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Für untere Einkommensgruppen können Mehrarbeit und Lohnzuwächse dazu führen, dass teilweise am Monatsende weniger Geld im Portemonnaie übrigbleibt.
Für untere Einkommensgruppen können Mehrarbeit und Lohnzuwächse dazu führen, dass teilweise am Monatsende weniger Geld im Portemonnaie übrigbleibt.(Foto: picture alliance / Uwe Anspach/d)
Donnerstag, 17. August 2017

Benachteiligte Geringverdiener: Leistung lohnt sich nicht immer

Weniger Netto vom Brutto - laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist dies das Schicksal vieler Geringverdiener. Damit sich Leistung wieder lohnt, drängen die Autoren auf Reformen des Steuer- und Sozialsystems.

Wer viel arbeitet, hat am Ende des Monats nicht zwangsläufig mehr Geld in der Tasche. Das geht aus einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervor. Demnach können Mehrarbeit und Einkommenszuwächse bei unteren Einkommensgruppen steuerlich deutlich stärker belastet werden als bei Spitzenverdienern. Als Grund nennen die Autoren das Zusammenwirken des deutschen Steuer-, Abgaben- und Transfersystems.

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Für die Studie haben die Wissenschaftler für insgesamt sechs Musterhaushalte die Höhe der sogenannten effektiven Grenzbelastung untersucht. Dieser Wert gibt an, welcher Anteil eines zusätzlich verdienten Euros aufgrund von Beiträgen zur Sozialversicherung, Einkommenssteuer oder durch den Entzug von Sozialleistungen, wie Wohngeld oder Kinderzuschlag, wieder abgegeben werden müsste. Bei einer effektiven Grenzbelastung von 60 Prozent würden von einem zusätzlich verdienten Euro nur 40 Cent netto übrig bleiben.

Geringverdiener am stärksten belastet

Die Untersuchung ergab, dass von einem hinzuverdienten Euro einem Singlehaushalt mit einem jährlichen Haushaltsbruttoeinkommen von 17.000 Euro nichts übrig bleibe. Die Grenzbelastung liege bei 100 Prozent. Bei einem Bruttoeinkommen von 75.000 Euro verbleiben dagegen 56 Cent in der Haushaltskasse. "In einigen Fällen finden wir Grenzbelastungen von über 120 Prozent, der hinzuverdiente Euro sorgt damit für 20 Cent netto weniger in der Haushaltskasse", erklärt Manuela Barisic von der Bertelsmann-Stiftung.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Ehepaaren mit zwei Kindern und einem Alleinverdiener: Bei einem jährlichen Bruttoverdienst von 40.000 Euro blieben von einem zusätzlich verdienten Euro nur 56 Cent übrig. Ein vergleichbarer Haushaltstyp könne hingegen mit einem mehr als doppelt so hohen Einkommen von 90.000 Euro insgesamt 66 Cent behalten.

Ruf nach Reformen

Die Autoren der Studie mahnen deshalb Reformen des Sozialsystems an. Sie fordern, das Gesamtsystem aus Einkommensteuer, Sozialabgaben und Transferleistungen besser aufeinander abzustimmen, um Anreize für mehr Erwerbsarbeit zu schaffen. "Mehr Arbeit und Lohn müssen sich für die Krankenschwester genauso auszahlen wie für den Unternehmensberater. Dass sich mehr Erwerbsarbeit lohnt, ist eines der zentralen Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft", sagt Aart De Geus, Vorsitzender der Bertelsmann Stiftung.

Auf Grundlage der Ergebnisse von Reformszenarien empfehlen die Wissenschaftler des ZEW, die unterschiedlichen Transferleistungen wie Kinderzuschlag, Wohngeld und Arbeitslosgengeld II besser aufeinander abzustimmen. Kombiniert mit einer konstanten Transferentzugsrate von 60 Prozent könne dies den Experten zufolge zu positiven Beschäftigungseffekten und weniger Einkommensungleichheit führen.

Quelle: n-tv.de

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