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Alle Kameras auf Wowereit: Berlins Regierender Bürgermeister ist exakt so alt wie das Durchschnittsmitglied der SPD.
Alle Kameras auf Wowereit: Berlins Regierender Bürgermeister ist exakt so alt wie das Durchschnittsmitglied der SPD.(Foto: dapd)

Das Abenteuer fehlt: Parteien geht der Nachwuchs aus

von Michael Kreußlein

Deutschlands Parteien gehen am Stock - zumindest ein nicht unwesentlicher Anteil ihrer Mitglieder. Bei SPD und Union erreicht das Durchschnittsalter beinahe schon die Marke von 60 Jahren. Die Piraten zeigen, dass es auch anders geht: Ihr Durchschnittsmitglied ist nur halb so alt.

CDU: 48,1 Prozent, SPD: 47,8 Prozent - Grund zum Jubeln gibt es keinen. Vielmehr dürfte das, was anmutet wie Landtagswahl-Ergebnisse aus längst vergangenen Tagen, die Parteioberen nachdenklich stimmen. Denn die Zahlen, die sich aus Oskar Niedermayers Studie "Parteimitglieder in Deutschland" ergeben, stehen für den Anteil der über 60-Jährigen bei Christ- und Sozialdemokraten und sind ein deutliches Zeugnis der Überalterung in den beiden Volksparteien.

Stand Jahresende 2010 haben die Mitglieder von CDU und CSU dem Berliner Politik-Professor Niedermayer zufolge durchschnittlich 58 Jahre auf dem Buckel. Gleiches gilt für die Genossen bei der SPD. Überflügelt werden Union und Sozialdemokraten einzig von der Linken - mit einem Durchschnittsalter von 60 Jahren eine Art Dinosaurier-Reservat in der deutschen Parteienlandschaft. Während die Mitglieder der FDP im Schnitt 51 Jahre zählen, versprühen die Grünen mit ihren 46 Jahren beinahe schon jugendlichen Charme. "Im Vergleich zur Bevölkerung sind die jüngsten Alterskohorten bei ihnen trotzdem unterrepräsentiert", betont Niedermayer im Gespräch mit n-tv.de. "Das Problem der Überalterung betrifft die Grünen zwar weniger stark als die anderen Parteien, völlig davor gefeit sind sie jedoch nicht."

Juso-Chef Sascha Vogt.
Juso-Chef Sascha Vogt.(Foto: picture alliance / dpa)

Was den Anteil junger Menschen an den Neumitgliedern angeht, rangieren die Grünen hinter der SPD. Und Sascha Vogt, Bundesvorsitzender der Jungen Sozialisten, schöpft durchaus Hoffnung aus der Tatsache, dass jeder zweite SPD-Einsteiger "unter 35 und damit ein Juso" ist. Allerdings bedarf es auch hier einer Relativierung - zum einen, weil Neumitglieder naturgemäß zu einem großen Teil auch Jungmitglieder sind, zum anderen, weil insgesamt immer weniger Menschen den Parteieintritt wagen. Um den Altersdurchschnitt in den Parteien zu senken, gäbe es dieser Tage schlichtweg "quantitativ zu wenige" Frischlinge, so Niedermayer. Folglich liegt der Anteil der 16- bis 35-jährigen Genossen bei lediglich 11,1 Prozent.

Projekte statt Programme

Doch was genau nimmt CDU, SPD und Co. eigentlich die Attraktivität für den politisch interessierten Nachwuchs? Glaubt man dem Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst, dann fehlt vielen Jugendlichen der Bedarf an den ideologischen Grundsatzdebatten, wie sie in Parteien geführt werden. "Junge Leute binden sich heute lieber an Organisationen, die von ihnen weniger starke ideologische Bekenntnisse zu einer kompletten Programmatik erwarten. Das Motto lautet für viele 'small and soon' - sie engagieren sich in überschaubaren Projekten, deren Ziele schnell erreicht werden können." Politik müsse vor allem "aktionsorientiert sein und einen Hauch von Abenteuer" vermitteln, hält Probst fest.

Längst scheint das Internet zum Abenteuerspielplatz der auf Einzelfragen fixierten jungen Wilden avanciert zu sein. "Ganz ohne langatmige Satzungsdiskussionen und ideologisches Korsett engagiert sich ein großer Teil der Jugend in den unterschiedlichsten Foren, Organisationen und Bewegungen und nutzt dabei das Netz als Kommunikationsform", so Probst. "Das fördert nicht unbedingt die Bereitschaft, sich in einer Partei zu organisieren."

