Politik
Pestizide, der neue Hoffnungsträger der Grünen - im übertragenen Sinne.
Pestizide, der neue Hoffnungsträger der Grünen - im übertragenen Sinne.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 22. November 2014

Haben Grüne einen neuen Schlager?: Pestizide sind die neuen Castoren

Von Issio Ehrich, Hamburg

Die Grünen haben die Landwirtschafts- und Ernährungspolitik wieder für sich entdeckt. Und die Hoffnungen sind gewaltig. Einige sprechen bereits von einer Bewegung, die an die Friedens- oder Anti-Atomkraft-Bewegung erinnern könnte.

Für einen Moment herrscht Pferdeschau-Stimmung: Die Bundesvorsitzende der Grünen, Simone Peter, pfeift einige ihrer prächtigsten Hengste und Stuten auf die Bühne.  Es vergehen keine drei Sekunden, da traben sie herbei. Die sechs Prachtexemplare präsentieren sich den Delegierten im Saal zunächst im Profil, bis sie die Mitte der Bühne erreichen. Dort machen sie auf der Stelle halb kehrt für den Blick auf die Frontale. Die Delegierten starren andächtig hin.

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Natürlich traben nicht wirklich Pferde auf die Parteitagsbühne. Es soll nicht einmal so aussehen. Trotzdem wirkt das, was die Ökopartei als "Inszenierung mit den Grünen LandwirtschaftsministerInnen" beschreibt, wie eine Szene vom Viehmarkt.

Auf ihrem Parteitag in Hamburg zeigen sich die Grünen besonders stolz auf die Männer und Frauen, die in den Ländern für das Agrar-Ressort zuständig sind. Denn die Grünen wittern bei den Themen Landwirtschaft und Ernährung ein neues Großprojekt, eine Spur, die zurück auf den Pfad des Erfolges führen könnte.

Peter lässt Körbe voller Äpfel auf die Bühne tragen – aus ökologischem Anbau selbstverständlich. In den Augen der Parteivorsitzenden haben die grünen Zierpferde das Schaulaufen offensichtlich mit Bravour gemeistert. Die Minister-Hengste und Minister–Stuten schnappen sich die Belohnung, blecken ihre Zähne und beißen zu.

Die Szene wirkt gestelzt. Aber vielleicht sind die Grünen zu Recht so stolz auf ihre Minister. Die Grünen setzen nicht völlig ohne Grund gewaltige Hoffnungen in die Agrarpolitik.

Ein Thema jenseits der Flügelkämpfe

"Wir brauchen nicht nur mehr ökologische Landwirtschaft", sagt Fraktionschef Anton Hofreiter während der Debatte über das Thema. Es brauche auch Gesetze für eine ordentliche konventionelle Landwirtschaft. Hofreiter zeichnet Schreckensbilder von gewaltigen Gen-Technik-Monokulturen in Südamerika und fügt hinzu: "Wir müssen dafür streiten, dass es verboten wird - ich sag verboten wird -, diese Art von Futter nach Deutschland zu exportieren." 

Hofreiter, über dessen Nachfolge sich manch ein Grüner seit Wochen Gedanken macht, heimst einen Applaus ein, wie er ihn wohl nie zuvor erhalten hat. Artenvielfalt, Ökosysteme – das sind Themen, mit denen der sonst als mäßig begabter Redner geltende Biologe die Delegierten begeistern kann.

Selbst von prominenten Realos, die nicht allzu gut auf den Wortführer der Partei-Linken zu sprechen sind, gibt es Lob.  "Die Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik ist kein Feld für Flügelkämpfe", heißt es da. Eine Einschätzung, die sich in der Abstimmung zum Leitantrag, den der Bundesvorstand eingereicht hat, zu bestätigen scheint. Es gibt kaum eine Handvoll Gegenstimmen.

Die Grünen setzen sich in ihrem Leitantrag für "sichere Lebensmittel ohne Gentechnik, Antibiotika und Pestizide" ein. Sie plädieren für eine "vielfältige bäuerliche Landwirtschaft im Einklang mit der Natur". Und sie fordern "fairen Handel und das Recht auf Nahrung für alle".

Wir, die und die dritte Bewegung

Anders als viele andere urgrüne Themen bietet die Agrarpolitik durchaus Raum, um sich von der politischen Konkurrenz abzugrenzen. Im Leitantrag heißt es: "Die Bundesregierung fördert unverdrossen die Massentierhaltung, öffnet der Gentechnik Hintertüren und weicht selbst die bescheidenen Umweltstandards der europäischen Landwirtschaftspolitik noch weiter auf." In einigen Bundesländern gilt nach wie vor: Union und Sozialdemokraten sehen sich noch sehr oft besonders den wirtschaftlichen Interessen der Agrarindustrie verpflichtet. Sei es, weil es um Arbeitsplätze geht oder um Wachstum.

Die frühere Fraktionsvorsitzende Renate Künast kann dem Thema gar etwas Rebellisches abgewinnen, eine Eigenschaft, die viele Grünen-Wähler in den vergangenen Jahren vermisst haben.  "Der Donner, den wir erlebt haben beim Veggie-Day, wird noch größer sein, wenn wir unsere Agrarwende wirklich ernst meinen", sagt sie.

Ohne sich in Flügelkämpfen zu verzetteln, könnten die Grünen bei der Landwirtschaftspolitik ein scharfes Profil entwickeln. Sie haben Raum, sich von der Konkurrenz abzusetzen und das Potenzial, mal wieder ein bisschen progressiv zu wirken, indem sie sich gegen gewisse gesellschaftliche Widerstände durchsetzen.

"Die Agrarwende  hat eine ähnliche ökologische Bedeutung wie sie die Energiewende hat", sagt denn auch Fraktionschef Hofreiter. Am treffendsten fasst aber womöglich Friedrich Ostendorff, ein Mitglied des Landwirtschaftsausschusses des Bundestages, die Hoffnung der Grünen in das Thema, zusammen. Zwar beschäftigen sich die Grünen schon seit eh und je mit Tierschutz, Öko-Landwirtschaft und Gentechnik. Doch er sieht jetzt die Zeit gekommen,  dass auf die Friedens- und Anti-Atombewegung eine dritte Bewegung entstehen könnte.

Quelle: n-tv.de

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