Politik
Video
Sonntag, 15. Oktober 2017

"Wunderwuzzi" feiert in Wien: ÖVP tanzt Siegeswalzer mit Rechtsdrehung

Von Christian Bartlau, Wien

In Wien feiern die Anhänger von Sebastian Kurz ihren Wahlsieg, und ein bisschen auch die Niederlage der ungeliebten SPÖ. Die Fortsetzung der Großen Koalition hat hier weniger Anhänger als ein Bündnis mit den Rechtspopulisten. 

Schüchtern schreitet er auf die Bühne, der große Sieger des Abends, fast scheu. Keine Triumphgeste, nur ein breites Grinsen auf dem jungenhaften Gesicht. Auch beim zehnten "Danke" kommt er nicht gegen den Applaus in der Menge an, der um 19 Uhr im Kursalon Hübner im Wiener Stadtpark aufbrandet: Der "Wunderwuzzi" Sebastian Kurz hat geliefert, er hat seine Partei zum dritten Mal in der Nachkriegsgeschichte Österreichs zur stärksten Kraft gemacht.

Video

Kurz spricht von Demut, von Verantwortung gegenüber den Wählern, den angekündigten neuen Stil auch mit Inhalt zu füllen, nur einmal bricht er aus der Rolle als Staatsmann aus: "Wir sind belächelt worden", sagt er. Es ist ein Seitenhieb auf den politischen Gegner und auf die vielen Journalisten vor der Bühne, die den Aufstieg des erst 31-Jährigen teilweise mit scharfer Kritik begleitet haben. Nie hat er vergessen, dass der linksliberale "Standard" von einer "Verarschung" schrieb, als der damals erst 24-Jährige 2011 zum Integrationsstaatssekretär ernannt wurde. Sechs Jahre später hat er die altehrwürdige Volkspartei in seine Bewegung verwandelt, sie innerhalb von einem halben Jahr aus dem Umfragetief zum Wahlsieg geführt und sich selbst wahrscheinlich zum jüngsten Kanzler in der Geschichte der Republik gemacht.

Nur der Kandidat zählt

Als Kurz sich schon schon wieder verabschiedet hat, um in der Hofburg den Interview-Marathon von ATV bis ORF zu absolvieren, steht Dietmar Halper in der marmorbefliesten Lobby des Kursalons. Er ist Direktor der Politischen Akademie der ÖVP, einer Art Kaderschmiede der Partei, und hat Kurz' Weg vom Nachwuchstalent bis zum designierten Kanzler seit 2008 begleitet. "Ich habe damals schon gewusst, dass er große Fähigkeiten hat", sagt Halper. "Vor allem Durchsetzungskraft. Wenn Sebastian Kurz von einer Sache überzeugt ist, zieht er sie durch." Eine Botschaft, die Sebastian Kurz im Wahlkampf immer wieder angebracht hat, denn immer wieder präsentierte er sich als Macher gegen die Bedenkenträger. Sein Trademark-Satz: Ich habe die Balkanroute geschlossen. Die Strategie hat offensichtlich funktioniert: Für 42 Prozent der ÖVP-Wähler war der Spitzenkandidat das ausschlaggebende Wahlmotiv, ergab eine Befragung des Sora-Institutes. Weit dahinter folgen mit 15 Prozent die Inhalte.

Auch als Parteichef in Reserve, als der er schon vor seiner Machtübernahme im Mai gehandelt wurde, bewies er seine Durchsetzungskraft: Kurz war überzeugt, dass die ÖVP einen Neuanfang brauchte, also zog er ihn durch. Als die so mächtigen Landesfürsten ihm die Partei vor die Füße legten, griff er nicht zu, sondern stellte Bedingungen: Die Umbenennung in "Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei", das Recht, Kandidaten für die Bundes- und die Landeslisten zu bestimmen, sogar eine neue Farbe sollte sich die ÖVP geben. Ein Blick in den Kursalon Hübner zeigt: Das Türkis hat sich vor allem bei den jüngeren Parteimitgliedern durchgesetzt, die Veteranen tragen die Farbe selten am Körper, eher mit Fassung. Ein Wort der Kritik am starken Mann in der Partei hört man nicht, auch nicht unter der Hand. Wer Erfolg hat, hat recht.

Schwarz-Blau zeichnet sich ab

Simon Jandl gehört zu den Jungen, die den Straßenwahlkampf für Kurz in Wien gestemmt haben. Überschwänglich klatscht er mit seinen Mitstreitern ab, vereinzelt sieht man hier im Kursalon, wo Walzerkönig Johann Strauß einst sein erstes Konzert gab, türkisfarbene Knäuel über das Parkett hüpfen. "Wir sind alle überwältigt", sagt Jandl, "das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen." Noch kurz vor diesem Wahlsonntag sahen einige Umfragen die ÖVP stärker als die 31,7 Prozent, aber in den letzten Tagen vor der Wahl kippte die Stimmung merklich, wie auch Bernhard Karnthaler berichtet, der in Wiener Neustadt Häuserbesuche absolvierte: "Ich glaube, es hat viel Austausch gegeben zwischen ÖVP und FPÖ, und einige sind wieder zurückgewandert."

Das starke Ergebnis der FPÖ rief auf der ÖVP-Wahlparty bemerkenswert großen Jubel hervor. Als der Balken der Blauen bei der ersten Hochrechnung sogar knapp über dem der SPÖ Halt machte, war der Applaus fast lauter als über die eigenen Sieg. "Das kann ich gar nicht verstehen", sagt der 22-Jährige Simon Jandl. "Mir ging es darum, dass wir stärkste Kraft werden, alles andere war mir egal." Zu einer Absage an eine Koalition mit der FPÖ will er sich nicht hinreißen lassen: "Wir müssen mit dem Partner zusammenarbeiten, mit dem wir unsere Themen umsetzen können." Ein Tenor, der sich durch viele Gespräche an diesem Abend zieht - die FPÖ ist ein notwendiges Übel, mit der SPÖ will hier niemand mehr zusammenarbeiten, zu tief klaffen die Wunden aus zehn Jahren Großer Koalition. Jandls Kollege aus Wiener Neustadt, Bernhard Karnthaler, gehörte zu denen, die sich die Schadenfreude gegenüber der ungeliebten SPÖ nicht verkneifen wollen: "Mich verbindet mit denen nichts. Für mich wäre es ein wichtiges Symbol, wenn die FPÖ vor der SPÖ landet."

Auch wenn die SPÖ die Rechtspopulisten im Laufe des Abends noch einholte – das Symbol war trotzdem klar und deutlich: Nicht nur der geschlagene Kanzler Christian Kern konstatierte in der Elefantenrunde in der Hofburg zerknirscht einen Rechtsruck. Die deutliche rechnerische Mehrheit von ÖVP und FPÖ lässt eine Türkis-Blaue Koalition wahrscheinlich werden, auch wenn sich Kurz, ganz Staatsmann, alle Optionen offen halten will, wie er sagte. Kurz' Wegbegleiter Dietmar Halper von der Politischen Akademie der Partei sieht die "Richtungsentscheidung", von der sowohl SPÖ als auch ÖVP vor der Wahl sprachen, dennoch klar entschieden: "Wer die Demokratie ernst nimmt, sieht eine deutliche Präferenz." Die lautet: Eine Koalition der ÖVP mit den Rechtspopulisten von der FPÖ, mit dem jüngsten Kanzler der Republik an der Spitze. Österreich hat den Rechtsruck gewählt.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen