ein Fünftel gesunken. Ziercke mahnte aber: "Jedes betroffene Kind ist eines zu viel. Jeder Fall von Gewalt an Kindern ist eine Tragödie." 114 Todesopfer waren sogar jünger als sechs Jahre.

Erst am Montag war ein weiterer Fall bekanntgeworden: In Baden-Württemberg starb ein Mädchen wenige Tage vor seinem zweiten Geburtstag. Das Kind sowie ihre zwei Geschwister hatten die gesamte Nacht zum Pfingstsonntag und auch den Morgen alleine in der Wohnung verbracht. Als die Mutter nach Hause kam, war das Mädchen nach Polizeiangaben tot. Die Ursache ist noch nicht erklärt. Nach Angaben der Ermittler war das Kleinkind aber in einem verwahrlosten Zustand - die alleinerziehende Mutter sitzt in Untersuchungshaft.

Die Koblenzer Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann forderte, die Jugendämter finanziell besser auszustatten. "Das Budget richtete sich manchmal eben nicht danach, was die Kinder, die Familien vor Ort brauchen. Sondern das Budget richtet sich nach dem, was die kommunale Haushaltslage insgesamt überhaupt noch hergeben kann", kritisierte sie. Die Folge sei, dass Kinder manchmal in Strukturen blieben, die schädlich seien und sie sogar töten könnten.

Einheitliche Standards gefordert

Ehrmann hat eine ganze Liste mit Dingen, die er dringend geändert sehen möchte.
Ehrmann hat eine ganze Liste mit Dingen, die er dringend geändert sehen möchte.(Foto: dapd)

Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, kritisierte, dass die 600 Jugendämter in Deutschland unterschiedlich arbeiteten. Es gebe keine einheitlichen Standards: "Es ist vollkommen unterschiedlich geregelt in München oder in Berlin oder in Bremen, wie Jugendhilfe funktioniert. So hängt es letztendlich vom Geburtsort eines Kindes ab, ob es gute Überlebenschancen hat wie in München, die Fach- und Diagnosestandards eingeführt haben, oder ob es geringe Überlebenschancen hat wie in Hamburg oder in Berlin, wo diese Standards nicht gegeben sind." Das System müsse reformiert werden.

Der Chef der Kinderhilfe kritisierte insbesondere, dass es bundesweit keine Standards etwa für Hausbesuche gebe. Eine entsprechende Visite habe es etwa im Fall Kevin nicht gegeben. Damit hätte der  Ziehvater verurteilt womöglich verhindert werden können. Das Kleinkind war 2006 in den Akten seines amtlichen Vormundes als wohlauf geführt worden, doch zu dem Zeitpunk war der Junge bereits tot. Sein drogenabhängiger Ziehvater hatte die Leiche in einen Kühlschrank gesteckt. Die Leiche wies über 20 Knochenbrüche auf.

Auch würden die Vorgänge nur unzureichend dokumentiert, bemängelte Ehrmann weiter. Im Fall Kevin habe es lediglich eine Lose-Blatt-Sammlung gegeben. Trotz Milliardenausgabe werde zudem nicht kontrolliert, ob die eingeleiteten Maßnahmen wirksam seien. Aber auch bei den gesetzlichen Vorschriften gebe es Lücken. So sei etwa für ehrenamtliche Mitarbeiter in Sportvereinen die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses nicht vorgeschrieben. Dadurch könnten wegen einschlägiger sexueller Delikte vorbestrafte Männer in die Jugendbetreuung gelangen.

Jedes Jahr 200 tote Kinder

Wie Ziercke weiter ausführte, verzeichnet die Statistik für das vergangene Jahr 72 Kinder unter 14 Jahren, die Opfer eines versuchten Mordes oder versuchten Totschlags wurden - das sind rund ein Viertel mehr als im Jahr davor. Seit 2002 wurden insgesamt 1935 Kinder vorsätzlich oder fahrlässig getötet: "Das heißt, im Durchschnitt kamen in Deutschland jährlich knapp 200 Kinder gewaltsam ums Leben."

Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasste Zahl der körperlichen Misshandlung von Kindern ging im Jahresvergleich um sechs Prozent auf rund 4100 zurück - das waren also immer noch durchschnittlich elf Kinder pro Tag. Dagegen nahm der sexuelle Missbrauch von Kindern um knapp vier Prozent zu. "Über 14 000 Kinder wurden Opfer eines sexuellen Missbrauchs", sagte Ziercke. Zudem wurden 2011 täglich 17 Fälle im Bereich der Kinderpornografie gezählt. Die Statistik erfasst nur die Taten, die auch angezeigt werden. Das Dunkelfeld sei wesentlich größer, sagte der BKA-Chef.

Quelle: n-tv.de

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