Politik
Flüchtlinge am Berliner Flughafen Schönefeld im Oktober 2015
Flüchtlinge am Berliner Flughafen Schönefeld im Oktober 2015(Foto: imago/Christian Thiel)

Interview mit Flüchtlingshelfer: "Merkels 'Wir schaffen das' war richtig"

Holger Michel hilft seit September 2015 als Freiwilliger in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft. Im Interview mit n-tv.de erklärt er, warum die Zeit ihn zu einem glücklicheren Menschen gemacht hat.

n-tv.de: Aus "Zufall, Fügung oder spontanem Aktionismus", wie Sie in Ihrem neuen Buch "Wir machen das" schreiben, sind Sie am 5. September 2015 im Rathaus Wilmersdorf gelandet, einer der größten Notunterkünfte in Berlin - wie kam es damals dazu?

Holger Michel wurde 1980 in Berlin geboren und ist Inhaber einer Kommunikationsagentur.
Holger Michel wurde 1980 in Berlin geboren und ist Inhaber einer Kommunikationsagentur.(Foto: Freia Königer)

Holger Michel: Ich war mit Freunden auf einer Party. Irgendwie kamen wir, wie so oft in diesen Tagen, auf das Thema Flüchtlinge zu sprechen. Einer hat gesagt, da müssten wir doch was tun. Dann haben wir in einer Feierlaune beschlossen: Dann lasst uns doch morgen ein paar Stunden in eine Flüchtlingsunterkunft gehen und helfen. Das haben wir dann gemacht und sind dort hängen geblieben. In den folgenden Monaten war ich jeden Tag im Rathaus Wilmersdorf.

Am Ende des Kapitels über den ersten Tag dort schreiben Sie: "Ich hatte wahnsinnig viel Spaß und fragte mich, ob das o.k. war." Können Sie diese Faszination erklären?

Es war Aktionismus und Euphorie. Dieses 'Los, wir machen jetzt was!' war ansteckend. Alles, was man getan hat, hatte sofort ein Ergebnis. Wir haben Kleider ausgeben und Papiere ausgestellt und sofort hatte jemand etwas davon. Spaß gemacht hat es auch deshalb, weil ich mit vielen total tollen und motivierten Leuten zu tun hatte, die ich sonst nie kennengelernt hätte.

Was waren die größten Schwierigkeiten in den ersten Wochen?

Es gab keinen Plan. Es war eine andauernde Improvisation. Wenn sich neue Bewohner ankündigten und wir nicht genug Betten, Kleidung und Essen hatten, standen wir vor der Herausforderung, wie wir das schnell organisieren können. Niemand von uns konnte da auf große Erfahrungen zurückgreifen.

Die Berliner Landesregierung stand in dieser Zeit sehr in der Kritik wegen der schlechten Organisation; im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise war manchmal von Kontrollverlust die Rede. Haben Sie das in Berlin so empfunden?

Das Ausmaß der Unorganisiertheit und Unprofessionalität war in Berlin einzigartig. In Bayern oder auch in Hessen waren viel mehr Geflüchtete, trotzdem hat es dort viel besser funktioniert. In Berlin lag es an Inkompetenz und am Unwillen der Landesregierung. Die Zustände am LAGeSo sind ein Beispiel dafür. Menschen standen dort über Tage an und mussten in Parks schlafen. Wir haben Menschen mit Essen versorgt, die sonst auf der Straße verhungert wären. Und das kann doch nicht sein in einem der reichsten und am höchsten technisierten Länder der Welt!

Sie erzählen im Buch, viele Ihrer Bekannten hätten Dinge gesagt wie "Ihr macht das ganz toll". Sie schreiben, dass Sie diese Sätze hassen. Wieso?

Das Rathaus Wilmersdorf war bis Ende 2014 Verwaltungsgebäude, seit Sommer 2015 wird es als Flüchtlingsunterkunft genutzt.
Das Rathaus Wilmersdorf war bis Ende 2014 Verwaltungsgebäude, seit Sommer 2015 wird es als Flüchtlingsunterkunft genutzt.(Foto: picture alliance / dpa)

Jeder hört natürlich gern, dass er etwas gut oder richtig macht. Aber ich habe das oft von Menschen gehört, bei denen ich wusste, dass sie die finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten haben, selbst mitzuhelfen - aber trotzdem nichts machen. Und ja, ich hätte mir in der anfangs anstrengenden und stressigen Zeit manchmal etwas mehr Unterstützung gewünscht. Wenn jemand keine Zeit, aber Geld hat, kann er ja zumindest 50 Euro spenden. Das hat mich eine Weile sehr geärgert, bis ich mir gelernt habe: Das musst du akzeptieren.