Die Piraten sind jünger - sie versprechen das Abenteuer einer Partei im Aufbruch.
Die Piraten sind jünger - sie versprechen das Abenteuer einer Partei im Aufbruch.(Foto: dapd)

Für die Piraten gilt das nicht. 15 Abgeordnete der jungen Partei wurden am vergangenen Wochenende ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Die im Durchschnitt 31 Jahre alten Freibeuter zelebrieren durch die Nutzung neuester Kommunikationstools nicht nur ihre Liebe zum Web, sondern liefern mit ihrer Versteifung auf die Themen Netzfreiheit und Transparenz auch ein Paradebeispiel für "aktionsorientierte" Politik. Noch ist ungewiss, ob es die Piraten tatsächlich zu einer "richtigen" Partei bringen werden. Doch für den Zugewinn junger Mitglieder sollte es zunächst reichen. Der Neid der anderen Parteien ist ihnen damit sicher.

Juso-Chef Vogt teilt Probsts Einschätzung zur Bedeutung von projektbezogener Arbeit. Eben weil junge Leute darauf bedacht seien, "ihr Engagement auch mal ruhen zu lassen", plädiert der 31-Jährige für Politik in kleinen Dosen und lädt auch Nicht-Mitglieder zur Mitarbeit ein. Sie durch Vorwahlen in die innerparteiliche Personaldebatte zu involvieren, wie es sich SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles vorstellen kann, lehnt Vogt derweil ab: "Unsere Erfahrung ist, dass sich junge Menschen nicht deswegen politisch engagieren, weil sie irgendwo wählen können. Vielmehr brennen ihnen bestimmte Probleme unter den Nägeln - dass es in der Schule durch die Decke regnet oder dass es keine Nachtbusse gibt".

Jugendwahn allein hilft nicht

Dass geeignetes Personal der politischen Hingabe der Jugend dienlich sein kann, will Vogt jedoch keineswegs abstreiten. Denn wie soll der Nachwuchs sich für die SPD begeistern, wenn in den Kommunen - dort, wo sich Enthusiasmus entwickeln soll - alte Leitwölfe agieren, die "nur Genossen mit 10- bis 15-jähriger Politikerfahrung für voll nehmen"? Und wie soll ein Partei-Veteran im Rentenalter glaubwürdig über die Probleme Heranwachsender sinnieren? "Wenn es eine Partei nicht hinbekommt, Nachwuchskräfte in ihrer Spitze zu etablieren, fehlt es ihr automatisch an der Anziehungskraft für die Jugend", sagt Vogt. Zur Blutauffrischung braucht sie demnach den lebenden Beweis dafür, dass sie Nachwuchskräften das Recht zur Mitgestaltung einräumt. Auf allen Ebenen.

Dann stellt sich allerdings die Frage, was die FDP falsch macht. Die Liberalen verfügen mit dem 38-jährigen Philipp Rösler über den jüngsten Parteichef in ihrer Geschichte. Sein Nachfolger im Bundesgesundheitsministerium, Daniel Bahr, ist 34, Generalsekretär Christian Lindner gerade einmal 32 Jahre alt. In die Herzen der Jugend ist das Trio bislang offensichtlich noch nicht gestürmt - vielleicht, weil für das Lieblingsthema der Liberalen - Steuersenkungen - nur die wenigsten Schüler und Studenten in den Kampf ziehen würden.

"Yes we can"

Jubel an der Siegessäule: Selbst in Deutschland war Obama 2008 ein Publikumsmagnet.
Jubel an der Siegessäule: Selbst in Deutschland war Obama 2008 ein Publikumsmagnet.(Foto: picture alliance / dpa)

Vielleicht aber auch, weil es den drei Jungpolitikern an der nötigen Strahlkraft fehlt. "Jugend allein ist kein Markenzeichen", gibt Probst zu bedenken. Um zum Idol junger Menschen aufzusteigen und diese von der politischen Arbeit zu überzeugen, müsse das Gesamtpaket stimmen - so wie es vor drei Jahren beim aktuellen US-Präsidenten Barack Obama der Fall war. Dieser habe damals "mit seiner jugendlichen Ausstrahlung und seiner rhetorischen Kraft bei den Jungwählern punkten können. So engagierten sich hunderttausende im Internetwahlkampf oder zogen von Haustür zu Haustür." In Deutschland feierten 200.000 Menschen, darunter eine Vielzahl von Jugendlichen, den damals immerhin schon knapp 47-Jährigen vor der Berliner Siegessäule.

Gut möglich also, dass ein Zugpferd wie Obama einer deutschen Partei bei der Rekrutierung von Nachwuchskräften helfen könnte. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil es der Mann aus Chicago 2008 wie kaum ein Zweiter verstand, komplizierte Themen auf ihre Quintessenz zu reduzieren und Demokratie zum Abenteuer zu stilisieren. Und für Abenteuer ist die Jugend immer zu haben.

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Quelle: n-tv.de

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