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Boston erlebte den Ausnahmezustand: Auf der Suche nach dem flüchtigen Bruder eilten schwer bewaffnete Einsatzkräfte von Haus zu Haus.
Boston erlebte den Ausnahmezustand: Auf der Suche nach dem flüchtigen Bruder eilten schwer bewaffnete Einsatzkräfte von Haus zu Haus.(Foto: REUTERS)

"Sie wurden hereingelegt": Mutter der Boston-Brüder spricht

Noch während in Boston Anwohner über den schnellen Fahndungserfolg der Sicherheitskräfte jubeln, tauchen Zweifel an der Vorgeschichte der beiden tatverdächtigen Brüder auf. In den Augen ihrer Mutter stellt sich die Wahrheit ganz anders dar. Tatsächlich soll das FBI bereits vor Jahren Kontakt aufgenommen haben.

Kaltblütig mitten unter den Zuschauern? Eine Amateuraufnahme zeigt die beiden Tatverdächtigen beim Boston Marathon wenige Minuten vor der Explosion der beiden Sprengkörper.
Kaltblütig mitten unter den Zuschauern? Eine Amateuraufnahme zeigt die beiden Tatverdächtigen beim Boston Marathon wenige Minuten vor der Explosion der beiden Sprengkörper.(Foto: AP)

Die Mutter der beiden mutmaßlichen Attentäter von Boston ist von der Unschuld ihrer Söhne überzeugt. "Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass sie hereingelegt wurden", sagte Subeidat Zarnajewa, die sich als Mutter der beiden Männer zu erkennen gab, dem englischsprachigen Staatsfernsehsender "Russia Today". Zugleich räumte sie ein, dass sich ihr älterer Sohn Tamerlan, der auf der Flucht vor der Polizei getötet worden war, seit etwa fünf Jahren stark für den Islam interessiert habe.

"Aber er hat nie gesagt, dass er den Weg des Dschihad einschlagen will", sagte die Frau. "In unserem Haus ist nie über Terrorismus geredet worden."

Für die schrecklichen Ereignisse von Boston hat sie eine ganz eigene Erklärung: Das FBI habe stets gewusst, was Tamerlan tut. "Sie haben mir gesagt, dass er ein Islamistenführer ist und dass sie Angst vor ihm haben", sagte Zarnajewa. Doch ihr Sohn habe nie ein Geheimnis vor ihr gehabt, meinte die Frau.

"Sag ihnen die Wahrheit"

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Ihren jüngeren Sohn Dschochar, der zu Beginn der Flucht vor der Polizei bei einem Schusswechsel schwer verletzt wurde und erst nach einer beispiellosen Großfahndung gefasst werden konnte, rief sie zur Zusammenarbeit mit den Behörden auf. "Sag ihnen die Wahrheit, sag, dass Du das nicht getan hast, dass ihr hereingelegt wurdet", sagte Zarnajewa. Bereits am Vortag hatte der angebliche Vater jede Schuld seiner Söhne bestritten. "Meine Kinder können keiner Fliege etwas antun", sagte er. Eine unabhängige Bestätigung für Identität und Verwandtschaftsbeziehungen liegt derzeit nicht vor.

Wie noch während der laufenden Großfahndung nach dem Jüngeren der beiden Brüder bekannt wurde, war einer der beiden mutmaßlichen Attentäter von Boston tatsächlich bereits vor zwei Jahren ins Visier der Terrorfahnder des Federal Bureau of Investigation (FBI) geraten: Der bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötete 26-jährige Tamerlan Zarnajew sei Anfang 2011 vom FBI befragt worden, teilte die US-Bundespolizei mit.

Ende einer "Jagd": Die Polizei von Boston triumphiert bei Twitter.
Ende einer "Jagd": Die Polizei von Boston triumphiert bei Twitter.(Foto: REUTERS)

Anlass sei die Anfrage einer ausländischen Regierung gewesen. Demnach soll Tamerlan Zarnajew "Anhänger eines radikalen Islam" gewesen sein und sich darauf vorbereitet haben, die USA zu verlassen, um sich Untergrundorganisationen anzuschließen. Laut FBI ergaben die Befragung von Zarnajew und dessen Familie sowie die Überprüfung von Reisedokumenten, Internetverkehr und persönlichen Kontakten damals allerdings keine Anzeichen einer "terroristischen Aktivität".

