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Das Leben für syrische Flüchtlinge im Libanon ist hart - doch sie sind froh, dass sie immerhin in Sicherheit sind.
Das Leben für syrische Flüchtlinge im Libanon ist hart - doch sie sind froh, dass sie immerhin in Sicherheit sind.(Foto: Nora Schareika)

Syrer brauchen erstmals Visa: Libanon schafft die Flüchtlinge ab

Von Nora Schareika

Der überlastete Libanon zieht die Notbremse: Flüchtlinge aus Syrien müssen ein Visum beantragen, die Regeln sind hart. Für die Syrer, die schon da sind, bedeutet die faktische Grenzschließung: Am besten bleiben, wo man ist.

Heute würde Amal Khorsan ihre Worte von Mitte Dezember wohl noch einmal überdenken. "Wenn wir kein Geld für Essen mehr bekommen, dann gehen wir zurück nach Syrien", sagte die resolute Mutter von drei kleinen Mädchen da. Der Schreck durch die beinahe zusammengebrochene Lebensmittelhilfe des Welternährungsprogramms der UN saß tief. "Es ist eine Frage der Würde. Wenn wir hier verhungern, können wir auch in Syrien sterben", sagte die 26-Jährige aus Daraa im Süden Syriens.

Mit dem heutigen Montag dürfte jeder einzelne syrische Flüchtling im Libanon froh sein, vorher gekommen zu sein. Denn so hart das Dasein der geschätzt 1,5 Millionen syrischen Flüchtlinge (davon sind gut zwei Drittel beim UN-Flüchtlingshilfswerk registriert) im Libanon auch ist: Es ist ein geschützter Status, der jetzt zum Auslaufmodell wird. Zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Staaten müssen Syrer nun ein Visum vorweisen, wenn sie in den Libanon einreisen wollen. Einfach so als Flüchtling können sie damit nicht mehr kommen. Schon seit Oktober durften Syrer nur noch in Ausnahmefällen "aus humanitären Gründen" ins Land - allerdings findet sich nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR keine entsprechende ausdrückliche Formulierung mehr in den neuen Einreisebestimmungen.

Amal Khorsan im Flüchtlingslager Bar Elias erzählt vom Grauen des Krieges in Syrien. Die Grenze in den sicheren Libanon ist mit der neuen Visapflicht für die meisten faktisch geschlossen.
Amal Khorsan im Flüchtlingslager Bar Elias erzählt vom Grauen des Krieges in Syrien. Die Grenze in den sicheren Libanon ist mit der neuen Visapflicht für die meisten faktisch geschlossen.(Foto: Nora Schareika)

Seit der Unabhängigkeit des Libanons und Syriens in den 1940er Jahren hatte ein Ausweis ausgereicht, um von einem Land ins andere zu reisen. Es sei "das erste Mal in der Geschichte der beiden Länder, dass der Libanon von den Syrern verlangt, ihre Einreisegründe zu präzisieren", sagte der libanesische Sozialminister Rachid Derbas am Samstag. Damit sollten syrische Flüchtlinge an der Einreise gehindert werden. Die neuen Visa gibt es für diverse Aufenthaltsgründe wie Arbeit, Studium oder ärztliche Behandlung. Zudem muss der Antragsteller eine Hotelreservierung, den Besitz von mindestens 1000 US-Dollar oder Wohneigentum im Libanon sowie Reisepass und Personalausweis vorweisen. Schon an letzterem dürfte es bei vielen Flüchtlingen scheitern.

Der libanesische Innenminister Nouhad Machnouk verteidigte die Maßnahme auf einer Pressekonferenz in Beirut: "Der Libanon kann einfach nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen." Ungefähr jeder dritte bis jeder vierte Mensch im Libanon ist bereits ein syrischer Flüchtling. Hilfsorganisationen kritisieren die neuen Regeln. Ein Sprecher des UNHCR im Libanon, Ron Redmond, sagte vor Medienvertretern in Beirut, er verstehe zwar die Gründe für die neue Visapflicht. Doch aus humanitärer Sicht sei es untragbar, Menschen in lebensgefährliche Situationen zurückzuschicken.

Wie lebensgefährlich die Lage drüben ist, davon können die Syrer im Libanon Geschichten ohne Ende erzählen. Amal Khorsan etwa ist vor wenigen Monaten erst in die Hochebene Bekaa im Libanon geflohen – zusammen mit ihrem Mann, einem Lkw-Fahrer, und ihren drei Töchtern im Alter von fünf, vier und zwei Jahren. Die Bombardements des Regimes, so erzählen sie, seien immer näher an ihr Haus herangekommen. Auch die Kämpfe zwischen der Armee und Rebellengruppen – die sie nicht näher benennen – bedrohten die junge Familie. Amal Khorsan zeigt Fotos von ihrem Haus, wie es einmal aussah. Ein kleines weißes Gebäude mit Rosen über der Eingangstür und einem kleinen Rasen davor. Auf den Fotos sind schon die ersten Einschusslöcher zu sehen. "Wir haben viele Verwandte und Freunde verloren. Meine Cousine ist vor zwei Jahren verschwunden. Sie hatte fünf Kinder. Nach einem Jahr haben wir sie gefunden. Ihre Leichen lagen in einem zerbombten Haus herum, wir haben meine Cousine an ihren Schuhen erkannt. Das kleinste Kind war gerade ein Jahr alt gewesen", erzählt die Syrerin erregt.

Die Familie hatte in mehrfacher Hinsicht Glück: Sie sind wie mehr als eine Million Syrer vor ihnen noch als Flüchtlinge eingereist und wurden als solche auch beim UNHCR registriert, was ihnen Zugang zum Hilfssystem ermöglicht. Dazu haben sie einen Wellblechcontainer in Bar Elias, einem der neuesten und vergleichsweise schönen Lager des Libanon ergattert. Es sind diese Geschichten, die sich die Flüchtlinge, die mehr Glück hatten, beim Tee erzählen. Immer und immer wieder.

Quelle: n-tv.de

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