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Auf Widerstand gefasst: Faradsch (m.) führt seine Kameraden durch eine Häuserschlucht.
Auf Widerstand gefasst: Faradsch (m.) führt seine Kameraden durch eine Häuserschlucht.(Foto: Issio Ehrich)
Freitag, 13. Mai 2016

Der stolze Faradsch lernt den Häuserkampf: Peschmerga stählen sich für den IS

Von Issio Ehrich, Erbil

Plötzlich ein Anfänger. So geht es vielen Peschmerga, wenn sie in die Ausbildung der Bundeswehr kommen. Wie gehen die kurdischen Kämpfer mit dieser Rolle um?

Wenn der Peschmerga nicht weiß, wohin er sich drehen soll, fasst ihn der Bundeswehrsoldat an – behutsam, aber bestimmt. Er dreht den Peschmerga in die vorgesehene Richtung. Hält der Peschmerga sein M16 falsch, greift der Bundeswehrsoldat ein – auch behutsam und bestimmt. Er schiebt den Lauf des Sturmgewehrs dorthin, wo er im Häuserkampf nun mal hingehört. Und wenn es sein muss, führt er den Peschmerga zurück an den Sandkasten. Mit bunten Plastik-Soldaten zeigt der Bundeswehrsoldat dort, wie sich der Peschmerga zu bewegen hat.

Faradsch stieg mit 17 bei den Peschmerga ein. Mittlerweile ist er 26 und verteidigt die Öl-Metropole Kirkuk.
Faradsch stieg mit 17 bei den Peschmerga ein. Mittlerweile ist er 26 und verteidigt die Öl-Metropole Kirkuk.(Foto: Issio Ehrich)

Die Ausbildung der kurdischen Kämpfer im Norden des Iraks mutet mitunter paternalistisch an. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, wer da trainiert wird. Peschmerga heißt: "Die dem Tod ins Auge sehen." Die Geschichte dieser Kämpfer reicht bis in die Zeit des Osmanischen Reiches. Und in der kurdischen Autonomieregion gibt es bis heute kaum eine Aufgabe, die ähnlich hoch angesehen ist, wie der Dienst in der Legenden umwobenen Truppe.

Wie fühlt sich die Rolle des Lehrlings für jemanden an, der in der eigenen Bevölkerung als Meister des Krieges verehrt wird?

Daban Umar Faradsch muss es wissen. Faradsch ist 26, ein kräftiger Kerl mit Stoppelbart und einer von rund 1600 Peschmerga, die seit dem Beginn der deutschen Ausbildungsmission vor gut einem Jahr bei der Bundeswehr ins Training geschickt wurden – obwohl ihm, wie so vielen seiner Kameraden, der Krieg geradezu in die Wiege gelegt wurde.

Ein Kind des Krieges

Faradsch kam 1991 auf die Welt. In diesem Jahr tobte der Zweite Golfkrieg am heftigsten. Die USA griffen mit ihren Bombern ein, dann mit ihren Marines. Im später enttäuschten Vertrauen auf die amerikanische Stärke erhoben sich auch die Kurden gegen das Regime von Saddam Hussein. Ein Onkel Faradschs wurde im Kampf getötet, andere Verwandte verschwanden und tauchten nie wieder auf. Sie verendeten vermutlich in Saddams berüchtigten Kerkern.

Schon als Kind sehnte sich Faradsch nach einem Platz in der langen Geschichte der kurdischen Streitkräfte. Er wollte seine Familie und sein Mutterland verteidigen. Mit 17, da hatte er gerade die Schule beendet, war es so weit.

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Nun steht Faradsch inmitten einer halbfertigen Neubausiedlung am Rande der kurdischen Hauptstadt Erbil. Der Bauherr der Siedlung hat sich angeblich mit dem Geld Dutzender Familien abgesetzt, als der IS näher rückte. Jetzt nutzt die Bundeswehr die rötlichen Beton- und Backsteingerippe, um mit den Peschmerga den Sturm von Gebäuden zu trainieren. "Seit der Islamische Staat (IS) uns angreift, habe ich Kampferfahrung gesammelt", sagt Faradsch. Er mag Fußball und Fitness. Aber mittlerweile nennt er auch den Krieg nicht nur eine Arbeit oder Verpflichtung, sondern sein "Hobby". "Ich will für immer bei den Peschmerga bleiben."

Faradsch hat sicher schon mehr Häuserkämpfe erlebt, als die meisten der rund 180.000 Bundeswehrsoldaten in Deutschland. Er gehört zu einem Bataillon, das die Öl-Metropole Kirkuk gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) verteidigt. In der Region kommt es immer wieder zu Attentaten und Überraschungsangriffen.

Dass da plötzlich Leute vom friedlichsten Kontinent der Welt kommen, um ihm zu zeigen, wie man richtig kämpft, kam ihm trotzdem nur anfangs komisch vor. "Ich dachte, der Häuserkampf ist doch nicht so schwer", sagt Faradsch. Doch da habe er auch noch geglaubt, die vielen Verluste, die die Kurden dabei erlitten, gehörten dazu. Sogenannte IEDs, improvisierte Sprengkörper, die fliehende IS-Kämpfer in ihren Stellungen hinterlassen, zählen zu den Haupttodesursachen für Peschmerga. Jetzt räumt Faradsch ein, dass sie auf diese listigen Waffen nicht gut vorbereitet waren. "So wie es die Deutschen machen, habe ich das noch nie gesehen", sagt Faradsch. "Wie sie im Häuserkampf und mit IEDs umgehen, ist wirklich professionell."

Einen deutschen Soldaten fasst niemand so einfach an

Die Peschmerga haben sich ihren Ruf nicht dadurch erworben, dass sie so versierte Kämpfer sind. Der Mythos, der die Einheiten umgibt, ist wohl auch deshalb so groß, weil sie sich oft einem übermächtigen Gegner ausgesetzt sahen. Genau genommen sind die Peschmerga eine ziemlich durchwachsene Truppe. In ihren Reihen gibt es abgehärtete Veteranen mit akademischer militärischer Ausbildung. Aber vor allem bei den jungen Peschmerga handelt es sich oft um Halbzeitsoldaten, die nach Dienstschluss Autos reparieren oder Getränke verkaufen. Die Peschmerga punkten in der Bevölkerung vor allem durch ihre Entschlossenheit und Leidenschaft. Die Regionalregierung zahlt ihren Soldaten wegen der schwächelnden Wirtschaft seit Monaten kein Gehalt. Die Kämpfer ziehen trotzdem ohne Widerworte an die Front und setzen ihr Leben für Kurdistan aufs Spiel.

Die Bundeswehr trainiert die Peschmerga in einer Neubausiedlung in der kurdischen Hauptstadt Erbil. Der Bauherr setzte sich kurz vor der Fertigstellung ab.
Die Bundeswehr trainiert die Peschmerga in einer Neubausiedlung in der kurdischen Hauptstadt Erbil. Der Bauherr setzte sich kurz vor der Fertigstellung ab.(Foto: Issio Ehrich)

Dass die meisten Peschmerga im Häuserkampf keine Experten sind, liegt aber auch daran, dass für sie in der jüngeren Geschichte nur in Ausnahmefällen im Vordergrund stand, Geländegewinne zu erzielen. Die Zentralregierung in Bagdad reagiert gereizt, wenn die Peschmerga im Begriff sind, sich auszubreiten. Gleiches gilt für die übermächtigen Nachbarstaaten in der Region. Für die irakischen Kurden, die zur größten Minderheit der Welt ohne eigenen Staat gehören, war die zentrale Herausforderung stets, das Land, auf dem sie leben, zu verteidigen. Häuserkämpfe mit allen damit verbundenen Tücken spielen erst seit dem Erstarken des IS eine größere Rolle. Und es ist auch nicht so, dass man sich durch ein paar Übungen schnell dafür wappnen könnte.

Faradschs Trainer, Hauptfeldwebel Mario, dessen Nachname aus Sicherheitsgründen geheim bleiben soll, nennt das Eindringen in Gebäude eine der "komplexesten Aufgaben" der Gefechtsausbildung. Bei Übungen in Deutschland werden Bundeswehrsoldaten zwar nicht angefasst und hin- und hergeschoben wie die Kurden im Norden des Iraks. Aber das hat vor allem zwei Gründe. Erstens: "Ausbilder dürfen deutsche Soldaten erst nach vorheriger Genehmigung berühren", sagt Hauptfeldwebel Mario. "Zum Beispiel bei der Anzugskontrolle im Rahmen des Formaldienstes." Zweitens: "In Deutschland dauert das komplette Training für den Häuserkampf mindestens einen Monat. Wir bilden die Peschmerga innerhalb einer Woche in den notwendigen Grundlagen des Häuserkampfes aus."

Aufgehen wie eine Blume – oder sterben

Der letzte Trainingslauf dieses Tages beginnt mit einem Knall. Faradschs Kameraden werfen Rauchgranaten auf die Straße vor dem Gebäude, das sie erobern sollen. Ein paar Sekunden später füllt ein orangefarbener Nebel die Häuserschlucht. In Vierergruppen überqueren die Peschmerga die Straße. Faradsch führt einen der Trupps an. "Beim Eindringen müsst ihr aufgehen wie eine Blume", hatte Hauptfeldwebel Mario ihnen kurz vorher immer wieder gesagt. "Wie eine Blume. Sonst seid ihr tot."

Im echten Kampfeinsatz kommt es noch viel zu oft vor, dass nur einer der Peschmerga ins Zimmer springt, vor dem Tür- oder Fensterrahmen stehen bleibt und versucht, alle Seiten zu sichern. Der Rest steht dann blockiert dahinter und weiß nicht, was drinnen passiert.

Die Augen von Faradsch und seinen Kameraden sind weit aufgerissen, während sie durch die spärlich beleuchteten Zimmer ziehen. An einigen Stellen halten sie bewusst inne. Einer der Trainer wird später erklären, dass sie dann bis drei zählen, um die Reaktionen möglicher Sprengfallen abzuwarten. "Was der IS an IEDs legt, ist schon Championsleague im Vergleich zu Afghanistan", sagt er.

Fenster und Türen nach Auslösern absuchen, in Dreiertrupps eindringen. Der vierte Mann sichert den Zugang nach hinten und hält den Kontakt zu den folgenden Soldaten. Hinter Sofas gucken, unter Stühle. "Der Kampf von Raum zu Raum ist eine enorme psychische Belastung", sagt Hauptfeldwebel Mario. Der Stress ist Faradsch und seinen Männern anzusehen. Von Perfektion ist all das noch weit entfernt. Aber es läuft diesmal besser. Nach kaum zehn Minuten ist es geschafft, Faradsch sichert einen Kameraden, der am Fenster des letzten Raumes eine grüne Fahne schwenkt.

Stolz sei eine Sache, sagt Faradsch. Ignoranz eine andere. Er habe das Gefühl, dass seine Überlebenschancen gerade gestiegen sind und fügt hinzu: "Wir Peschmerga sind stark, aber wir müssen noch stärker werden."

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Quelle: n-tv.de

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