Politik
Was ist der Arabische Frühling? Gibt es ihn noch? Hat es ihn je gegeben? Peter Scholl-Latour meint: "Er ist eine Illusion."
Was ist der Arabische Frühling? Gibt es ihn noch? Hat es ihn je gegeben? Peter Scholl-Latour meint: "Er ist eine Illusion."(Foto: REUTERS)

Scholl-Latour hält nichts vom Arabischen Frühling: Mit Zynismus gegen Weltverbesserer

Von Nora Schareika

Was kann ein alter Provokateur wie Peter Scholl-Latour uns noch erzählen über so neuartige Ereignisse wie die im Nahen Osten? Wie eine Veranstaltung zeigt, eine Menge. Der 88-Jährige nimmt sich die Freiheit, Dinge zu vereinfachen und dann klarer zu sehen.

Sein Fazit des Arabischen Frühlings mag man unbefriedigend finden, doch es ist ehrlich: "Das ist alles entsetzlich kompliziert", sagt Peter Scholl-Latour, der immerhin als Experte in solchen Fragen gilt. Den Begriff "Arabischer Frühling" lehnt er ab, er hält ihn für zynisch. "Der Arabische Frühling war eine Illusion", glaubt der Buchautor. So kommt der Begriff, der für die arabischen Volksaufstände, Revolten und Bürgerkriege der vergangenen eineinhalb Jahre stehen soll, im Titel seines jüngsten Buches auch nicht vor. Der Altmeister spricht lieber von "Arabiens Stunde der Wahrheit". "Die eigentliche Auseinandersetzung kommt noch", prophezeit er.

Peter Scholl-Latour
Peter Scholl-Latour(Foto: picture-alliance/ dpa)

Mit einer solchen Feststellung liegt man natürlich meistens richtig, und doch ist genau diese simple Klarheit das, was den Journalisten auszeichnet. Nicht wenige fragen vielleicht: Was kann einem Peter Scholl-Latour noch erzählen von der islamischen Welt? Ist es nicht immer wieder das gleiche, was er uns da vorbetet von Nichteinmischung, Heuchelei des Westens, Geopolitik und Wirtschaftsinteressen, sobald ihn nur einer fragt? Hat ein so alter Mann überhaupt noch den Überblick über eine Welt, die nicht mehr funktioniert wie vor 50 Jahren? Will er nicht eigentlich nur provozieren und sich wichtig machen?

Eine erstaunlich gut besuchte Vortragsveranstaltung im Potsdamer Nikolaisaal zeigt: Womöglich kann gerade einer wie Peter Scholl-Latour unseren von zu vielen Details verstellen Blick auf die komplizierte Weltpolitik diesseits und jenseits des Mittelmeers wieder weiten. Einer wie er lässt sich nicht so schnell verrückt machen von schaurigen Metzeleien, nicht verwirren von widersprüchlichen Berichten aus dem Internet, nicht kirre machen von der Tatsache, dass wir doch eigentlich alle so gut wie nichts wissen über das wahre Geschehen auf den Schlachtfeldern von Arabien oder sonstwo.

Zu Gast bei Baschar al-Assad

Und noch etwas unterscheidet den 88-Jährigen von anderen Beobachtern: Er fährt immer noch selbst in die Gebiete, über die er spricht und schreibt. Heute gönnt er sich im Gegensatz zu früher lediglich Flüge in der ersten Klasse, Fahrer und ein paar zusätzliche Nickerchen bei seinen Touren über die staubigen Pisten der aufgewühlten arabischen Staaten.

Am Tahrir-Platz in Kairo gibt es jetzt T-Shirts zu kaufen, die an den ersten Tag des Aufstands im Januar 2011 erinnern. Doch wo sind die Revolutionäre der ersten Stunde? Das Sagen haben jetzt am Nil Militärs, die von Islamisten herausgefordert werden.
Am Tahrir-Platz in Kairo gibt es jetzt T-Shirts zu kaufen, die an den ersten Tag des Aufstands im Januar 2011 erinnern. Doch wo sind die Revolutionäre der ersten Stunde? Das Sagen haben jetzt am Nil Militärs, die von Islamisten herausgefordert werden.(Foto: REUTERS)

Kürzlich war Scholl-Latour in Damaskus bei Baschar al-Assad. "Ich habe seltsamerweise eine Einladung erhalten", erzählt er. Es ist diese Art von Großkotzigkeit, die manche bei Scholl-Latour auf die Palme bringt. Die syrische Botschaft habe angerufen, man habe ihm gesagt: Herr Scholl-Latour, wir haben ein Visum für Sie, der Präsident möchte Sie sprechen. Er ist also hingeflogen. "Assad ist ein freundlicher Mann", stellt der so Beehrte fest. Eine Stunde Gespräch, das war es. Keine besonderen Aussagen. Die Führung in Damaskus sei nicht schlimmer als andere. Für das Treffen und seine Bilanz davon wurde Scholl-Latour in der Presse heftig gescholten. Seine Worte über Assad provozierten und passten nicht zu dem Bild des blutrünstigen Diktators, das viele Medien momentan vom syrischen Machthaber zeichnen.

"Gut" und "Böse" erklären nichts

Was Scholl-Latour auszeichnet, ist, dass er sich die Freiheit nimmt, Dinge zuweilen zu vereinfachen. Nicht jedoch in einem Punkt: Wenn Scholl-Latour einen Konflikt analysiert, macht er es sich nie so einfach, mit Gut und Böse zu argumentieren, wie es im aktuellen Diskurs etwa um Syrien täglich geschieht. Bei ihm stehen stets zwei Punkte im Mittelpunkt: Geopolitische Faktoren wie Bodenschätze, Wasser und Handelswege auf der einen, historische und kulturelle Gegebenheiten auf der anderen Seite seines Denkens.

Auch in schiitisch geprägten Bahrain gab es einen kleinen arabischen Frühling. Doch er wurde von den sunnitischen Saudis niedergeschlagen, der Westen beschwerte sich nur halbherzig.
Auch in schiitisch geprägten Bahrain gab es einen kleinen arabischen Frühling. Doch er wurde von den sunnitischen Saudis niedergeschlagen, der Westen beschwerte sich nur halbherzig.(Foto: REUTERS)

Über diesen Ansatz entstehen plötzlich große Achsen, von Marokko bis Afghanistan, vom Rhein bis an den Nil. Eine dieser Achsen ist die religiös-kulturelle zwischen Christentum und Islam, innerhalb des letzteren zwischen Sunniten und Schiiten. Koranverteilende Salafisten in Köln und Schabaab-Milizen in Mogadischu werden so zu Ausformungen ein und desselben Phänomens: Dem Erstarken islamistischer Gruppen als Folge der Kriege des Westens in der Region und der Machtvakuen infolge des Arabischen Frühlings. An Al-Kaida als große, übergeordnete Terrororganisation indes glaubt Scholl-Latour nicht. "Das ist ein Oberbegriff, aber die eine Al-Kaida gibt es so nicht."

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten steckt auch im Syrienkonflikt, in dem sich die mit Saudi-Arabien die sunnitische Achse mit europäischen Machtinteressen zusammentut: "Es geht im Kern um den Iran und die Interessen des Westens und Saudi-Arabiens in der ganzen Region." Von allen Seiten werde versucht, in den Konflikt einzugreifen, obwohl dies brandgefährlich sei. Es sind harte Worte, die der Mann, der mit Assad plauderte, zu Syrien findet: "Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, vor allem in den deutschen Medien ist die Einseitigkeit erschreckend."

Gefährliche und legitimierte Islamisten

Irreführungen und Fehlinformation bemängelt Scholl-Latour auch bei Libyen, wo die Nato vor einem Jahr in den Bürgerkrieg eingriff. "Die Europäer waren so naiv zu glauben, dass Gaddafi so einfach zu erledigen sein würde wie Ben Ali oder Mubarak." Die Folge des "tragischen und verheerenden" Zerfalls Libyens sei nun, dass "gefährliche islamistische Bewegungen" von Libyen aus die ganze Sahelzone ins Unglück stürzten. "Von Senegal bis Somalia haben wir nur noch Chaos." Kräfte wie die Muslimbrüder in Ägypten, die Ennahda in Tunesien oder die Hamas in Palästina, die ebenfalls Islamisten sind, hält Scholl-Latour dagegen für unproblematisch. "Sie repräsentieren das Volk in ihren Ländern."

Neben den Medien geißelt der hellwache Endachziger nimmermüde die Heuchelei des Westens. Über einen Boykott der Fußball-EM in der Ukraine nachdenken, aber in Bahrain Autorennen fahren lassen. Ahmadinedschad als gefährlichen Irren hinstellen, aber mit dem saudischen Königshaus Geschäfte machen. All das findet Scholl-Latour zu Recht unerträglich. Doch ihm geht es eigentlich nie um Moral: An eine Welt ohne Konflikte glaubt er ohnehin nicht. Über die Beobachtermission der Vereinten Nationen in Syrien spricht er gar nicht erst - denn auch an die sogenannte Internationale Gemeinschaft glaubt Scholl-Latour nicht. "Die gibt es nicht." Doch Dummheit und Naivität, das mag er nicht. Und davon sieht er eine Menge, gerade auf der Seite derer, die sich für die Guten halten und dabei nur Chaos stiften.

Anregung zum Selberdenken

Das ist es, was einem der 88 Jahre alte, manchmal großkotzig wirkende Peter Scholl-Latour zu bieten hat: Einen Blick fürs Ganze, ohne ideologische Scheuklappen, eine nüchterne Betrachtung von Machtinteressen und die Verachtung für naive Weltverbesserung, die manchem vielleicht hart erscheint. Eine Anregung zum Selberdenken ist es allemal.

Scholl-Latours Ausweg aus all dem Chaos ist für die unbefriedigend, die angesichts eines Bürgerkrieges wie dem in Syrien eine moralische Verpflichtung ableiten, etwas zu tun. Doch eigentlich ist er befreiend: "Wir können nichts tun", sagt der 88-Jährige mit der Abgeklärtheit, die man nur nach Jahrzehnten des Herumreisens und einer von aktuellen Debatten losgelösten Perspektive erlangen kann.

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Quelle: n-tv.de

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