Politik
Merkel in der "Wahlarena".
Merkel in der "Wahlarena".(Foto: imago stock&people)

Glanzloser Auftritt in der "Wahlarena": Merkel will sich kümmern

Von Volker Petersen

Ungefiltert können Zuschauer der Bundeskanzlerin in der "Wahlarena" ihre Fragen stellen. Manche nehmen Merkel mit knallharten Fragen in die Zange, andere packen die Kanzlerin mit wachsweichen Fragen in Watte. Merkel hat vor allem eine Antwort: "Ich kümmere mich darum." Ein Leiharbeiter und ein Student fühlen ihr besonders auf den Zahn.

Als die 44-jährige Sozialpädagogin und ehemalige Krankenschwester aus dem Rheinland in das Mikrofon spricht, droht der Kanzlerin eine unbequeme Frage. Hartz IV, unterfinanzierte Schulen, Personalmangel an Krankenhäusern und in Pflegeeinrichtungen - die Angriffsfläche für Kritik wäre groß. Doch dann sagt die Frau aus dem Publikum der ARD-"Wahlarena", dass sie das jetzt einmal beiseitelassen will. "Ich möchte von ihnen vielmehr Worte der Anerkennung und der Wertschätzung hören", sagt sie. Damit diejenigen, die im sozialen Bereich arbeiten, morgen mit stolz geschwellter Brust aufstehen können. "Dankeschön", sagt Merkel daraufhin - allerdings bedankt sie sich nicht dafür, dass die Zuschauerin die Kritik beiseitegelassen hat, sondern dafür, dass sie das "wichtige Thema" angesprochen hat.

Es ist nicht die einzige Frage dieser Art, die Bundeskanzlerin Angela Merkel am Abend in der "Wahlarena" zu hören bekommt. Der Titel der Sendung legt eigentlich nahe, dass es zur Sache gehen soll, dass es eine Auseinandersetzung gibt. Die Kanzlerin steigt in die Arena des Fernsehstudios und stellt sich direkt den Fragen der Zuschauer - nahezu ungefiltert durch die Journalisten, von denen viele doch immer die gleichen Fragen stellen. 75 Minuten dauert die Live-Sendung aus Mönchengladbach, am Mittwoch wagt sich auch der Herausforderer Peer Steinbrück ins Studio.

Für Merkel ist die Bitte der Sozialpädagogin um ein Lob nicht der einzige wachsweiche Zuschauerbeitrag. "Wann sind Sie eigentlich das letzte Mal Auto gefahren?", möchte ein angehender Lehrer aus Hessen wissen. Eine Frau mit randloser Brille und schwarzem Hosenanzug fragt, wie sie als Mensch damit umgehe, dass sie in Südeuropa in Karikaturen immer wieder in Nazi-Uniform gezeigt werde. Merkel gibt sich großzügig, man müsse ein weites Herz haben, sagt sie. Im Grunde ihres Herzens wüssten die Menschen in "diesen Ländern" ja auch, dass nicht sie für ihre Probleme verantwortlich sei.

Wahlkampf kann so einfach sein

Sie ginge ja immer zum Fußball, wenn die Nationalmannschaft spielt, leitet eine Frau die erste Zuschauerfrage ein. Warum sie denn nicht auch mal zum Frauenfußball ginge, die seien doch viel erfolgreicher. Ein netter Einstieg für die Kanzlerin. Ja, das stimme natürlich, die Frauen hätten eine tolle Mannschaft und sie wolle dort künftig auch einmal vorbeischauen. Wahlkampf kann auch ganz einfach sein.

Doch es kommen auch die harten Themen zur Sprache. Ein sächsischer Leiharbeiter erzählt von seinem Job bei Thyssen-Krupp. "Ich habe nichts gegen Leiharbeit in Produktionsspitzen", sagt er, "aber bei mir dauert die Produktionsspitze jetzt schon zehn Jahre". Was Merkel gegen den Missbrauch der Leiharbeit tue, will er wissen und erntet dafür spontanen Applaus. Nun ist die Kanzlerin gefragt: "Ich halte das für einen sehr krassen Fall", erklärt sie. Sie führt Maßnahmen gegen den Drehtür-Effekt an, also wenn Mitarbeiter aus der Stammbelegschaft entlassen und als Leiharbeiter wieder eingestellt werden. "Von so krassen Fällen habe ich noch nicht so oft gehört", fügt sie hinzu. Sie wolle sich das noch einmal genauer anschauen, verspricht sie.

Doch auch wenn Merkel über die Auswüchse der Leiharbeit noch nichts gehört haben mag - auf dieses Thema hat sie sich vorbereitet. Sie erwähnt immer wieder die Groß-Schlachthöfe, in denen Arbeiter aus Bulgarien oder Rumänien unter prekärsten Bedingungen schuften müssen. Die werden über Subunternehmer mit Werkverträgen eingestellt - auch dort dürfe es kein Lohndumping geben. 

Harte Fragen zu Werkverträgen

Ein junger Student hakt mit seiner Frage nach: "Was wollen sie gegen die Scheinwerkverträge unternehmen?", fragt er mit entschlossenem Blick. Man müsse für menschenwürdige Unterkünfte sorgen und einen Mindestlohn für die Branche verhandeln, entgegnet die Kanzlerin. Arbeiter sollen mit den Arbeitgebern einen Tarifvertrag aushandeln. "Das können sie nicht!", ruft der Student. Die Arbeiter hätten gar nicht den gewerkschaftlichen Organisationsgrad, um den Unternehmen auf Augenhöhe zu begegnen. Das habe er gerade in einem Projekt für den DGB recherchiert, erzählt er. Merkel sagt nur: "Da wo ich das kenne, da geht das." Es sind starke Minuten in der Sendung. Mündige, informierte Bürger stellen die Kanzlerin auf Augenhöhe vor Millionen Fernsehzuschauern zur Rede - so soll es sein. Die Recherche des eifrigen Studenten will sie sich zuschicken lassen.

Viele Themen kommen zur Sprache, Merkels Antworten bergen keine großen Überraschungen. Große Fettnäpfchen vermeidet sie. Einer forschen Schülerin erklärt sie Punkt für Punkt, was ihre Regierung für den Datenschutz im Internet tun will. Das Ohnmachtsgefühl gegenüber den Spähaktivitäten der US-Geheimdienste macht sie damit fast vergessen; ohne jedoch überzeugend zu erklären, wie sie diese Form der Spionage unterbinden möchte. Kleinlaut wird die Kanzlerin, als sie einem schwulen Mann erklären soll, warum sie gegen das volle Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ist.

Insgesamt liefert die Kanzlerin eine solide Vorstellung in der Arena ab. Immer wenn es kritisch wird, will sie sich noch einmal persönlich darum kümmern, sie ist bemüht, auf alle Fragen einzugehen. Doch ihre Antworten unterscheiden sich nicht besonders von dem, was man sonst von ihr hört. Sie bemüht sich um ein bisschen Lockerheit, doch das Menscheln liegt ihr nicht besonders. Sie vermeidet die klare Kante, sie will auf keinen Fall anecken. Ihre Botschaft ist schlicht: Ich kümmere mich darum. 

Quelle: n-tv.de

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