Politik

Ausländerfeindlichkeit: "Ost-West-Ding" widerlegt

Im Westen leben die Ausländer, im Osten die Ausländerfeinde - so lautet ein weit verbreitetes Klischee, das sich seit Jahren hält. Eine ungewöhnlich aufwendige Jugendstudie von Hannoveraner Soziologen zeigt, dass es nicht stimmt. Die Realität ist sehr viel komplizierter. Nur bei den Löhnen, da bleibt die Sache klar.

Ausländerfeindlichkeit gibt es vielerorts, nicht nur in bestimmten Regionen des Landes.
Ausländerfeindlichkeit gibt es vielerorts, nicht nur in bestimmten Regionen des Landes.(Foto: dapd)

Bei der Verbreitung von Ausländerfeindlichkeit unter jungen Deutschen lassen sich nach Einschätzung von Sozialwissenschaftlern keine grundsätzlichen Ost-West-Unterschiede mehr feststellen. "Dieses Ost-West-Ding funktioniert nicht mehr, wenn wir über Ausländerfeindlichkeit reden", sagte Dirk Baier vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Eine Befragung unter 45.000 Jugendlichen habe gezeigt, dass es Gebiete in Ostdeutschland gebe, in denen junge Menschen überhaupt nicht ausländerfeindlich eingestellt seien, und andere Regionen, wie etwa in Süddeutschland, in denen diese Haltung sehr verbreitet sei.

Die Befragung aus dem Jahr 2007/8 zeige darüber hinaus, dass die Verbreitung rechtsextremistischer und ausländerfeindlicher Einstellungen nicht mit den "klassischen Indikatoren" wie Arbeitslosigkeit und Einkommen in einer Region zusammenhänge. "Es hat nichts mit dem ökonomischen Status des Gebietes zu tun", sagte Baier. Die Ursachen für die regionalen Unterschiede wollen die Forscher nun durch eine neue Studie herausfinden.

Sehr starke regionale Unterschiede zeigt die Schülerbefragung nach Angaben Baiers indes bei der Integration von Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln. So sei der Anteil türkischer Jugendlicher, die das Abitur anstrebten, in München innerhalb von zehn Jahren von 18 auf 12 Prozent gesunken. In Hannover habe sich die Quote im selben Zeitraum (1998-2008) auf das Doppelte erhöht. Gleichzeitig habe sich in der bayerischen Landeshauptstadt der Anteil der Mehrfachgewalttäter unter Migrantenjugendlichen und besonders den Türken von 6 auf 12 Prozent verdoppelt.

In Hannover habe dagegen die bessere Bildungsintegration dazu geführt, dass sich der Anteil der Mehrfachgewalttäter mit Migrationshintergrund halbiert habe, sagte Baier. Migranten, die in der Schule integriert seien, würden seltener kriminell. Der Soziologe plädierte für die Abschaffung der Hauptschule. Schulformübergreifende Ganztagsschulen böten die besten Integrationschancen.

Frage der Haltung

Die Schülerbefragung belegt nach Darstellung Baiers auch eine Rangfolge bei der Integration der unterschiedlichen Nationalitäten. Westeuropäer mit Ausnahme der Italiener, Osteuropäer und Asiaten fassen demnach in Deutschland sehr schnell Fuß, Türken und Araber dagegen nur sehr langsam. Dabei spiele auch die Haltung der Deutschen eine Rolle, die Türken und Araber stärker ablehnten als West- oder Nordeuropäer.

Entscheidend für die Integration sind nach Baiers Worten aber die Einstellung des Elternhauses, die sozialen Kontakte vom Kindergarten an sowie der Islam. Im Unterschied zu anderen Religionen gelte für junge Muslime: "Je religiöser diese Jugendlichen sind, umso stärker schotten sie sich von der deutschen Gesellschaft ab."

Schere öffnet sich wieder

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt unterdessen, dass die Einkommenslücke zwischen Ost- und Westdeutschen ist in den vergangenen Jahren wieder größer geworden ist. Während sich die persönlichen Bruttoeinkommen in den ersten zehn Jahren nach der Wiedervereinigung zunächst deutlich angenähert hatten, geht die Schere seitdem wieder mehr auseinander Der Unterschied zwischen dem persönlichen Ost- und Westeinkommen war laut Studie 2007 wieder größer als zehn Jahre vorher. Demnach hatte vor drei Jahren ein Ostdeutscher im Durchschnitt 30 Prozent weniger verdient als ein Westdeutscher. Vor allem bei den höheren Einkommen ist die Differenz besonders groß ist und sie wächst weiter.

Verwitterte Willensbekundung in Magdeburg.
Verwitterte Willensbekundung in Magdeburg.(Foto: picture-alliance / dpa)

In West wie Ost zeigt sich laut DIW hingegen gleichermaßen, dass sich gerade Berufseinsteiger immer schlechteren Einkommensbedingungen gegenüber sehen. Für die Menschen im Osten sei dies allerdings gravierender, weil dort häufiger niedrigere Einkommen gezahlt werden.

Das spiegelt sich zum Teil auch in der Lebenszufriedenheit wider. Zugleich äußern die im vereinigten Deutschland aufgewachsenen jüngeren Ostdeutschen eine ähnliche Lebenszufriedenheit wie ihre Alterskameraden im Westen. Die Lebenszufriedenheit hänge immer weniger von Ost und West ab, "sondern von den konkreten Lebensumständen in der Region", erklärte DIW-Experte Peter Krause.

Quelle: n-tv.de

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