Welche ausländische Regierung die Untersuchung anstieß, gab das FBI nicht bekannt. Medienberichten zufolge soll Tamerlan Zarnajew im vergangenen Jahr eine Reise nach Russland gemacht haben.

Tamerlan Zarnajew und sein nach einer nervenaufreibenden Verfolgungsjagd festgenommener 19-jährigen Bruder Dschochar Zarnajew werden verdächtigt, den Bombenanschlag auf den Marathon von Boston verübt zu haben. Dabei wurden am vergangenen Montag drei Menschen getötet und 176 zum Teil lebensgefährlich verletzt.

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US-Sicherheitskreise vermuten einen islamistischen Hintergrund. Es gebe bislang aber keine Hinweise darauf, dass die Brüder Kontakte zum Extremistennetzwerk Al-Kaida oder anderen militanten Gruppen gehabt hätten. Die Suche nach etwaigen Verbündeten der beiden im In- oder Ausland habe nun oberste Priorität, sagte ein Sicherheitsbeamter.

Welche Stelle hat versagt?

Offen ist bislang, wann das Attentat in Boston geplant wurde. Dass einer der beiden Tatverdächtigen bereits vor geraumer Zeit die Aufmerksamkeit des FBI erregt hatte, könnte die US-Regierung unter Druck setzen. Bei früheren Anschlägen kam die Frage auf, ob sich die Taten hätten verhindern lassen, wenn Geheimdienste und Polizei verschiedenen Hinweisen konsequenter nachgegangen wären und sich darüber besser ausgetauscht hätten.

Die beiden Zarnajews sind ethnische Tschetschenen, die laut FBI allerdings in Kirgisistan geboren wurden. Sie waren mit ihrer Familie vor etwa zehn Jahren in die USA eingewandert. Dschochar, der jüngere der beiden Brüder, nahm die US-Staatsbürgerschaft an.

Kein Hang zum Extremismus?

Ruslan Zarni, nach eigener Auskunft Onkel der Brüder, sagte, sie hätten sich in der Gegend des Bostoner Vororts Cambridge niedergelassen. Er selbst lebe in einem Vorort von Washington und habe mit seinen beiden Neffen seit 2009 nicht mehr gesprochen. Die Anschläge in Boston seien eine Schande für die Familie und das gesamte tschetschenische Volk. In einem dramatischen Appell hat er seinen Neffen aufgefordert, sich den Behörden zu stellen.

Die Eltern der Brüder äußerten dagegen in getrennten Interviews, ihren Söhnen sei etwas angehängt worden, was sie nicht begangen hätten. Die beiden seien unfähig, solch ein Bombenattentat zu verüben. Ehemalige Klassenkameraden beschrieben die Brüder als gute, unauffällige Schulfreunde, bei denen kein Hang zum Extremismus zu erkennen gewesen sei.

Drei Verdächtige wieder frei

Nach der Festnahme Dschochar Zarnajews im Vorort Watertown herrschte in Boston große Erleichterung. Menschen strömten nach dem Ende der Ausgangssperre auf die Straßen, nachdem die Stadt über Stunden im Ausnahmezustand gewesen war. Sie jubelten, klatschten Beifall und schwenkten US-Flaggen.

Die Polizei in New Bedford, das knapp 100 Kilometer südlich von Boston liegt, nahm nach eigener Auskunft zwischenzeitlich drei Personen in Gewahrsam. Dabei handele es sich um zwei Männer und eine Frau, die vom FBI befragt worden seien. Hintergrund sei die Annahme, dass sie Verbindungen zu Dschochar Zarnajew hatten. Die drei befänden sich mittlerweile wieder auf freiem Fuß.

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Quelle: n-tv.de

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