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Ein ukrainischer Soldat sichert einen Checkpoint nahe Mariupol.
Ein ukrainischer Soldat sichert einen Checkpoint nahe Mariupol.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Machen die Separatisten Ernst?: Mariupol entscheidet

Von Christian Rothenberg

Die Separatisten kokettieren mit der Eroberung Mariupols. Sollten sie die ukrainische Hafenstadt einnehmen, ist die Diplomatie der Kanzlerin gescheitert. US-Waffenlieferungen lassen sich dann womöglich nicht mehr verhindern.

Gute Nachrichten aus der Ukraine sind selten. Am Wochenende gab es sie: Separatisten und Regierungstruppen tauschten Gefangene aus und einigten sich auf den Abzug schwerer Truppen. Doch was vielversprechend klang, zerschlug sich schnell. Die ukrainische Armee blies den Waffenabzug ab. Die Ursache: Über Nacht sollen Separatisten versucht haben, ein Dorf kurz vor Mariupol zu stürmen.

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Laut einem ukrainischen Armeesprecher wurden in den vergangenen Tagen Panzer, Raketensysteme, Lkw und Busse mit Kämpfern über die ukrainisch-russische Grenze in die Region Mariupol gebracht. Separatistensprecher Dennis Puschilin twitterte: "Die Vereinigten Streitkräfte Neurusslands kommen Mariupol immer näher. Mariupol gehört zu Neurussland."

Die Regierung in Kiew fürchtet, dass die Separatisten ihre Expansion nach der Eroberung von Debalzewe weiter vorantreiben. Tatsächlich deutet viel daraufhin, dass Mariupol das nächste Ziel ist. Dabei wären die Folgen einer Invasion fatal: Aus dem regionalen Konflikt könnte ein Krieg werden, in dem der Westen plötzlich direkt beteiligt wäre.

Bereits im August hatten sich die Separatisten Mariupol genähert. Im Januar nahmen die Separatisten die Stadt jedoch erneut ins Visier. Bei einem Raketenangriff starben mehr als 30 Menschen, mehr als 100 wurden verletzt. In den vergangenen Tagen näherten sich die Separatisten der Stadt wieder. Den Ort Nowoasowsk halten sie bereits besetzt, am Wochenende griffen sie Shyrokyne an, von dort sind es nur etwa zehn Kilometer bis Mariupol.

Straßensperren und Kontrollpunkte

Warum Mariupol? Die Hafenstadt hat fast 500.000 Einwohner und ist damit die größte Stadt in den Separatistengebieten, die sich noch unter der Kontrolle der Regierungstruppen befindet. Mariupol ist das Metallurgiezentrum der Ukraine, mehrere Stahlwerke des Oligarchen Rinat Achmetow befinden sich in der Stadt. Diese hat nicht nur eine große wirtschaftliche Bedeutung. Der Hafen liegt strategisch günstig am Asowschen Meer, die Stadt genau zwischen der ukrainisch-russischen Grenze und der Halbinsel Krim. Bei der Frage nach dem Zweck einer Eroberung der Stadt waren sich viele westliche Beobachter einig. Die Separatisten versuchten demnach, eine Landverbindung zur isolierten Halbinsel Krim zu schaffen.

Mariupol bereitet sich seit Wochen auf eine Invasion vor. Die "Washington Post" berichtet von Straßensperren und Kontrollpunkten in fast jeder Straße. Die Brücken am östlichen Rand der Stadt sind für den Fall eines Angriffs mit Sprengstoff verdrahtet. Außerdem testete man bereits Alarmsirenen, um die Bevölkerung im Notfall zu warnen. Nur: Die ukrainischen Truppen befinden sich in einem desolaten Zustand. Sie kämpfen mit völlig veralteten Waffen und Fahrzeugen. Aus der Sicht von Sicherheitsexperten hätte Kiew einem Angriff auf Mariupol wenig entgegenzusetzen. Dazu kommt, dass die Einwohner der Stadt der proeuropäischen Regierung in Kiew ohnehin eher skeptisch gegenüberstehen. So zogen bei der Parlamentswahl im Oktober zwei Politiker, die der Nachfolgepartei von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch angehören, in die Rada ein.

Druck auf Obama

Ukraine-Experte Christian Wipperfürth hält es jedoch nicht für ausgemacht, dass die Separatisten Mariupol auch erobern werden. "Dafür stecken zu große Chancen in Minsk II. Auch für die Rebellen sind die Vereinbarungen attraktiv. In dem Abkommen steht immerhin, dass Kiew bald wieder die Sozialleistungen für die Separatistengebiete übernimmt", sagte er n-tv.de. Ob das als Nichtangriffs-Garantie genügt? Womöglich nicht.

Die Separatisten sind angesichts der jüngsten Erfolge und des regelmäßigen Nachschubs aus Russland selbstbewusst. Zwar gaben sie in den vergangenen Tagen immer wieder vor, sich an den Waffenstillstand halten zu wollen, dennoch nutzen sie eine mögliche Invasion in Mariupol gezielt als Druckmittel. Sollte sich Kiew nicht an die Minsker Vereinbarungen halten, dann wären Mariupol und Charkiw die nächsten Ziele, erklärte Separatistenchef Alexander Sachartschenko auf der Webseite "New Russia".

Machen die Separatisten Ernst, dürfte das Scheitern des Minsker Friedensabkommens besiegelt sein. Und dann? Dem Westen bliebe wohl erneut keine andere Wahl, als nur zu reagieren, wenn es schon zu spät ist.

Der CDU-Außenexperte Karl-Georg Wellmann kündigt im Falle eines Angriffs auf Mariupol nicht nur neue Sanktionen an. "Wenn die Russen weiter marschieren, ist die Diplomatie von Merkel und Hollande gescheitert", sagte Wellmann n-tv.de. "Wenn Putin sich nicht um die Vereinbarungen schert, werden wir unsere Position nicht länger durchsetzen können, dass Waffenlieferungen nicht sinnvoll sind." Der Druck der Republikaner auf Präsident Barack Obama werde dann so groß sein, dass die USA der Ukraine Waffen liefern werden.

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Quelle: n-tv.de

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