Politik
Der Leichnam von Uwe Barschel wird am 11. Oktober 1987 aus dem Hotel Beau-Rivage in Genf abtransportiert.
Der Leichnam von Uwe Barschel wird am 11. Oktober 1987 aus dem Hotel Beau-Rivage in Genf abtransportiert.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Tod von Uwe Barschel: "Nach meiner Überzeugung war es Mord"

In der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 1987 kommt Uwe Barschel im Genfer Hotel Beau-Rivage ums Leben. Der frühere Lübecker Oberstaatsanwalt Heinrich Wille führte jahrelang das Ermittlungsverfahren. Im Gespräch mit n-tv.de bekräftigt er seine Überzeugung: Es war Mord.

n-tv.de: 25 Jahre sind vergangen, seit Uwe Barschel leblos aufgefunden wurde. Was kann denn an Ermittlungserkenntnissen über seinen Tod als gesichert gelten?

Heinrich Wille: Als wirklich gesicherte Erkenntnis haben wir lediglich, dass Uwe Barschel an einer Medikamentenmischung aus verschiedenen Präparaten gestorben ist. Was die Frage angeht, durch wen er zu Tode gekommen ist, kann man nicht eindeutig sagen, ob es Mord oder Selbstmord war. Nach meiner Überzeugung war es Mord, aber es gibt einen Restzweifel, der zumindest zulässt, dass es auch Selbstmord gewesen sein könnte.

Woher kommt dieser Restzweifel?

Bei einer Tötung durch Gift ist es schwierig. Wenn man keinen Täter hat und die Rückschlüsse aus den objektiven Gegebenheiten ziehen muss, dann gibt es einen Restzweifel – auch wenn der aus meiner Überzeugung sehr gering ist.

Was spricht aus Ihrer Sicht für die Mordthese?

Bilderserie

Aus meiner Sicht ist es keine These, sondern eine Schlussfolgerung aus den Tatsachen, die wir festgestellt haben und die teilweise auch schon 1987 konsequent hätten überdacht werden können. Das sind drei Dinge. Es ist einmal der Knopf, der von Barschels Hemd abgerissen ist. Das war nicht irgendein lockerer Knopf, sondern ein sehr fest angenähter Knopf, der zweite von oben. Er muss geschlossen gewesen sein und wurde senkrecht von oben nach unten mit erheblicher Kraft regelrecht aus dem Stoff herausgerissen. Die Bewegung dazu kann Uwe Barschel selbst nicht gemacht haben. Das kann aus meiner Sicht nur diskrete Gewalt sein. Die Täter haben den Knopf auf dem Hotelteppich wohl nicht gefunden. Das Zweite ist ein kleines Whisky-Fläschchen aus der Minibar seines Zimmers. Dieses Fläschchen ist geleert und zugeschraubt im Abfalleimer im Badezimmer gefunden worden. Es wurde festgestellt, dass das Fläschchen mit Wasser ausgespült worden ist. Das ist ein Geschehen, das zumindest im Zusammenhang mit einem Suizid unverständlich erscheint. Als Methode zur Spurenbeseitigung ist es jedoch sinnvoll. Wir haben dieses Fläschchen toxikologisch untersuchen lassen. Es wurde darin Diphenhydramin nachgewiesen, eins der vier Medikamente, die zum Tode Uwe Barschels geführt haben. Für einen Selbstmörder macht es keinen Sinn, ein Medikament in ein so winziges Fläschchen zu füllen, er würde es wahrscheinlich im Glas mit einer Flüssigkeit vermischen. Für einen Mörder wäre es hingegen sehr sinnvoll ein hochwirksames Gift in flüssiger Form in eine stark schmeckende, unverdächtig scheinende Flüssigkeit zu applizieren. Das Dritte ist das Spurenbild, der Badezimmerläufer und ein Handtuch, das im Vorraum gefunden wurde, haben identische Verschmutzungen. Diese stammen aus gelöster Farbe des Schuhs von Barschel. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass diese Farbe nicht allein mit Wasser zu lösen gewesen wäre. Denn es wurde nicht nur Farbe gelöst, sondern auch die Innenbeschriftung des Schuhs, die mit einem wasserunlöslichen Polyurethanlack speziell geschützt war. Es muss also ein chemisches Lösungsmittel eingesetzt worden sein.

Mit zahlreichen Indizien, die für einen Mord sprechen, stellt sich die Frage nach einem Motiv. Haben Sie dazu eine Idee?

Es gab die reale Möglichkeit, dass Uwe Barschel Kenntnisse hatte, die anderen gefährlich werden konnten. Mangels konkreter Täterhinweise musste das Verfahren aber eingestellt werden. Es gab keine bevorzugte Spur. Üblicherweise hat man zunächst eine ganze Menge von Spuren und Hinweisen, die sich dann aber in eine Richtung verdichten. Das war hier genau umgekehrt.

Inwiefern?

Die Iran-Contra-Affäre

In den 1980er Jahren machten die USA trotz desEmbargos Waffengeschäfte mit dem Iran. Geliefertwurden mehr als1.500 Panzer- und Luft-Abwehrraketen. Dafür zahlte Teheran 14 Millionen Dollarund ließ US-Geiseln frei. Aus den Erlösen desWaffendeals wurden die "Contras" genannten Gegner der Sandinistenin Nicaragua unterstützt. Offiziell hatte der Kongress ein militärisches Eingreifenin Nicaragua untersagt.

Es müssen ja einflussreiche Persönlichkeiten gewesen sein, die so etwas organisieren. Und sie müssen ein starkes Motiv haben. Uwe Barschel bewegte sich in Bereichen, wo wir nicht sicher sagen können, dass es sich nur um Waffenhandel drehte. Es kann auch der Handel mit Embargogütern anderer Art gewesen sein, er hat im Zusammenhang mit dem Export von Lkw nach Libyen eine Rolle gespielt und bei illegalen U-Boot-Blaupausen für Südafrika. Barschel hat kurz vor seinem Tod gesagt: „Wenn die in Bonn mich fallen lassen, dann werden sie mich kennenlernen.“ Er hat auch gedroht, vor dem Untersuchungsausschuss auszupacken. Außerdem gibt es eine zeitliche Übereinstimmung und die Möglichkeit persönlicher Kontakte mit der Iran-Contra-Affäre. In dieser Dreiecksgeschichte zwischen Iran, Israel und den USA haben alle drei ein Interesse, die wahren Abläufe im Dunkel zu lassen. Keiner von denen war zimperlich. Das war das, was sich eröffnete. Die Stasi, die zunächst einmal im Visier der Ermittlungen stand, geriet dann eher in den Hintergrund.

Was spräche denn für die Selbstmordvariante?

Für Selbstmord spricht die Situation vor dem Tod Barschels. Es ist das Wort vom Bilanzselbstmord gefallen. Barschel, der Schuft, der allein verantwortlich war für die miesen Tricks gegenüber Björn Engholm. Er zieht nun die Konsequenzen und richtet sich selbst. Aber für diese Version gibt es keine Fakten. Hier wird lediglich ein Zusammenhang hergestellt zwischen einem politischen Geschehen und einer gedachten Persönlichkeit Barschels. Im zweiten Untersuchungsausschuss, dem sogenannten Schubladen-Ausschuss, zeigte sich dann aber, dass die Bilanz so schlecht gar nicht war. Dann wäre ein Bilanzselbstmord überflüssig. Ein zweiter Punkt ist Barschels Medikamentenmissbrauch. Er nahm vor allem "Tavor", aus der Gruppe der Benzodiazepine, was seinerzeit von Ärzten auch sehr leichtfertig verteilt wurde. Das hat einen suchtfördernden Charakter, aber es ist nie zuverlässig festgestellt worden, dass Barschel abhängig oder süchtig war. War er eine Suchtpersönlichkeit? Und war er eine suizidale Persönlichkeit, die geneigt ist, in einer scheinbar ausweglosen Situation zum Äußersten zu gehen? Diese beiden Fragen sind letztlich offen.

Wie würden Sie diese Fragen für sich beantworten?

Barschel bei einer Pressekonferenz nach dem Flugzeugabsturz.
Barschel bei einer Pressekonferenz nach dem Flugzeugabsturz.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ich meine, eine Sucht ist nicht nachgewiesen. Und nach meiner Überzeugung war er keine suizidale Persönlichkeit. Ich kannte Barschel ein wenig, wir waren in einem Studiensemester. Aber es gibt auch aus meiner Sicht objektive Gründe für meine Einschätzung. Viele beschreiben das Ende der politischen Karriere als Katastrophe für Barschel. Wir haben festgestellt, dass er konkrete Pläne hatte, für eine gewisse Zeit nach Kanada zu gehen, als Dozent, er war ja doppelt promoviert. Möglicherweise hätten seine Freunde auch Möglichkeiten gehabt, ihn in der Wirtschaft zu beschäftigen. Es gab also Optionen für ein Leben nach der Politik. Außerdem hatte er ja zwei Monate zuvor einen Flugzeugabsturz als einziger überlebt. Drei Menschen waren gestorben. Da hatte Barschel gesagt: "Ich glaube, der Hergott hat noch etwas mit mir vor." Für mich ist es nicht vorstellbar, dass er nun bereit sein soll, alles wegzuwerfen.

Wie sah es in seinem Privatleben aus?

Es gab eine gute Einbindung in seine Familie. Seine Mutter hatte ihm unter Entbehrungen diese Karriere ermöglicht, ihr hätte er einen Selbstmord meiner Meinung nach nicht angetan. Dann hatte er vier Kinder, die er liebte und für die er auch noch Geschenke gekauft hatte. Er wollte sich mehr um seine Frau kümmern, die er vernachlässigt hatte. Dann hatte er noch Bruder und Schwester, mit denen er in gutem Kontakt war. Was man nicht so weiß: Barschel verfügte durchaus über einen langjährigen Freundeskreis. Diese Gesamtkonstellation spricht für mich gegen Selbstmord.

Dennoch gab und gibt es ja sehr vehemente Verfechter der Selbstmordtheorie. Welche Überlegungen haben bei Ihnen dazu geführt, das auszuschließen?

Wenn man sich zu einem so existenziellen Schritt entschließt, muss man da ja erst mal hinkommen. Ich habe mich immer gefragt, wann soll das denn passiert sein? Es gab ja die berühmte "Ehrenwort"-Pressekonferenz. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Barschel noch, alles in den Griff zu kriegen und alles widerlegen zu können. Also wäre eine Suizidentscheidung nur danach denkbar. Ich würde sagen, als er seinen Rücktritt als Ministerpräsident ankündigte, am 25. September. Dann hätte er, bis er mit seiner Frau nach Gran Canaria flog, alles organisieren müssen. Er hätte Medikamente beschaffen müssen, während er die gesamte Zeit unter öffentlicher oder familiärer Kontrolle war. Es wurde später genau rekonstruiert, was er sich an Medikamenten auf welchen, auch illegalen Wegen, beschafft hatte. Die todbringenden Mittel waren nicht darunter. Er hat auch auf Gran Canaria ein Beruhigungsmittel gekauft, das hätte er nicht tun müssen, wenn er die anderen Medikamente gehabt hätte. 

Uwe Barschel ist in einem Schweizer Hotel gestorben. Wenn man sich die Ermittlungen unmittelbar nach dem Auffinden der Leiche ansieht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Schweizer Polizei nicht sehr genau hingeschaut hat. Sehen Sie das auch so?

Ich will das gar nicht beurteilen. Gerade zu Beginn der Ermittlungen hätte das auch bei uns so passieren können. Bei der Meldung "Toter im Hotel" läuft zunächst das Routineprogramm, Selbstmord oder Unfall sind genauso wahrscheinlich wie ein Tötungsdelikt. Doch bei der dann vorgefundenen Spurenlage hätte man genauer nachfragen müssen. Ich denke, die Selbstmordtheorie hatte sich unglaublich schnell festgesetzt. Wie das geschehen ist, haben wir nicht ermitteln können. Damit war die lokale und die überregionale Politik sehr zufrieden, weil man damit keine weiteren Probleme mehr hatte. Und auch in der Schweiz wollte man natürlich nichts mit einem politischen Mord zu tun haben. Man hätte es aber besser machen können. Man hätte auf das große Programm umschalten müssen.

Was hätte das bedeutet?

Man hätte jede noch so kleine Spur verfolgen müssen. Man hätte sofort den Taxifahrer suchen müssen, der Uwe Barschel vom Flughafen ins Hotel gefahren hat. Man hätte die verschwundene Rotweinflasche suchen müssen, die ihm der Zimmerkellner zusammen mit zwei Gläsern aufs Zimmer gebracht hatte. Dazu hätte man den gesamten Hotelmüll durchsuchen müssen, vielleicht sogar nach Scherben auf der Mülldeponie. In der Rechtsmedizin hätten alle Beweismittel registriert werden müssen. Dass da ein großer Teil des Urins und des Mageninhalts vernichtet worden ist, ist natürlich ein kaum nachvollziehbarer grober Fehler.

Aber auch bei den deutschen Ermittlungen tun sich Fragen auf. Uwe Barschel war ja eben noch Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Warum hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen nicht an sich gezogen?

Das ist für mich auch unerklärlich. Der Generalbundesanwalt hätte sich die Zuständigkeit holen und über die Generalklausel die Ermittlungen an sich ziehen können. Das hat er trotz der politischen Brisanz nicht gemacht. Auch nicht 1994, als wir unser Verfahren eröffnet haben. Immerhin hat er unsere Formulierung, es gibt einen Anfangsverdacht für Mord, ja unterstützt.

