Politik
Der Vatikan hält seine Türen lieber verschlossen.
Der Vatikan hält seine Türen lieber verschlossen.(Foto: AP)
Dienstag, 29. Mai 2012

"Vatileaks"-Affäre dauert an: Maulwürfe in der Kurie

von Isabelle Daniel

Die Hoffnung des Vatikans auf ein schnelles Ende der "Vatileaks"-Affäre scheint sich zu verflüchtigen. Die italienischen Medien bezeichnen den Enthüllungsskandal mittlerweile als "Babel-ähnliche Verwirrung". In Rom kursieren Gerüchte, nach denen der festgenommene Kammerdiener des Papstes nur ein "nützlicher Sündenbock" ist.

Bis vor kurzem treuer Begleiter des Papstes: der verhaftete Butler Paolo Gabriele.
Bis vor kurzem treuer Begleiter des Papstes: der verhaftete Butler Paolo Gabriele.(Foto: AP)

Es schien das letzte Glied in einer Kette von Beweisen zu sein: Als Agenten der vatikanischen Gendarmerie in der vergangenen Woche das Haus von Paolo Gabriele durchsuchten, fanden sie dort genau das vor, was sie erwartet hatten: brisante Unterlagen, private Briefe, persönliche Notizen - nie dazu gedacht, die heiligen Räume zu verlassen.

Namen der Empfänger

Der Beweis, dass der 46-jährige Vertraute von Papst Benedikt XVI. Papiere aus den päpstlichen Büros geschmuggelt und in seiner Wohnung versteckt hatte, könnte damit als erbracht gelten - zumal Gabriele die Unterlagen zum Teil sogar mit den Namen der Empfänger versehen haben soll, an denen sich die Affäre entzündet hatte. Allen voran war dies der Journalist Gianluigi Nuzzi, dessen kürzlich veröffentlichtes Enthüllungsbuch "Sua Sanità" (Seine Heiligkeit) im Kirchenstaat helle Empörung hervorgerufen hatte.

Zweifel an der offiziellen Version des Vatikans werden dennoch immer lauter. Befeuert von den italienischen Tageszeitungen machen Verschwörungstheorien die Runde, die von der Verwicklung eines italienischen Kardinals in den Fall bis zu einem angeblich von mehreren Kurienmitgliedern geplanten Sturz des Papstes reichen.

Auftrag von oben?

Es stehe fest, schreibt etwa die eigentlich als konservativ geltende Tageszeitung "Corriere della Sera", dass Gabriele lediglich ein "Auftragnehmer" gewesen sei, der Anordnungen von höherer Stelle entgegengenommen habe. Suggeriert wird damit, was andere Medien deutlicher aussprechen: "Jemand Wichtiges" habe den päpstlichen Butler angestiftet, die geheimen Dokumente bei sich aufzubewahren, zitiert "La Stampa" einen Freund des Verhafteten. Andere Zeitungen berichten von vier bis fünf Mitgliedern der Kurie, die unter Beobachtung der vatikanischen Justiz stünden.

Gar von 20 Beteiligten spricht eine weitere anonyme Quelle von "La Stampa", die sich als "Mittäter" offenbart und in der Verhaftung Gabrieles ein großes Missverständis sieht. So habe sich innerhalb der Kurie ein Netzwerk aus dem Papst nahestehenden Personen gebildet, das die gesamte vatikaninterne Hierarchie abdecke und dem Papst mit der Enthüllungsaktion "letztlich helfen" wollte. Gabriele sei in der Angelegenheit ein im Grunde unbedeutender Mittelsmann: "Er hat die Dokumente nicht entwendet. Er wurde nur eingeschaltet, um sie dem Papst zurückzugeben", behauptet der Interviewpartner der "Stampa".

Unklares Motiv

Was die Beobachter des Skandals bei Gabriele vermissen, ist das Motiv: Seit 2006 diente der dreifache Vater dem Papst; Kollegen betonen auch noch nach seiner Festnahme seine besondere Ergebenheit für den Pontifex. Sein Unbehagen gegenüber der Überführung Gabrieles konnte selbst der Pressesprecher des Papstes nicht verbergen. "Betrübt und schockiert" sei der Heilige Vater angesichts der Entwicklung, sagte Lombardi über Gabrieles angeblichen Vertrauensmissbrauch. "Im Vatikan kannten ihn alle, natürlich gibt es Erstaunen und Schmerz und großes Mitgefühl mit seiner Familie, die sehr beliebt ist."

Auch im Papamobil dabei: Gabriele (vorne links) unterwegs mit dem Papst.
Auch im Papamobil dabei: Gabriele (vorne links) unterwegs mit dem Papst.(Foto: REUTERS)

Die Frage ist: Welchen Grund soll Gabriele gehabt haben, die Privatsphäre des Papstes und das Staatsrecht des Vatikans zu verletzen?

Viele italienische Journalisten glauben eher an einen Zusammenhang zwischen den in den vergangenen Wochen und Monaten enthüllten Machtkämpfen im Vatikan und der Zuspielung brisanten Materials dazu an die Öffentlichkeit.

"Suche nach Komplizen"

Giacomo Galeazzi, der den Blog "Vatican Insider" betreibt, sieht bereits in der Kooperationsbereitschaft des von zwei Anwälten vertretenen Gabriele den Beweis dafür, dass sich die vatikanische Justiz, wie "La Stampa" in dieser Woche titelte, "auf der Suche nach Komplizen" befindet.

"Der Butler des Papstes könnte bald Gesellschaft von anderen illoyalen Dienern des Heiligen Stuhls bekommen", schreibt Galeazzi. "Die Investigatoren verfügen über eine Liste potentieller Maulwürfe, die sie beobachten." 15 an der Zahl sollen es Galeazzi zufolge sein, die mit dem Top-Secret-Material in Berührung waren.

"Erst der Anfang"

Das wäre eine erstaunliche Größenordnung, wenn man besonders jenes Papier bedenkt, dessen Veröffentlichung im Vatikan für die größte Erschütterung gesorgt hat: ein Dokument der Joseph-Ratzinger-Stiftung, das weder zur Vervielfältigung noch zur Archivierung gedacht war. Nur jemand mit Zugang zum Schreibtisch des Papstes hätte die Gelegenheit zum Diebstahl haben können.

Paolo Gabriele hatte diesen Zugang. Die ersten Tage der Inquisition vermitteln jedoch nicht den Eindruck, als habe er in Eigeninitiative gehandelt. "Paolettos Verhaftung war nicht das Ende, sondern erst der Anfang", zitiert Galeazzi Mitglieder der Kurie.

Wohin die restlichen Glieder der Beweiskette die Beamten des Vatikans führen, hängt dennoch am meisten von Gabriele ab. Dieser gibt derzeit seine Aussagen zu Protokoll. Von diesen wird auch abhängen, in welcher Höhe sich seine Strafe bewegen wird. Auf der Verletzung des Postgeheimnisses des Staatsoberhauptes stehen im Vatikan 30 Jahre Haft. Noch ist Gabriele dieses Vergehens aber nicht angeklagt - entgegen zahlreicher italienischer Medienberichte.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen