Politik
Pegida-Demo am 22. Dezember: Die Islamfeinde bescheren radikalen Islamisten Zulauf, sagt Thorsten Gerald Schneiders.
Pegida-Demo am 22. Dezember: Die Islamfeinde bescheren radikalen Islamisten Zulauf, sagt Thorsten Gerald Schneiders.(Foto: REUTERS)

Interview: "Pegida stärkt Salafismus"

Wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Kritik und Fremdenfeindlichkeit? Ein Interview mit dem Politik- und Islamwissenschaftler Thorsten Schneiders, der meint, dass Pegida das Gegenteil von dem erreicht, was die Bewegung fordert.

n-tv.de: Sie forschen unter anderem zum Salafismus in Deutschland. Wie bedrohlich ist diese islamistische Strömung hierzulande?

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Thorsten Gerald Schneiders: Sie ist schon bedrohlich und sie muss ernst genommen werden. Man muss nicht in Panik verfallen, sollte aber genau beobachten, was da passiert. Die Rekrutierung junger Leute geht weiter. Es gibt keinen Grund, Entwarnung zu geben.

Was befürchten Sie konkret, wenn sich der Salafismus hier weiter ausbreitet?

Der Salafismus hat sich als weitere extremistische Szene neben Rechtsextremismus und Linksextremismus etabliert, und solche Szenen sorgen für Unruhe. Man muss jederzeit mit Gewalt rechnen. Darüber hinaus stürzen die Salafisten ganze Familien ins Unglück: Jugendliche verachten auf einmal ihre eigenen Eltern als "Ungläubige". Andere müssen befürchten, dass ihre Kinder irgendwann in Syrien oder im Irak als IS-Kämpfer auftauchen. Das betrifft zwar nur einen kleinen Teil der Gesellschaft, aber die Szene wird sich zunächst weiter vergrößern. Denn die Ursachen sind nach wie vor da. Und damit sind wir bei Pegida.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Salafismus und Pegida?

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Für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist eine zentrale Ursache für den Einstieg in den Salafismus die Unzufriedenheit aufgrund von Ausgrenzung und Diskriminierung in der deutschen Gesellschaft. Diverse Studien bescheinigen ihnen ja auch Benachteiligungen in der Schule, im Beruf und so weiter. Und nun sehen sie im Fernsehen Bilder von Tausenden Deutschen, von denen sie die Botschaft empfangen: "Ihr seid als Muslime nicht willkommen.“ Da steigt der Frust, der Wunsch gegen diese Gesellschaft zu rebellieren. Und als junger Muslim rebelliert man nun einmal am besten, indem man sich den Salafisten anschließt, weil man damit derzeit am meisten provozieren und am meisten Angst erzeugen kann.

Sie sagen also, dass Pegida den Salafismus in Deutschland stärkt?

Es ist eine Spirale: Pegida stärkt den Salafismus und der Salafismus stärkt natürlich die Pegida-Bewegung. Das ist das Fatale.

Nach dieser Argumentation darf man die berechtigte Kritik am Salafismus nicht mehr äußern, würde ein Pegida-Anhänger nun wahrscheinlich erwidern.

Es wird ja Kritik geäußert, ich selbst tue das in meinem Buch "Salafismus in Deutschland". Aber es kommt darauf an, wie man kritisiert und mit wem man sich zusammenschließt. Wenn Erwachsene mit Rechtsradikalen zusammen auf die Straße gehen, dann stehen sie als mündige Bürger dafür in der Verantwortung. Ich würde mich auch nicht mit Salafisten auf die Straße stellen und gegen Islamfeindlichkeit demonstrieren. Da wäre der Aufschrei zu Recht genau so groß, wie der gegen die Mitläufer von Pegida.

Am Anfang war von Rechtsradikalen bei Pegida nichts zu sehen. Auf der Bühne wird – mit Ausnahmen – nicht rechtsradikal argumentiert. Warum werfen Sie den Menschen trotzdem vor, sich mit Rechtsradikalen gemein zu machen?

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Die rechtsradikale Szene ist nicht mehr die, die wir in den 1980er und 1990er Jahren kannten. Denn mit offenem Rechtsextremismus kommt man in Deutschland nicht mehr weit, das sieht man auch am Niedergang der NPD. Darum werden fremdenfeindliche Gedanken nun verschlüsselt auf die Straße getragen. Klassische rechte Parolen und Strukturen werden versteckt, oft übrigens hinter einer vermeintlichen Solidaritätsbekundung gegenüber Israel. Gerne ist auch demonstrativ vom "christlich-jüdischen Abendland" die Rede. Hinter "Islamkritik" nun lässt sich die klassische Fremdenfeindlichkeit besonders gut verbergen. Denn zweifellos hat die Religion des Islam ein Problem, weil Terror-Organisationen wie der Islamische Staat oder Al Kaida sie missbrauchen. Und so kann sich der Fremdenfeind, denkt er jedenfalls, im Falle von Anfeindungen immer auf den Standpunkt zurückziehen, er kritisiere ja nur diesen Islamismus, was ja wohl berechtigt sei. Nicht alle Demonstranten bei Pegida sind fremdenfeindlich, aber Pegida als Bewegung ist es schon.

Für einen Pegida-Anhänger ist das eine unbefriedigende Antwort. Er hat eine Forderung, die eigentlich ins politische Spektrum passt und wird trotzdem als Rechtsradikaler abgestempelt. Wie kann man da eine Grenze ziehen? Was ist erlaubt, was nicht?

Die Grenze ist die Pauschalisierung. Wer eine ganze Gruppe von Menschen pauschal kritisiert, ist grundsätzlich im Unrecht. Menschen sind immer unterschiedlich. Die Botschaften, die Pegida über Islam, über Flüchtlinge, über Ausländerkriminalität und so weiter transportiert, sind verallgemeinernd und damit falsch. In der Regel treffen solche Darstellungen in Deutschland erfreulicherweise auf Widerstand, und damit muss sich ein Pegida-Anhänger nun eben auseinandersetzen.

Thorsten Gerald Schneiders ist Politik- und Islamwissenschaftler. Er forscht unter anderem zu Salafismus in Deutschland und zu Islamfeindlichkeit.
Thorsten Gerald Schneiders ist Politik- und Islamwissenschaftler. Er forscht unter anderem zu Salafismus in Deutschland und zu Islamfeindlichkeit.

Konkret wird eine Religion kritisiert: Der Islam sei menschenfeindlich, frauenfeindlich, kriegerisch. Dieser Eindruck kann entstehen, wenn man die Nachrichten verfolgt.

Ja. Und er ist verzerrt. Zwei Drittel der Berichterstattung über den Islam steht in einem negativen Kontext – natürlich auch, weil die Zahl der Gewalttaten mit islamistischem Hintergrund gewaltig gestiegen ist. Aber der Islam ist eine Weltreligion, die übergroße Mehrheit der Muslime lebt weitgehend friedlich – und zwar in Südostasien. Über die wird hier nie geredet. Die friedlichen Muslime in Deutschland finden in unseren Nachrichten ebenfalls so gut wie nie statt – was in der medialen Natur der Sache liegt. Auch historisch gesehen ist die derzeit so prägende Verknüpfung von Islam und Gewalt eher eine Ausnahme – nimmt man das Expansionsstreben der hier so präsenten Osmanen mal aus, die ab dem 15. Jahrhundert verstärkt nach Europa drängten. Doch das hatte weniger mit Religion, sondern mehr mit osmanischem Militarismus zu tun.

Die Pegida-Demonstranten haben keine Angst vor einer muslimischen Armee, sondern vor einer schleichenden Islamisierung.

Der Begriff "Islamisierung" ist ein Konstrukt, das sich unter Islamfeinden entwickelt hat. Die Zahl der Muslime steigt, aber wir reden von 4,5 Millionen unter 80 Millionen Bürgern. Viele Beispiele für angebliche muslimische Sonderrechte sind Hirngespinste. Wer etwa die Einführung von Islamunterricht als Islamisierung bezeichnet, sollte mal ins Grundgesetz schauen. Dort wird die freie Ausübung der Religion garantiert. Das gilt nun mal auch für Muslime. Aber bei Pegida geht es eh nicht um rationale Überlegungen, sondern um Emotionen – und um ein Feindbild, das sich die Wortführer auch durch die stichhaltigsten Argumentationen niemals nehmen lassen würden.

Mit Thorsten Gerald Schneiders sprach Christoph Herwartz

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Quelle: n-tv.de

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