Politik
Demonstration in Tel Aviv: "Es gibt einen anderen Weg". Doch welcher Weg ist der richtige?
Demonstration in Tel Aviv: "Es gibt einen anderen Weg". Doch welcher Weg ist der richtige?(Foto: REUTERS)

Unversöhnt und ratlos: Krieg spaltet Israel

Von Samira Lazarovic, Tel Aviv

In Israel ist die Kluft in der Gesellschaft nach dem Gaza-Krieg tief wie nie. Die Sehnsucht nach einem Wandel ist groß, doch Linke und Rechte scheint nur noch eine Frage zu einen: Wann sieht der andere ein, dass ich Recht habe?

Ob sie in diesem Sommer auch niedergeschrien worden sei? Sicher. Von Familie und Freunden. "Da habe ich beschlossen, nur noch mit Menschen über die Lage zu reden, die mich zumindest aussprechen lassen", sagt Keren Avirame. Zum Beispiel wenn die Neurowissenschaftlerin und bekennende Befürworterin der Friedensaktivisten ihre eigenen Eindrücke aus den besetzten Gebieten schildert. "Aber nur wenige wollen die Wahrheit über die Zustände dort hören."

Der mit 50 Tagen längste Waffengang in der Geschichte Israels hat Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. Dass die schleppenden Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern eine langfristige Lösung des Gaza-Konflikts bringen werden, glaubt kaum jemand. Die Tage des Osloer Friedensvertrag, dessen Unterzeichnung sich gerade zum 21. Mal jährte, sind sehr weit weg, jede Meldung wie der Tod der Mörder der israelischen Jugendlichen oder der Abschuss eines syrischen Kampfjets durch die Armee könnte einen neuen Krieg ankündigen.

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Statt jedoch nach Lösungen zu suchen, den Teufelskreis zu durchbrechen, grabe sich jeder ein, klammere sich noch fester an seine Meinung, schreibt der Schriftsteller Assaf Gavron Mitte August in einem Gastbeitrag für die "Zeit". Die israelische Gesellschaft erscheint ihm militanter, intoleranter und unnachgiebiger als je zuvor. Akademiker, Schriftsteller, Künstler, die für "linke Gedanken" stünden, würden boykottiert und verließen deshalb das Land. Auch Gavron selbst ist in diesem Sommer mit seiner Familie für ein oder zwei Jahre in die USA gezogen, eine seiner regelmäßigen Auszeiten von seiner zermürbenden Heimat.

Einfach zu gehen, zum Beispiel ins derzeit angesagte Berlin, sei keine Lösung, meint dagegen Avirame. Jeder, der auswandern wolle, könne vorher gerne zu ihr kommen und sie befragen: "Ich war gerade dreieinhalb Jahre in Berlin und das Gras ist dort nicht grüner. Da gibt es einfach andere Sorgen und Nöte. Ich gehöre hier hin." Aus Israel wegzugehen kommt auch für Sarah Perle, Projektmanagerin bei der Facebook-basierten Friedensbewegung Yala Young Leaders nicht in Frage: "Ich reise wirklich gerne durch die Welt, doch hier ist meine Heimat. Und die Zukunft meines Landes will und kann ich mitgestalten."

"Es ist wahr, dass man Friedensbotschaften, und das müssen ja noch nicht mal zwangsläufige linke Ansichten sein, nur noch schwer äußern kann", räumt Perle ein. Sie ernte besonders erstaunte Reaktionen, wenn sie erzähle, dass sie durch ihre Arbeit viele Palästinenser kennengelernt habe, die mit ihr kommunizierten. "Die meisten können sich gar nicht vorstellen, dass es in Gaza Menschen gibt, die mit ihnen reden würden. Das ändert ihren Blickwinkel."

Mehr als 440.000 Mitglieder vorwiegend aus Nordafrika und Nahost zählt ihre Organisation, die vom Peres Center for Peace des ehemaligen Staatspräsidenten Shimon Peres gegründet wurde. "Wir bieten den Menschen die Chance miteinander zu reden und sie nehmen sie gerne an, gerade während des Krieges", berichtet Perle.

"Europa und die USA verstehen nichts"

Doch nicht nur die inneren Konflikte beschäftigen die Israelis. Einer aktuellen Umfrage zufolge ist fast die Hälfte der Befragten aus allen Bevölkerungsschichten überzeugt, dass der jüngste Gaza-Krieg dem Ansehen Israels geschadet hat. Mehr als 60 Prozent der Befragten glauben, dass Fortschritte im Nahost-Friedensprozess erreicht werden müssen, um die Außenbeziehungen des Landes zu verbessern.

Am besten arrangieren sich derzeit wohl die Souvernir-Shops mit der Meinungsvielfalt.
Am besten arrangieren sich derzeit wohl die Souvernir-Shops mit der Meinungsvielfalt.(Foto: Samira Lazarovic)

Ihm sei es egal, was Europa oder die USA über die Politik des Landes denken würden, sagt Ron Holon. "Während die westlichen Politiker damit beschäftigt sind, über uns zu urteilen, kann ich hier sterben." Israel habe keine andere Wahl gehabt, als den Konflikt mit der Hamas zu gehen. "Die Bevölkerung hat schon lange darauf gewartet, dass Bibi (Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Anm. der Redaktion) handelt." Wie viele Raketen müsse ein Land tolerieren? Der Vorfall mit den Jugendlichen sei nur der Auslöser, nicht der Grund für diesen Krieg gewesen.

"Die Wahrheit ist, dass die Hamas und der Islamischer Staat, IS, ein und dasselbe sind. Das sind Terrororganisationen", meint der hochrangige Polizeioffizier. Er ist davon überzeugt, dass besonders die Europäer die Gefahr, die von Islamisten ausgehe, immer noch nicht sehen würden. Gerade Deutschland sollte Vorfälle wie den mit der selbsternannten Sharia-Polizei in Wuppertal sehr ernst nehmen. "Diese Leute spaßen nicht, das haben die öffentlichen Hinrichtungen des IS deutlich gezeigt."

Nach Meinung altgedienter Militärs hat Netanjahu sogar noch zu lasch auf die Bedrohung durch die Hamas regiert: "Wenn unsere Regierung die Armee aus Angst vor der Reaktion des Westens nicht zurückhalten würde, dann hätten wir jetzt in Gaza in Ruhe unsere Arbeit verrichten können. Allerdings wären die Opferzahlen dann weitaus höher gewesen", meint Itzhak Meshi, Offizier a.D. aus Netanya.

"Hör zu!"

"Das ist eine weit verbreitete Meinung in Israel", sagt Keren Avirame müde. "Die schwache Regierung fesselt der Armee die Hände. Wenn wir sie nur losbinden würden, würde eine militärische Lösung den Frieden bringen." Dass aber selbst alte Militär-Haudegen ihre Ansichten noch ändern können, hat die 37-Jährige erst kürzlich erlebt.

Ihr Vater, ein General der Panzereinheiten a.D. sei in ihrem Beisein von einem seiner Freunde, ebenfalls General und zudem als Militärstratege gerne gesehener Talkshow-Gast, auf die eigenwilligen Ansichten seiner Tochter angesprochen worden, erzählt Avirame. Sie ist immer noch verblüfft darüber, was ihr da widerfahren ist. "Ja, meine Tochter hat eine ganz eigene Sicht der Dinge", habe der Vater gesagt. "Und Du solltest ihr zuhören. Es wird Deine Sicht der Dinge ändern."

Quelle: n-tv.de

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