Politik
Pegida-Demo in Dresden Anfang Februar 2015.
Pegida-Demo in Dresden Anfang Februar 2015.(Foto: picture alliance / dpa)

Zulauf seit fünf Wochen: Pegida geht von vorne los

Ein Kommentar von Christoph Herwartz

In Dresden baut sich eine zweite Pegida-Welle auf. Sie könnte nachhaltiger sein als die erste. Das ist kein Grund zur Panik.

Es gibt über den Zustand von Pegida leider keine besseren Daten als die der Polizei Sachsen. Die Beamten schätzen jede Woche die Zahl der Demonstranten, die in Dresden durch die Straßen ziehen. Als einmal Wissenschaftler genauere Methoden anwandten, lag ihre Zahl um ein Drittel darunter. Doch die genaueren Methoden sind aufwändig. Um festzustellen, wie sich Pegida derzeit entwickelt, kann man nur die Zahlen der Polizei Sachsen nehmen und über die Wochen miteinander vergleichen. Und dann kann man Folgendes beobachten: Seit den Querelen im Pegida-Verein und seit der Spaltung hat die Bewegung wieder Zulauf. Damals war die festgestellte Zahl der Demonstrierenden abrupt von 17.300 auf 2000 gefallen. Doch seitdem kommen von Woche zu Woche mehr. An diesem Montag sollen es 7700 gewesen sein, ungefähr so viele wie am 1. Dezember 2014. In der Woche danach wurde die Zahl fünfstellig und die Politik in Berlin wurde nervös.

Pegida wächst derzeit viel langsamer als im Dezember, aber konstant seit fünf Wochen. Und die Organisatoren haben viel gelernt. In die Abläufe ist Routine eingekehrt, der Flügelstreit ist ausgefochten, die Redner werden geübter. Die erste Pegida-Welle ebbte so schnell ab, wie sie gekommen war. Die zweite könnte nachhaltiger werden.

Das Phänomen offensichtlich nicht verstanden

Hat auch die Politik etwas gelernt? Darauf kommt es an, wenn es darum geht, eine angemessene Reaktion auf die Proteste zu finden. Denn die Reaktion auf die erste Welle war katastrophal und hat das Problem unnötig vergrößert.

Denn gleich mehrere Politiker meinten, die Pegida-Demo beschimpfen zu müssen, bevor sie sie verstanden hatten. Der Bundespräsident sprach von "Chaoten", der NRW-Innenminister sprach von "Nazis in Nadelstreifen". Doch die Demonstranten forderten Zucht und Ordnung – und eben kein Chaos. Nadelstreifenanzüge waren nicht zu sehen, in der Kälte brauchte es ohnehin solidere Kleidung. Die Politik hatte das Phänomen Pegida offensichtlich nicht verstanden, schimpfte aber schon wüst drauflos: Von "Mischpoke" war die Rede, von "Rattenfängern" und von einer "Schande für Deutschland".

Gelassenheit statt Panik

Die Art, wie Politiker auf Pegida reagierten, war nicht nur unfair, sondern auch taktisch unklug. Die Demonstranten hatten das Gefühl, dass Politiker dem Volk nicht mehr zuhören – die Reaktion der Politiker bestätigte dieses Gefühl perfekt. Ohne die Beschimpfungen wäre der massive Zulauf zu Pegida nicht denkbar gewesen.

Jetzt, wo wochenlang über die Ursachen der Unzufriedenheit in Sachsen diskutiert worden ist, könnte die Reaktion gelassener ausfallen. Es ist nicht gleich die ganze Demokratie bedroht, wenn ein paar Tausend Menschen auf die Straße gehen. Und kein Politiker macht sich die Hand schmutzig, wenn er sie einem Demonstranten reicht. Die Neuauflage von Pegida kann ein Anlass sein, über die Distanz zwischen Berufspolitikern und ihrem Volk nachzudenken. Sie sollte kein Anlass sein, in Panik zu verfallen.

Quelle: n-tv.de

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