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Bei den Demonstrationen gegen die russische Besetzung der Krim verglichen Demonstranten in Berlin Putin und Stalin.
Bei den Demonstrationen gegen die russische Besetzung der Krim verglichen Demonstranten in Berlin Putin und Stalin.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Milizen auf den Straßen: Krimtataren zittern vor der Stunde Null

Von Christian Rothenberg

Die Angst geht um bei den Krimtataren. 70 Jahre nach der Deportation durch Stalin fürchten sie erneut aus ihrer Heimat vertrieben zu werden. Die prekäre Lage der muslimischen Minderheit bringt auch einen bisher Unbeteiligten ins Spiel.

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Es sind kleine Appetithäppchen, die Moskau ihnen hinwirft. Gleiche Löhne, Renten und Sozialleistungen: Die Krim-Bewohner sollen rechtlich mit den Russen gleichgesetzt werden und mehr Rechte haben als bisher in der Ukraine, verspricht Valentina Matwijenko, die Chefin des russischen Förderationsrates. Mit seinen Versprechen will der Kreml die Menschen auf der Krim überzeugen, die noch skeptisch sind. Sie sollen sehen: Der Anschluss an Russland lohnt sich.

Knapp 300.000 Menschen auf der Halbinsel im Schwarzen Meer werden sich von den Zusagen kaum erwärmen lassen. Die Krimtataren sympathisieren im Gegensatz zu den meisten der rund 1,5 Millionen ethnischen Russen mit der neuen prowestlichen Führung in Kiew. Die muslimisch geprägten Ureinwohner, die die Krim seit dem 15. Jahrhundert besiedeln, wollen Teil der Ukraine bleiben. Es gibt zurzeit kaum etwas, dass sie so sehr fürchten wie ein russisches Protektorat. "Wenn Russland die Krim annektiert, wird die tatarische Bevölkerung in Panik geraten. Als Minderheit droht uns dann die physische Vernichtung", sagt der krimtatarische Aktivist Eskender Bariiev.

Als Stalin die "Vaterlandsverräter" holte

Öffentlich betonen die neuen prorussischen Machthaber in der Hauptstadt Simferopol zwar, die Tataren politisch einbinden zu wollen. Aber ob ihnen das wirklich ernst ist, bezweifeln viele. Seit die Krise vor gut zwei Wochen die Krim erreichte, bedroht sie das Zusammenleben der Menschen dort existenziell. Bei Protesten in Simferopol kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen prorussischen und proukrainischen Demonstranten.

Eine Gruppe von Krimtataren im Oktober 1990 nach ihrer Rückkehr auf die Krim. Auf dem Plakat steht "Vaterland oder Tod".
Eine Gruppe von Krimtataren im Oktober 1990 nach ihrer Rückkehr auf die Krim. Auf dem Plakat steht "Vaterland oder Tod".(Foto: AP)

Seitdem spitzt sich die Lage zu. Die Tataren, die etwa zwölf Prozent der Bevölkerung stellen, lehnen das Referendum über einen Anschluss an Russland ab. Sie fürchten Übergriffe durch prorussische Milizen. In einigen Städten liefen bereits Männer mit Baseballschlägern die Straßen ab, die Listen bei sich führten. In Bachtschyssaraj, wo 70 Prozent Tataren leben, entdeckten Bewohner eingeritzte Kreuze an ihren Türen. Das weckt grausame Erinnerungen. Nach dem Ende der deutschen Besetzung auf der Krim hatte Josef Stalin auch im Mai 1944 die Häuser markieren lassen.

Der sowjetische Diktator verdächtigte die Krimtataren neben vielen anderen Sowjetvölkern, während des Zweiten Weltkriegs mit der Wehrmacht kollaboriert zu haben. Deshalb ordnete er an, die mehr als 200.000 "Vaterlandsverräter" von der Krim nach Mittelasien zu deportieren. Viele starben in den folgenden Wochen an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung. Erst nach der Auflösung der Sowjetunion durften die Tataren zurück auf die Krim. Doch die Heimat hatte sich verändert. In ihren alten Häusern wohnten inzwischen Russen und Ukrainer. Eine Entschädigung erhielten die Krimtataren nicht. Seitdem leben sie meist verarmt in einfachen Siedlungen ohne Strom, befestigte Straßen und fließendes Wasser.

"Eine gehörige Portion Zynismus"

Nun fürchten die Tataren, dass sie erneut weichen müssen, nur weil sie aus der Sicht von Moskau die Falschen unterstützen. "Man kann sich vorstellen, was die Kreuze auslösen. Hier werden Kriegserfahrungen aktualisiert, die bei vielen noch ganz tief drin sitzen", sagt Wilfried Jilge. Der Ukraine-Experte warnt jedoch vor Analogien zwischen 1944 und heute. Die Situationen seien fundamental verschieden, die Akteure andere. "Aber der psychologische Aspekt ist nicht zu unterschätzen. In einer Situation, in der die Atmosphäre so angespannt ist, kann jeder Funke ein Feuer auslösen. Es gehört schon eine gehörige Portion Zynismus dazu, dass die neue Krim-Regierung so etwas nicht rigoros unterbindet." Auch im Ausland wächst die Sorge um die Tataren. OSZE-Kommissarin Astrid Thors sieht ein zunehmendes Klima der Angst im Verhältnis zwischen den ethnischen Gruppen. Dass die Tataren in der aktuellen Krise eine andere Einstellung hätten als die Mehrheit der Krim-Bevölkerung, erhöhe ihre Verwundbarkeit.

Die prekäre Situation der Krimtataren zieht auch ein bisher weithin unbeteiligtes Land hinein in den Konflikt. Bis zum 18. Jahrhundert war die Krim Teil des osmanischen Reichs, des Vorläufers der Türkei. Noch heute gibt es kulturell viele Gemeinsamkeiten, zum Beispiel in der Sprache. "Die Krimtataren sind unsere Brüder", sagt Ahmet Davutoglu, Außenminister aus Ankara. In den vergangenen Tagen demonstrierten Tataren auch in türkischen Großstädten unter dem Motto: "Nein zu Russland - die Krim muss ukrainisch bleiben." Sie fordern auch ein Eingreifen Recep Erdogans. Dem Ministerpräsidenten wird ein besonders gutes Verhältnis zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt. Aber ob Erdogan das gute Verhältnis aufs Spiel setzt, scheint kaum wahrscheinlich. Beide Länder verbinden enge wirtschaftliche Beziehungen. Die Türkei deckt 55 Prozent seines Erdgasbedarfs mit Importen aus Russland.

Große Hoffnungen auf Unterstützung von außen können sich die Tataren also nicht machen. Immer mehr von ihnen verlassen daher die Krim. Diejenigen, die zurückbleiben, organisieren eigene Bürgerwehren und patrouillieren in ihren Siedlungen. Sie wollen ihre Heimat nicht ein zweites Mal verlassen. Refat Tschubarow, der Chef der Krimtataren, hat zu einem Boykott des Referendums aufgerufen. Für viele steht der Ausgang schon fest. Die Abstimmung am kommenden Sonntag könnte die Stunde Null markieren.

Halbinsel Krim
Halbinsel Krim(Foto: stepmap.de)

Quelle: n-tv.de

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