Sie kritisieren ja immer wieder, dass Sie bei ihren Ermittlungen nicht unterstützt worden sind. Gab es denn gar kein Interesse herauszufinden, was Barschel widerfahren ist?

Willes Buch durfte erst nach zahlreichen juristischen Auseinandersetzungen erscheinen.
Willes Buch durfte erst nach zahlreichen juristischen Auseinandersetzungen erscheinen.(Foto: picture alliance / dpa)

Man fragt sich schon, was das heißt. Ein deutscher Ministerpräsident wird in der Schweiz ermordet und den BND und den Generalbundesanwalt interessiert das nicht so sehr, dass er sich aktiv darum kümmert. Manchmal gab es punktuelle Irritationen, wie bei Akten der Stasi-Unterlagenbehörde, ohne dass wir da jetzt immer böse Absichten dahinter vermuteten. Aber es ist schon sehr merkwürdig, wenn man Unterlagen im Fernsehen sieht, sie selbst aber als Ermittlungsbehörde nicht erhält. Das war nicht immer schlechte Absicht, aber schlechte Arbeit. Beim Bundesnachrichtendienst war das anders. Der BND hat seine eigene Ermächtigungsgrundlage und muss von Rechts wegen keine Ermittlungsbehörde unterstützen. Aber die Frage ist: Wäre das nicht eine Situation gewesen, wo der BND nicht etwas mehr als die bloße kommentarlose Überlassung von Observationsergebnissen hätte leisten müssen? Sie haben ja nicht einmal gewichtet oder bewertet, was sie uns gegeben haben. Es hätte sicher Ermessensspielraum für aktive Recherchen gegeben, das hätte die Chancen, den Tod Barschels aufzuklären, sicher erhöht.

Sie haben das Ermittlungsverfahren viele Jahre geleitet. War es für Sie frustrierend, dass Sie es am Ende mit vielen Fragezeichen einstellen mussten?

Frustrierender als die Tatsache als solche, mit der man ja professionell umgehen kann und muss, war die Art und Weise des Weges, wie wir da hinkamen. Ich empfand es als problematisch, wie uns Unterstützung versagt wurde. Bis heute finde ich es unglaublich, dass aus der Behörde des Generalstaatsanwaltes eine massive Indiskretion begangen wurde, indem eine vertrauliche Verschlusssache von 40 Seiten an die Presse lanciert wurde. Das ist eine illegale Tat, die es meiner Meinung nach in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte so noch nicht gegeben hat. Zumal das dazu führte, dass Justizmitarbeiter in höchste Gefahr gerieten. Das sind die Dinge, die mir immer noch nahe gehen.

Rund um den Tod von Uwe Barschel liegen Verschwörungstheorien in der Luft. Hatten Sie je das Gefühl, es könnte sich um eine Verschwörung gehandelt haben?

Nein, es war sicher ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Auch viele Journalisten, die oft sehr aufwendig recherchiert haben, waren ja der Überzeugung, dass es Selbstmord war. Es gab auch ein Meinungsklima in diese Richtung, wie auch immer das zustanden gekommen war. Selbst Leute vom Generalbundesanwalt, vom BKA und vom LKA Schleswig-Holstein haben sich in Genf mit Informationen abspeisen lassen. Wenn grobsichtig keine Tablettenreste zu erkennen sind, muss man feinsichtig oder analytisch herangehen. Im Nachhinein kann einen diese mangelnde Professionalität schon wütend machen. Aber das ist kein Teil einer gewollten Verschwörung.

Nun entwickelt sich die Kriminaltechnik ständig weiter. Gerade sind DNA-Spuren an der Kleidung von Uwe Barschel entdeckt worden. Versprechen Sie sich von diesen Entwicklungen langfristig doch noch die Aufklärung des Falles?

Nein, man sieht ja jetzt schon die Grenzen, an die das stößt. Offenbar sind das DNA-Spuren von minderer Qualität, die man nicht abgleichen kann. Der Lauf der Zeit wird die Spurenlage in diesem Fall sicher nicht verbessern. Wenn ein Mitwisser oder Mittäter sich hätte outen wollen, dann wäre das vermutlich schon geschehen. Es waren 25 Jahre Zeit. Das Gleiche gälte auch für einen möglichen Sterbehelfer. Die letzte Chance ist nun die Lebensbeichte des möglichen Mörders.

Mit Heinrich Wille sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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