Im Buch schreiben Sie auch über schwierige Phasen. "Wenn ich spätabends nach Hause lief und hinter mir Schritte hörte, wurde ich nervös." Hatten Sie Grund zur Angst?

In manchen Phasen ja. Ich habe Ablehnung erfahren. Es gab auch Verluste im Freundeskreis. Leute, die nichts mehr mit mir zu tun haben wollten, weil ich ja Terroristen ins Land holen würde. Hassnachrichten habe ich auch bekommen. Da denkt man manchmal: Ich opfere meine Freizeit, um Menschen zu helfen, ohne dass ich irgendwas dafür bekomme. Und dann schreibt mir jemand: "Ich weiß, wo du wohnst" oder "Man sollte dich erschießen". Das war belastend. Eine Situation beschreibe ich im Buch. In der U-Bahn kam eine Frau auf mich zu. Sie wollte mir nur sagen, dass sie mich im Fernsehen gesehen hat und den Auftritt toll fand. Aber in dem Moment, wo sie da strammen Schrittes auf mich zukam, dachte ich: Die haut dir jetzt eine rein.

Ihr Buch heißt "Wir machen das", eine Anspielung auf den umstrittenen Satz Angela Merkels "Wir schaffen das". Fanden Sie diesen Ausspruch damals hilfreich?

Ja, Merkels "Wir schaffen das" war richtig. Ich erwarte von einer Kanzlerin in so einer Situation eine gewisse Zuversicht. Hätte sie sagen sollen: Das wird jetzt alles ganz schlimm, das Land geht unter? Nein. Merkel hat gesagt: Unser Land hat viel geschafft und wir werden auch das schaffen. Politische Führung hat die Aufgabe, Risiken und Probleme abzuschätzen und zu kommunizieren: Leute, nicht verzagen, sondern anpacken. Wir kriegen das hin.

Die Menschen in der Flüchtlingsunterkunft leiden unter Traumata, sind unterschiedlicher Herkunft und Religion. Was waren die schwierigsten Konflikte?

Ein großes Thema ist das dauernde Gefühl vieler, schlechter behandelt zu werden als andere. Wenn die Syrer was bekamen, haben die Afghanen sich beschwert. Die Iraker fühlten sich gegenüber den Iranern benachteiligt. Natürlich gibt es in einem Haus mit so vielen Menschen Konflikte. 30 Duschen und 70 Toiletten für 1000 Menschen - das ist nicht immer so einfach. Vor dem Hintergrund ist es schon ein kleines Wunder, dass niemand durchgedreht ist.

Seit September 2015 gab es Terroranschläge in Frankreich, Belgien, aber auch in Deutschland. Was für Auswirkungen hatte das auf die Stimmung im Haus?

Eine Auswirkung war die Erkenntnis vieler: Das sichere Europa, in das wir geflohen sind, ist gar nicht sicher. Eine größere Folge war die Angst, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Viele Geflüchtete sind vor genau diesem Terror geflohen und hatten plötzlich das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen, dass Leute im Namen ihrer Religion Anschläge verüben. Nach den Ereignissen gab es außerhalb der Unterkunft sowohl verbale als auch körperliche Übergriffe auf Bewohner. Das hat dazu geführt, dass viele sich zurückgezogen haben.

Viele Flüchtlinge haben das Rathaus Wilmersdorf nun verlassen. Was machen sie heute?

Ganz unterschiedlich. Einige sind in andere Unterkünfte gewechselt, teilweise auch in andere Bundesländer. Manche haben eigene Wohnungen gefunden, was in Berlin ja nicht so leicht ist. Wir haben mehr und mehr Leute, die Jobs gefunden haben.

Sie schreiben im Buch, dass die Zeit als Flüchtlingshelfer Sie verändert hat. Inwiefern?

Beim Schreiben habe ich das gemerkt, als ich darüber reflektieren musste. Wenn du den ganzen Tag von Menschen umgeben bist, die sagen "Wir wollen das schaffen", dann macht das etwas mit dir. Wir hatten eine Menge aussichtslose Situationen, trotzdem haben wir fast immer Lösungen gefunden und viele kleine Erfolgserlebnisse gefeiert. Das gibt einem den Glauben daran, dass wir als Gemeinschaft mehr erreichen können, als wir oft glauben. Die Zeit hat mir auch vor Augen geführt, dass meine eigenen Probleme ziemlich klein sind im Vergleich zu denen von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und deren Kinder auf der Flucht gestorben sind. Ich habe in dieser Zeit vielleicht zum ersten Mal erkannt, wie gut es uns geht.

Mit Holger Michel sprach Christian Rothenberg

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Quelle: n-tv.de

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